ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2020Ischialgie: Chirurgische Therapie ist bei persistierender Ischialgie der konservativen überlegen

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Ischialgie: Chirurgische Therapie ist bei persistierender Ischialgie der konservativen überlegen

Gerste, Ronald D.

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Foto: Science Photo Library/Sebastian Kaulitzki
Foto: Science Photo Library/Sebastian Kaulitzki

Bei Ischialgien, die von einem Vorfall einer Bandscheibe im Lumbalbereich verursacht werden, wird unter konservativer Therapie im Allgemeinen innerhalb von 4 Monaten eine Besserung der Symptomatik erwartet. Viele Studien zu dieser Thematik beschränken sich auf solche relativ kurzen Verläufe.

Eine kanadische Autorengruppe ist jetzt der Frage nachgegangen, welche Option für Patienten besser ist, bei denen die Beschwerden, vor allem die für „Ischias“ so typischen Schmerzen, über längere Zeiträume, nämlich über 4 bis 12 Monate persistieren.

128 Patienten mit einem durchschnittlichen Alter von 38 Jahren und zu 41 % weiblich nahmen an der Studie teil. Sie wurden in 2 Gruppen randomisiert: konservative vs. chirurgische Behandlung. Die Diagnose Bandscheibenvorfall war bestätigt worden durch MRT-Untersuchung mit einer Lokalisation im Bereich L4-L5 und L5-S1 und Kompression des entsprechenden Nervenkanals.

Die Patienten hatten vor Studienbeginn keine Therapie ihrer Ischialgie erhalten. Die konservative Behandlung erfolgte gemäß dem Standard of Care und konnte körperliches Training, Physiotherapie, Einnahme oraler Analgetika und epidurale Glukokortikoidinjektionen umfassen. Bei der chirurgischen Behandlung erfolgte eine Mikrodisk-ektomie über einen minimal-invasivem Zugang. Diese Patienten wurden für die erste postoperative Nacht hospitalisiert.

Bei jenen, die zu den Kontrolluntersuchungen nach 6 und 12 Monaten (chirurgisch n = 51, konservativ n = 54) vorstellig wurden, zeigte der primäre Endpunkt, die Intensität des Beinschmerzes, unter chirurgischer Behandlung eine weitaus deutlichere Verbesserung als die konservative Therapie: Dieser von 0–10 reichende und mit der Schmerzintensität ansteigende Score konnte nach 1 Jahr in der chirurgisch behandelten Gruppe von durchschnittlich 7,7 auf 2,6 gesenkt werden und bei den konservativ behandelten Studienteilnehmern von 8,0 auf 4,7.

Der ebenfalls mit höherer Ausprägung ansteigende Oswestry Disability Index (ODI; 0–100) wurde unter chirurgischer Therapie binnen 1 Jahres von durchschnittlich 49,7 auf 22,9 und unter konservativer Behandlung von 50,2 auf 34,7 reduziert. Von den der konservativen Therapie zugeteilten Patienten entschieden sich im Studienverlauf 34 % zum Wechsel in die chirurgisch betreute Gruppe.

Fazit: „Die vorliegende Studie bestätigt die klinische Beobachtung, dass ein Bandscheibenvorfall, der über mehrere Monate Symptome verursacht, durch eine operative Therapie günstig beeinflusst werden kann, zumal die konservative Therapie allein den Spontanverlauf modulieren kann“, kommentiert Prof. Dr. med. Peer Eysel, Direktor der Klinik und Poliklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie der Universität Köln. „Zum Design der Studie ist allerdings anzumerken, dass auch der Nachuntersuchungszeitraum von 1 Jahr vergleichsweise kurz ist.“ Dr. med. Ronald D. Gerste

Bailey CS, Rasoulinejad P, Taylor D, et al. : Surgery versus conservative care for persistent sciatica lasting 4 to 12 months. N Engl J Med 2020; 382: 1093–102.

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