ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2020Zoeliakie: Das Sterberisiko ist trotz besserer Diagnostik und glutenfreier Lebensmittel erhöht

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Zoeliakie: Das Sterberisiko ist trotz besserer Diagnostik und glutenfreier Lebensmittel erhöht

Meyer, Rüdiger

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Foto: picture alliance/Ulrich Baumgarte
Foto: picture alliance/Ulrich Baumgarte

Die Zöliakie ist eine immunvermittelte Enteropathie, bei der es zu einer chronischen Entzündung und Atrophie der Dünndarmschleimhaut kommt. Die Resorption von Nährstoffen ist dadurch eingeschränkt. Neueren Untersuchungen zufolge liegt die Prävalenz bei circa 1:100. Bei nur 10–20 % der Betroffenen aber manifestiert sich die Erkrankung als Vollbild der Zöliakie (1). Der 1. Häufigkeitsgipfel liegt zwischen dem 1. und dem 8. Lebensjahr, der 2. zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr.

Die Erkrankung ist mit einem erhöhten Risiko für Lymphome, für osteoporotische Frakturen, Diabetes mellitus vom Typ 1 und anderen chronischen Erkrankungen assoziiert. Ob diese Komorbidität und die damit erhöhte Mortalität durch den Verzicht auf Gluten verhindert werden kann, ist nicht bekannt.

Ein Team um Jonas Ludvigsson vom Karolinska Institut in Stockholm hat hierzu die Daten des schwedischen Registers ESPRESSO (Epidemiology Strengthened by histoPathology Reports in Sweden) mit dem Sterberegister des Landes abgeglichen. ESPRESSO dokumentiert die histologischen Diagnosen, die an allen 28 pathologischen Instituten des Landes gestellt werden. In den Jahren 1969–2017 wurde bei 49 829 Schweden nach der Untersuchung von Darmbiopsien die Diagnose einer Zöliakie gestellt. Von ihnen sind in einer Nachbeobachtungszeit von median 12,5 Jahren 6 596 (13,2 %) gestorben.

Die Mortalität lag mit 9,7 Todesfällen pro 1 000 Personenjahren höher als in einer Vergleichsgruppe von 246 426 Schweden gleichen Alters und Geschlechts. Dort kam es zu 8,6 Todesfällen auf 1 000 Personenjahre. Ludvigsson ermittelt für die Differenz eine Hazard Ratio (HR) von 1,21, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,17 bis 1,25 statistisch signifikant war.

Das Mortalitätsrisiko war in allen Altersgruppen erhöht und in der Altersgruppe von 18–39 Jahren am stärksten (HR: 1,69 [95-%-Konfidenzintervall][1,47; 1,94]). Die Autoren erklären dies mit der längeren Zeitspanne, die jüngere Patienten gegenüber älteren den Folgen der Erkrankung ausgesetzt sind.

Das Sterberisiko war im 1. Jahr der Erkrankung am höchsten. Ein Grund dafür könne die erhöhte Krankheitsaktivität in der Zeit vor der Diagnose sein, so die Forscher.

Patienten starben häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HR: 1,08 [1,02; 1,13]), an Krebs (HR: 1,29 [1,22; 1,36]) und an Atemwegserkrankungen (HR: 1,21; [1,08; 1,37]). Das erhöhte Sterberisiko an Atemwegserkrankungen könnte den Autoren zufolge auf eine vermehrte Anfälligkeit gegenüber schweren Infektionen zurückzuführen sein. Den Patienten wird deshalb heute zu einer Pneumokokkenimpfung geraten.

Eine Analyse der jüngsten Diagnosen aus den Jahren 2010–2017 lieferte keine Hinweise auf einen Rückgang des Sterberisikos. Die Hazard Ratio von 1,35 ([1,21; 1,51]) war sogar noch höher als in früheren Jahren.

Dies könnte zwar auf das erhöhte Anfangsrisiko zurückzuführen sein, meinen die Autoren. Dass jedoch kein Trend zu einem Rückgang des Mortalitätsrisikos erkennbar ist, obwohl die Diagnose heute früher gestellt wird, zeige an, dass Menschen mit Zöliakie ein erhöhtes Grundrisiko haben, das sich auch nach der Abheilung der Darmschleimhaut nicht wesentlich verändere.

Fazit: Patienten mit einer Zöliakie haben weiterhin ein erhöhtes Risiko, vorzeitig zu sterben, obwohl die Erkrankung heute früher diagnostiziert wird und der Zugang zu glutenfreien Lebensmitteln sich verbessert hat. Rüdiger Meyer

  1. Deutsche Zöliakie Gesellschaft e.V.
  2. Lebwohl B, Green PHR, Söderling J, et al.: Association between celiac disease and mortality risk in a swedish population. JAMA. 2020; 323: 1277–85.

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