ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2020Bundes­ärzte­kammer zur Triage: Keine pauschalen Lösungen

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Bundes­ärzte­kammer zur Triage: Keine pauschalen Lösungen

Richter-Kuhlmann, Eva

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Für den Fall eines Kapazitätsmangels legt die Bundes­ärzte­kammer eine Orientierungshilfe vor, die Ärztinnen und Ärzte bei der Verteilung von intensivmedizinischen Ressourcen unterstützen soll. Im Mittelpunkt der Einzelfallentscheidungen stehen Indikation, Patientenwille und Erfolgsaussichten.

Kein Menschenleben ist mehr wert als ein anderes – Entscheidungen über eine Allokation können nach Ansicht der Bundesärztekammer nur einzelfallbezogen sein. Foto: picture alliance/Petr David Josek/AP/dpa
Kein Menschenleben ist mehr wert als ein anderes – Entscheidungen über eine Allokation können nach Ansicht der Bundes­ärzte­kammer nur einzelfallbezogen sein. Foto: picture alliance/Petr David Josek/AP/dpa

Auch wenn derzeit ausreichend intensivmedizinische Ressourcen in den Kliniken vorhanden sind, schließt die Bundes­ärzte­kammer eine noch kommende Situation der Knappheit im Rahmen der COVID-19-Pandemie nicht aus. „Wir müssen personell und strukturell auf eine mögliche zweite Welle vorbereitet sein“, betonte Bundes­ärzte­kammerpräsident Dr. med. (I) Klaus Reinhardt. Dazu gehöre auch, Ärztinnen und Ärzten wichtige rechtliche und ethische Orientierungshilfen zu geben, wenn sie im Fall knapper Behandlungskapazitäten schwierige Entscheidungen über die Vergabe medizinischer Ressourcen treffen müssten.

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Eine solche Orientierungshilfe für Ärztinnen und Ärzte liegt jetzt vor. Dem Papier der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) zufolge sollten im Fall einer notwendigen Priorisierung ärztliche Entscheidungen so getroffen werden, dass die Erfolgsaussichten mit Blick auf das Überleben und die Gesamtprognose möglichst groß sind und die meisten Menschenleben gerettet werden können. Grundsatz müsse aber immer sein, dass kein Menschenleben mehr wert sei als ein anderes, stellt die BÄK ausdrücklich klar. „Es verbieten sich Benachteiligungen aufgrund von zum Beispiel Alter, Geschlecht, Nationalität, Behinderung oder sozialem Status.“ Vielmehr müssten die medizinische Indikation, der Patientenwille und die klinischen Erfolgsaussichten zentrale Kriterien für die Entscheidung angesichts knapper Ressourcen sein.

Dieser Ansatz deckt sich im Wesentlichen mit den klinisch-ethischen Empfehlungen zu „Entscheidungen über die Zuteilung von Ressourcen in der Notfall- und der Intensivmedizin im Kontext der COVID-19-Pandemie“, die die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) gemeinsam mit weiteren Fachgesellschaften Ende März vorlegte und im April aktualisierte.

Die Therapieentscheidungen im Triagefall seien „stets einzelfallbezogene Entscheidungen nach dem Prinzip der Gerechtigkeit auf der Basis von transparenten sowie ethisch und medizinisch-fachlich begründeten Kriterien“, betont die BÄK. Grundsätzlich seien alle Patientinnen und Patienten, die einen Behandlungsbedarf haben, einzubeziehen – unabhängig davon, ob dieser auf eine infektiöse Erkrankung (SARS-CoV-2) oder eine andere (intensiv-)medizinisch behandlungsbedürftige Krankheit zurückgehe.

Wichtig ist der BÄK zudem, dass Ärztinnen und Ärzte rechtmäßig handeln, wenn sie „in einer Situation existenzieller Knappheit unter sorgfältiger Berücksichtigung der Berufsordnung und des aktuellen Standes der medizinischen Erkenntnisse einzelfallbezogene Entscheidungen über die Allokation (intensiv-)medizinischer Ressourcen treffen“, heißt es in der Orientierungshilfe. Es sei allerdings nicht ausreichend, dass nur kein individueller Schuldvorwurf gegenüber Ärzten erhoben werden soll. Das ärztliche Handeln müsse als objektiv rechtmäßig gelten, fordert die Bundes­ärzte­kammer und appelliert an die Politik, die Öffentlichkeit über die Bedingungen und Konsequenzen der SARS-CoV-2-Pandemie bei nicht mehr bedarfsgerecht vorhandenen medizinischen Ressourcen zu informieren.

Darüber, ob eine gesetzliche Regelung der Triage notwendig ist, gehen die Meinungen in der Politik auseinander: Während der Bundesbehindertenbeauftragte Jürgen Dusel und die Grünenfraktion eine Befassung des Bundestags mit dem Thema fordern, sehen die Bundesminister für Gesundheit, Jens Spahn (CDU), und für Justiz, Christine Lambrecht (SPD), derzeit keine Notwendigkeit für eine Regelung. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Orientierungshilfe im Internet:
www.aerzteblatt.de/201084
oder über QR-Code.

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