ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2000„Schulpsychologie und Schule im Dialog„: Hoch begabte Schulversager

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„Schulpsychologie und Schule im Dialog„: Hoch begabte Schulversager

Dtsch Arztebl 2000; 97(9): A-515 / B-417 / C-394

Bühring, Petra

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LNSLNS Werden hoch begabte Kinder nicht erkannt und gefördert, stören sie nicht nur den Unterricht, sondern entwickeln oft auch psychische Störungen.


Kinder mit sehr hoher Intelligenz seien früher oft auf Sonderschulen gelandet, weil sie verhaltensauffällig waren, erklärte Dr. Thomas Zech, Schulpsychologe, Brühl, bei einer Fachtagung auf der Messe Interschul/didacta in Köln über "Schulpsychologie und Schule im Dialog", veranstaltet von der Arbeitsgemeinschaft Schulpsychologie Nordrhein-Westfalen und der Sektion Schulpsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP).
Damit aus hoch begabten Kindern keine Schulversager werden, ist es wichtig, sie zu erkennen und nach einer fachpsychologischen Diagnose - in Deutschland ist das in erster Linie Aufgabe von Schulpsychologen - entsprechend zu fördern. Nur 50 Prozent der hoch begabten Kinder weltweit würden tatsächlich identifiziert und entsprechend gefördert, erklärte Zech. Hochbegabung ist traditionell ein Forschungsschwerpunkt der Psychologie. Schulpsychologen sind wissenschaftlich ausgebildet in psychologischer und pädagogischer Diagnostik. Neben der Betreuung der Kinder beraten sie Eltern und übernehmen die Lehrerfortbildung.
Sensibilisierung hat zugenommen
In den letzten Jahren seien die Anfragen der Eltern, die ihre Kinder einer Hochbegabten-Diagnostik unterziehen wollen, deutlich gestiegen, berichtet Zech. Den Einwand, dieses Phänomen sei "mediengesteuert", bestätigte er, doch habe gleichzeitig auch die Sensibilisierung bei Lehrern und Schulleitung zugenommen. Festzustellen sei, dass Grundschulen, die das Thema Hochbegabung "allgemein als von Schulpsychologen aufgesetzt empfinden", besonders viele Kinder schickten; Gymnasien dagegen seien sehr an Lehrerfortbildungen interessiert und überwiesen wenig "Problemfälle" in die Beratungen der Schulpsychologen.
Zech betonte, dass "weltweit eigentlich niemand genau weiß, was Hochbegabung ist". Jedoch könnten einige allgemeine Merkmale hoch begabter Kinder im Vorschulalter anhand der internationalen Literatur und eigener Erfahrungen aufgelistet werden (Kasten).
Hoch begabte Kinder sollten in der Förderung nicht vernachlässigt werden, weil man annehme, dass "sie ja alles schon können", betonte Ingrid Jost, Schulpsychologin aus Köln. Gerade diese Kinder hätten oft in der Schule keine hohe Leistungsmotivation. Begabung setze sich aber nur um, wenn Leistungen erbracht würden. Sie erklärte, dass ein Schulpsychologe auch die Familiendynamik berücksichtigen müsse: Ein Elternteil könne die Förderung extrem vorantreiben wollen; der andere, aus Angst, das Kind zu überfordern, die Förderung hemmen. Wichtig sei deshalb, das Kind in Entscheidungen - beispielsweise bei der Frage nach früherer Einschulung - mit einzubeziehen: "Wenn Kinder in die Schule wollen, können sie das auch durchstehen." Bedenken äußerte Jost bei dem Wunsch der Eltern, das Kind in eine höhere Klasse einzuschulen. Besser sei es, zu "springen", das heißt, in die erste Klasse einzuschulen und zunächst das Kind probeweise für ein bis zwei Wochen in eine höhere Klasse zu befördern. Wichtig sei auch hier, das Kind entscheiden zu lassen, denn wenn es sich von den älteren Kindern oder auch den Lehrern nicht aufgenommen fühlt, nütze der beste Lehrstoff nichts. Eine andere Möglichkeit sei, das hoch begabte Kind nur die ersten drei Grundschuljahre absolvieren zu lassen und dann direkt in die fünfte Klasse des Gymnasiums zu versetzen. Möglich sei das Springen jedoch nur, wenn die Schulleitung der Förderung Hochbegabter gegenüber offen eingestellt sei. Auch innerhalb des Unterrichts sollten Hochbegabte berücksichtigt werden, damit sie sich nicht langweilen: Weil sie ein sehr gutes Gedächtnis besitzen, könnten sie auf Wiederholungen des Stoffes verzichten. Die ersparte Unterrichtszeit sollten die Kinder für eigene Interessen nutzen dürfen. Neben der Freiarbeit würden sich auch gezielter Förderunterricht und Projektgruppen anbieten.
Separierung sinnvoll
Im Bereich des Gymnasiums hätten sich Ansätze der Separierung bewährt, erläuterte Thomas Zech, denn Gymnasien in Nordrhein-Westfalen haben ab dem siebten Schuljahr das Recht, die Klassen neu zusammenzustellen. Spezielle Klassen, in denen zum Beipiel Themen wie Atomphysik oder Kompositionslehre angeboten werden, könnten eingerichtet werden. Es solle jedoch vermieden werden, diese Klassen als Hochbegabten-Klassen zu etikettieren. Diese Schüler könnten beispielsweise auch die 11. Klasse überspringen. Die Motivation der Hochbegabten, wenn sie "unter Gleichen" sind, sei besonders hoch. Petra Bühring


Einige Merkmale
- Hochbegabte durchlaufen die Entwicklungsphase im ersten Lebensjahr bis zum Laufenlernen wesentlich schneller,
- beginnen früh zu sprechen, meist in ganzen Sätzen und mit korrekter Grammatik,
- zeigen große Neugierde und Wissbegier,
- haben ein geringes Schlafbedürfnis und - meist ausgeprägte spezielle Interessen.

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