ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2020Lockerungen nach der Kontaktsperre: Kein Zurück zur alten Normalität

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Lockerungen nach der Kontaktsperre: Kein Zurück zur alten Normalität

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Deutschlands Bevölkerung hat in den vergangenen Wochen und Monaten im Umgang mit der Pandemie COVID-19 viel Disziplin bewiesen. Auferlegte Beschränkungen wurden – meist – akzeptiert. Die Einsicht in die Notwendigkeit der beschlossenen Maßnahmen war hoch. Und die in Umfragen erhobenen Zustimmungsquoten verdeutlichen auch, dass aus unterschiedlichen Motiven andersdenkende Protestler eine sicherlich zu beachtende, aber doch eindeutige Minderheit darstellen.

Jetzt, zu Zeiten erster Lockerungen des „Shutdown“, keimt verständlicherweise Hoffnung auf die Rückkehr zu früherer „Normalität“. Es ist ein opportuner Wunsch, der sich so absolut nicht erfüllen wird. Das Virus hat die Welt verändert, ein Zurück zum status quo ante kann es nicht geben. Was künftig „Norm“ wird, muss eine Post-Corona-Gesellschaft neu definieren.

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Selbst mit der Option auf einen funktionierenden Impfstoff braucht die Menschheit neue Antworten auf das, was „Normalität“ für uns künftig ausmacht. Für uns Mitteleuropäer gehören dazu sicherlich „Kleinigkeiten“ wie beispielsweise die in Ostasien in Zeiten erhöhter Infektionsgefahr selbstverständliche Nutzung von Schutzmasken in der Öffentlichkeit. Das hat nichts mit übertriebener Angst zu tun. Es ist schlicht Rücksichtnahme zum Schutz Dritter.

Ausschlaggebender sind da schon andere Erkenntnisse: Ein Virus kennt keine Grenzen. Es bedarf also umfassender, idealiter globaler Koordination, um katastrophale Folgen in den Regionen dieser Welt gering zu halten. COVID-19 hat gelehrt: Als „closed shops“ betriebene Nationen bieten letztlich keine Sicherheit.

Das deutsche Gesundheitssystem hat im Zuge des bisherigen Verlaufs der Pandemie seine Funktionsfähigkeit trotz des „Flugs auf Sicht“ unter Beweis gestellt. Ob das bisher Erreichte Bestand hat, wird sicherlich von einem weiterhin klugen Umgang mit dem Virus abhängen. Es geht jetzt darum, aus den Erfahrungen zu lernen, vor allem, dass Erfahrene zu erforschen und damit zu gesichertem Wissen zu machen.

Denn Etappenerfolge sind kein Sieg, Medizin und Forschung bleiben gefordert, um COVID-19 in allen lebensbedrohlichen Facetten richtig zu verstehen und geeignete Gegenmaßnahmen bis zum Impfstoff zu entwickeln, aber auch um Ko- und Folgemorbiditäten zu erkennen und diese zu behandeln. Keine Frage, all das kostet Geld. Es ist aber erkennbar gut angelegt, wenn man sich die Alternativen vor Augen hält.

Was die Diskussion um die Vorhaltung medizinischer Versorgung angeht, sollte diese Gesellschaft durch COVID-19 einiges gelernt haben, zumal jenseits der Pandemie allein in Deutschland Millionen von aufgeschobenen Operationen anstehen.

Fatal sind ohne Zweifel die nationalen wie internationalen ökonomischen Folgen, die das Virus verursacht hat. Nicht nur für Wirtschaftsunternehmen, auch für die Gesundheitsversorgung: Allein für die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) entstehen wegen der erfolgten Abwehrmaßnahmen zusätzliche Kosten von noch nicht bestätigt hochgerechneten 12,5 Milliarden Euro, hinzu kommen 7,9 Milliarden Euro aus den bisher im Zuge der Pandemie verursachten Mindereinnahmen der GKV. Der Streit, wer da was zahlen soll, wird die Politik der kommenden Zeit mit prägen.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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