ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2020Migräneprophylaxe: Manuelle Akupunktur senkt Zahl der Migränetage und der Schmerzattacken

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Migräneprophylaxe: Manuelle Akupunktur senkt Zahl der Migränetage und der Schmerzattacken

Meyer, Rüdiger

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Foto: Björn Wylezich/stock.adobe.com
Foto: Björn Wylezich/stock.adobe.com

Patienten mit häufigen Migräneattacken (≥ 3 pro Monat) wird zur Prophylaxe geraten. Dafür gibt es zwar Medikamente, sie sind allerdings nicht zuverlässig wirksam und viele Patienten lehnen die regelmäßige Einnahme ab. Akupunktur ist seit Längerem als Alternative in der Diskussion, allerdings mit inkonsistenten Studienergebnissen vor allem bei Vergleichen von Verum- und Scheinakupunktur.

Ein chinesisches Team hat in einer prospektiv randomisierten, placebokontrollierten verblindeten Studie die manuelle Akupunktur mit einer Scheinbehandlung und mit dem Standard of Care verglichen (1). Die Placebotherapie erfolgte mit stumpfen Nadeln, deren Spitzen nicht in die Haut eindrangen, und dort, wo Patienten nicht sahen, was genau mit den Nadeln geschah: auf dem Rücken.

Es nahmen 147 Patienten im Durchschnittsalter von 36,5 Jahren teil, die seit mindestens einem Jahr unter Migräne ohne Aura litten (ICHD-3-Klassifikation) und 2–8 Schmerzattacken pro Monat hatten. Sie erhielten randomisiert (2 : 2 : 1) in 8 Wochen 20 Mal eine 30-minütige Verum- oder Scheinakupunktur oder die übliche Betreuung. Sie sollten keine Schmerzmedikamente einnehmen oder andere Behandlungen beginnen. Auf die Therapiephase folgten 12 Wochen Follow-up.

In allen Gruppen reduzierte sich die Zahl der monatlichen Schmerztage und -attacken. Die Unterschiede zwischen Akupunktur und Standard of Care waren bereits in der 8-wöchigen Therapiephase signifikant, gegenüber Placebo erreichte die Verumtherapie erst in den Wochen 13–16 eine signifikante Differenz: Die Migränetage waren bei manueller Akupunktur um 3,5 Tage und unter Scheinakupunktur um 2,4 Tage zurückgegangen (adjustierte Δ 1,4 Tage; [95-%-Konfidenzintervall] [0,3; 2,4 Tage]; p = 0,005)

In den Wochen 17–20 ging die Zahl der Kopfschmerztage um 3,9 vs. 2,2 Tage zurück (Verum vs. Placebo; adjustierte Differenz Δ 2,1 Tage [1,2; 2,9 Tage]). In den Wochen 17–20 war auch der Rückgang der Anzahl der Schmerzattacken signifikant: –2,3 bei Verumakupunktur vs. –1,6 bei Placebo (adjustierte Δ –1,0 Tage). Schwerwiegende Nebenwirkungen traten nicht auf.

Fazit: Akupunktur zur Prophylaxe der Migräne war in einer placebokontrollierten, verblindeten Studie wirksamer als Placebo oder übliche Betreuung. Akupunktur sollte entsprechend in Leitlinien aufgenommen und von Krankenkassen bezahlt werden, so die Autoren.

Den Vorschlag hält die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) für verfrüht (2). Zwar sei die Studie in Bezug auf die Kontrollgruppen und besonders bei Scheinakupunktur und Verblindung methodisch gut, so der Sprecher der DGN Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener. Allerdings überraschten Daten zu sekundären Endpunkten: Der Anteil der Patienten, die eine 50%ige Reduktion der Migränetage oder -anfälle in den Wochen 17–20 erreichten, lag im Verumarm bei 82,5 %, im Placeboarm bei 45,8 % und unter Standard of Care bei 17,9 %. „Diese hohen Ansprechraten machen stutzig, weil sie sich mit keiner bisherigen Studie decken.“ So finde sich in einer Cochrane-Analyse zur Akupunktur bei Migräne keine Arbeit, in der mehr als die Hälfte der Patienten eine 50%ige Response aufweisen (3). Auch die Unterschiede zwischen Verum- und Placeboakupunktur seien deutlich größer als in früheren Studien, trotz gut funktionierender Verblindung. Die DGN sieht keinen Grund, Therapiestandards zu ändern. Dafür brauche es eine große randomisierte Studie im europäischen Setting. Rüdiger Meyer

  1. XuS, Yu L, Luo X, et al.: Manual acupuncture versus sham acupuncture and usual care for prophylaxis of episodic migraine without aura: multicentre, randomised clinical trial. BMJ 2020; doi: 10.1136/bmj.m697.
  2. Deutsche Gesellschaft für Neurologie, Pressemitteilung 15.04.2020.
  3. Linde K, Allais G, et al.: Acupuncture for the prevention of episodic migraine. Cochrane Database Syst Rev 2016; 6: CD001218.

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