ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2020COVID-19-Krise: Gefahr der Irreführung

BRIEFE

COVID-19-Krise: Gefahr der Irreführung

Beer, André-Michael

Reaktionen zur COVID-19-Berichterstattung in DÄ 18 und 19/2020:
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Immer wieder werden jetzt in der Fach- und Laienpresse Ergebnisse experimenteller Untersuchungen zu Pflanzen veröffentlicht, die eine antivirale Wirkung haben sollen. Hier ist Vorsicht geboten, da auf dem Gebiet der Vielstoffgemische nicht jede Wirkung eine Wirksamkeit nach sich zieht. Es gibt zunehmend In-vitro-Testungen, jedoch keine humanpharmakologischen Daten, die zeigen, ob der Wirkstoff am Zielorgan in ausreichender Konzentration ankommt.

Der therapeutische Nutzen eines Arzneimittels kann ausschließlich aufgrund seiner klinischen Anwendungen beurteilt werden. Die in experimentellen Untersuchungen festgestellten pharmakologischen Wirkungen sind lediglich Surrogate, die der humanpharmakologischen klinischen Überprüfung bedürfen. Bislang liegen zu den genannten Pflanzen keine Extrakte vor, die humanpharmakologische Wirkungen in kontrollierten Studien getestet wurden. In der experimentellen und klinischen Pharmakologie ist es üblich, Daten offen darzulegen, diese kritisch zu überprüfen und im Anschluss zu diskutieren, um abschließend zu einer fundierten Nutzen-Risiko-Abwägung zu kommen.

Es werden in den wissenschaftlichen Blogs und Veröffentlichungen experimentelle Daten vorgestellt und es erscheint plausibel, dass antivirale Wirkungen auftreten können. Diese können ggf. adjuvant nutzbar gemacht werden. Eine Übertragung der vorliegenden experimentellen Daten auf COVID-19-Erreger ist bisher nicht belegt. Zwar gibt es einige Untersuchungen bezüglich Süßholz (Glycyrrhizin-Säure) bei der Lungenkrankheit SARS. Dies ist jedoch bis heute nicht klinisch belegt worden, obwohl bereits im Jahre 2003 die ersten Ergebnisse sogar im Lancet publiziert wurden.

Anzeige

Solche Beiträge sind begrüßenswert, gelten aber in der jetzigen Situation als ephemere Mitteilungen, die nicht nur Patienten und Ärzte verunsichern, sondern auch der Phytotherapie schaden können. Und zwar immer dann, wenn beispielsweise Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt kommen, die diese Naturstoffe enthalten und mit einer Wirkung bei COVID-19-Infektionen in Verbindung gebracht werden. Es besteht dabei die große Gefahr der Irreführung der Bevölkerung, da suggeriert wird, dass Nahrungsergänzungsmittel – Arzneimittel gibt es auf diesem Gebiet derzeit noch nicht – zu einer klinischen Wirkung bei COVID-19 führen könnten.

Prof. Dr. med. André-Michael Beer, 45527 Hattingen

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema