ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2020E-Zigaretten-Studien: Masse statt Klasse

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E-Zigaretten-Studien: Masse statt Klasse

Mons, Ute

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Ein großes Interesse seitens Öffentlichkeit und Politik zu bestimmten Forschungsthemen kann sich negativ auf die Studienqualität auswirken. Der hohe Publikationsdruck veranlasst Autoren genau wie auch Fachzeitschriften dazu, Ergebnisse vor allem schnell zu veröffentlichen.

Foto: danchooalex/iStock
Foto: danchooalex/iStock

Um gesundheitspolitische Strategien zur Regulierung von E-Zigaretten zu entwickeln, muss man die Auswirkungen von E-Zigaretten für die öffentliche Gesundheit verstehen. Dafür ist epidemiologische Forschung unverzichtbar. Ein Problem dabei: Aussagekräftige Studiendesigns wie Kohortenstudien sind aufwendig und benötigen lange Beobachtungsdauern – Politik und Öffentlichkeit brauchen aber schnelle Antworten. Weniger aufwendige Studien und kürzere Beobachtungsdauern bringen wiederum methodische Probleme mit sich. So gibt es oftmals alternative plausible Erklärungen für Befunde, wie umgekehrte Kausalität, Verzerrungen oder Verschleierung von Ergebnissen, die in der Interpretation der Studienergebnisse angemessen berücksichtigt werden müssen. Dies geschieht jedoch nicht immer, wie die Beispiele zeigen.

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Die methodischen Probleme der hier exemplarisch diskutierten, aber durchaus repräsentativen Studien ergeben sich aus den Forschungsdesigns und entsprechen den üblichen Limitationen, die sich in epidemiologischen Studien nie gänzlich eliminieren lassen. Daher gilt: Entscheidend ist der transparente und sorgfältige Umgang mit Limitationen bei der Interpretation und Diskussion der Ergebnisse. Das Fehlen einer sorgfältigen und kritischen Diskussion stellt eine Verletzung guter wissenschaftlicher Praxis dar und mindert die Studienqualität erheblich.

Wenn der Peer-Review versagt

Erklärungen für die mangelhafte Qualität mancher Studien können hier nur angerissen werden. So fördert das Wissenschaftssystem mit seiner „publish or perish“-Kultur hinsichtlich Publikationen mehr Masse statt Klasse (6, 7, 8). Im Zusammenhang mit E-Zigaretten scheint zudem das große öffentliche Interesse an der Beantwortung zentraler Forschungsfragen einen besonderen Anreiz zu setzen, möglichst schnell Studien zu veröffentlichen. Dabei scheint Sorgfalt oft auf der Strecke zu bleiben. Auch haben Ergebnisse mit besonders großem Neuigkeitswert beste Chancen, in hochkarätigen Fachzeitschriften publiziert zu werden (9). Dies ist offensichtlich gerade bei E-Zigaretten der Fall. Die hier diskutierten Studien wurden alle in renommierten Fachzeitschriften publiziert, nachdem sie ein Begutachtungsverfahren durchlaufen haben. Das Problem daran: Das Renommée der Zeitschrift suggeriert eine hohe Studienqualität und „veredelt“ schwache Studien. Die zentrale wissenschaftliche Selbstkontrolle – das Peer-Review-System – versagt dabei leider allzu oft (10, 11). Das oftmals intransparente Begutachtungssystem begünstigt verzerrte Entscheidungen und erfüllt somit nicht immer seine Rolle als unabhängige Qualitätskontrolle (12).

Nur in Einzelfällen werden Studien wegen methodischer Mängel nachträglich zurückgezogen, wie zuletzt beim Journal of the American Heart Association. Eine Studie hatte einen Zusammenhang zwischen E-Zigarettenkonsum und Herzinfarkten gefunden (analog Beispiel 1) und wurde vom Journal zurückgezogen, als bekannt wurde, dass die meisten der in die Analyse eingegangenen Herzinfarkte vor Beginn des E-Zigarettenkonsums passiert waren (13). Ein richtiger Schritt, der leider zu spät kommt, denn die mediale Berichterstattung hatte schon längst die falschen Schlussfolgerungen weit verbreitet.

Ein Lösungsansatz zur Verbesserung der Qualität epidemiologischer Forschung auch im Kontext der Forschung zu E-Zigaretten ist die sogenannte „Open Science“-Praxis, in deren Rahmen Analyseprotokolle vor Durchführung der Studie registriert werden und Daten und Analyseskripte öffentlich zugänglich gemacht werden (14, 15, 16). Hier sind die Fachzeitschriften und Fördermittelgeber gefragt, entsprechende Praktiken zu fordern und zu fördern. Komplett offene Begutachtungssysteme, in deren Rahmen sämtliche Gutachten und Autorenrepliken offen zugänglich dokumentiert werden, können die Transparenz des Peer-Review-Systems erhöhen und eine kritische Überprüfung ermöglichen (17).

Zweifel an Glaubwürdigkeit

Die Qualität der Forschung zu E-Zigaretten muss besser werden, um als robuste Evidenzbasis für gesundheitspolitische Entscheidung dienen zu können. Denn nur ein hoher wissenschaftlicher Standard schafft eine solide Evidenzbasis für gesundheitspolitische Entscheidungen zur Förderung der öffentlichen Gesundheit. Es steht dabei auch die Glaubwürdigkeit der Tabakkontroll-Forschung auf dem Spiel, denn die wird durch methodisch fragwürdige Studien erheblich geschädigt. Dr. sc. hum. Ute Mons

Stabsstelle Krebsprävention
Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg

Dieser Artikel basiert auf dem Beitrag „Methodenprobleme in der epidemiologischen Forschung zu E-Zigaretten“ von Ute Mons, erschienen in Heino Stöver (Hg.): Potentiale der E-Zigarette für Rauchentwöhnung und Public Health. Fachhochschulverlag, Frankfurt am Main, 2019: 129–44.

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit2120
oder über QR-Code.

Häufige methodische Mängel

Beispiel 1: Eine Querschnittsstudie (1) untersuchte den Zusammenhang zwischen Konsum von E-Zigaretten und Herzinfarkt. E-Zigarettenkonsum und frühere Herzinfarkte wurden gleichzeitig in einem Fragebogen abgefragt. Im multivariaten Analysemodell zeigte sich, dass die Chance, einen Herzinfarkt gehabt zu haben, bei täglichen E-Zigarettennutzern fast 80 Prozent größer war als bei denjenigen, die nie E-Zigaretten verwendet hatten (Odds Ratio [OR]: 1,79; 95-Prozent-Konfidenzintervall [KI]: 1,20–2,66). Schlussfolgerung der Autoren: „Täglicher E-Zigarettenkonsum […] ist mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkt assoziiert.“ Unklar blieb dabei, was zuerst stattfand – Herzinfarkt oder E-Zigarettenkonsum. Mindestens genauso wahrscheinlich wäre daher eine Interpretation in umgekehrter Kausalrichtung: Einen Herzinfarkt gehabt zu haben, führt bei Rauchern zum Umstieg auf E-Zigaretten.

Beispiel 2: Eine Querschnittsstudie untersuchte mittels Survey-Daten den Zusammenhang zwischen E-Zigarettenkonsum und Rauchstopp [2]. Das multivariate Analysemodell zeigte einen signifikanten Zusammenhang zwischen E-Zigarettenkonsum und Rauchstatus: Wer jemals regelmäßig E-Zigaretten konsumiert hatte, hatte eine um mehr als die Hälfte reduzierte Chance, ein ehemaliger Raucher zu sein (OR: 0,43; 95-Prozent-KI: 0,32–0,58). Die Autoren schlussfolgerten: „Diese Ergebnisse legen nahe, dass E-Zigaretten Tabakentwöhnung eher verhindern als sie unterstützen.“ Doch zum Studienzeitpunkt waren E-Zigaretten erst seit wenigen Jahren auf dem Markt, die Mehrzahl der ehemaligen Raucher in der Stichprobe hatte also wahrscheinlich mit dem Rauchen aufgehört, bevor es E-Zigaretten gab. Somit ist auch eine umgekehrte Kausalrichtung (ehemalige Raucher verwenden seltener E-Zigaretten als aktuelle Raucher) möglich.

Beispiel 3: Eine Längsschnittstudie (3) untersuchte die Gateway-Hypothese, der zufolge E-Zigaretten für Jugendliche ein Einstiegsprodukt ins Tabakrauchen sein könnten. Jugendliche, die noch nie geraucht, aber jemals E-Zigaretten probiert hatte, und eine Vergleichsgruppe von Jugendlichen, die weder geraucht noch E-Zigaretten probiert hatten, wurden im Abstand von ein bis zwei Jahren befragt. Das multivariate Analysemodell ergab für Jemalskonsumenten von E-Zigaretten eine rund sechsmal so hohe Chance, bis zur Nachbefragung jemals geraucht zu haben (OR: 6,17, 95-Prozent-KI: 3,3–11,6). Die zentrale Schlussfolgerung „Die Verwendung von E-Zigaretten bei Jugendlichen, die zuvor nie geraucht haben, könnte […] das Risiko einer nachfolgenden Initiierung des Rauchens erhöhen“ impliziert eine kausale Interpretation der Ergebnisse. Zwar ist durch das längsschnittliche Design dieser Studie eindeutig, dass der E-Zigarettenkonsum vor dem Rauchen lag, doch eine Kausalbeziehung belegt dies allein nicht. Denn auch andere Faktoren als der E-Zigarettenkonsum könnten für den Rauchbeginn verantwortlich sein, beispielsweise gemeinsame Risikofaktoren wie Persönlichkeitsmerkmale, die in dieser Studie nicht berücksichtigt wurden. Entsprechend dieser alternativen Erklärung („Common-Liability-These“) probieren Jugendliche, die zum Nikotinkonsum neigen, mit einer höheren Wahrscheinlichkeit sowohl E-Zigaretten als auch Tabakprodukte aus (4, 5). Hier liegt somit ein Confounding-Problem vor: Wenn Faktoren, die den Hang zum Nikotinkonsum beeinflussen, wie Persönlichkeitsfaktoren oder Rauchen im familiären und sozialen Umfeld, in Analysemodellen nicht hinreichend berücksichtigt werden, können diese als Störfaktoren (Confounder) wirken und einen statistischen Zusammenhang erzeugen, der tatsächlich nicht existiert oder kleiner ist.

1.
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2.
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3.
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4.
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5.
Vanyukov MM, Tarter RE, Kirillova GP, et al.: Common liability to addiction and „gateway hypothesis“: theoretical, empirical and evolutionary perspective. Drug Alcohol Depend, 2012. 123 Suppl 1: S3–17 CrossRef MEDLINE PubMed Central
6.
Grimes DR, Bauch CT, Ioannidis JPA: Modelling science trustworthiness under publish or perish pressure. R Soc Open Sci, 2018. 5 (1): p. 171511 CrossRef MEDLINE PubMed Central
7.
Higginson AD, Munafò MR: Current Incentives for Scientists Lead to Underpowered Studies with Erroneous Conclusions. PLoS Biol, 2016. 14 (11): p. e2000995 CrossRef MEDLINE PubMed Central
8.
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Park IU, Peacey MW, Munafò MR: Modelling the effects of subjective and objective decision making in scientific peer review. Nature, 2014. 506 (7486): 93–6 CrossRef MEDLINE
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12.
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13.
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14.
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15.
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16.
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Cryonix
am Mittwoch, 27. Mai 2020, 06:48

am 27.05.2020, 9°° - 13°° Webinar mit U. Mons, Heino Stöver et al.

Webinar zum Thema "E-Zigaretten – eine Zwischenbilanz"
Das Institut für Suchtforschung (ISFF) der Frankfurt University of Applied Sciences hält zum ersten Mal ein Online-Symposium zur E-Zigarette als potenzielles Rauchausstiegsprodukt und seinen Chancen für das Gesundheitssystem in Deutschland ab.

https://www.frankfurt-university.de/de/hochschule/fachbereich-4-soziale-arbeit-gesundheit/forschung-am-fb-4/forschungsinstitute/institut-fuer-suchtforschung-isff/isff-event/

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