ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2000Rumänische Kinderheime: Kaspar Hausers Geschwister

THEMEN DER ZEIT: Blick ins Ausland

Rumänische Kinderheime: Kaspar Hausers Geschwister

Dtsch Arztebl 2000; 97(9): A-522 / B-422 / C-398

Jelenik, Armin

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LNSLNS Vor zehn Jahren erschütterten die Bilder aus rumänischen Waisenhäusern die Welt. Seither hat sich einiges gebessert, doch die Kinder werden ihre Defizite nie aufholen.


Für manche ist die Zeit auf Schloss Brincovenesti noch immer ein eintöniges und langsames Wesen: Still vor sich hin schaukelnd, sitzt ein Mädchen, den Kopf in den Armen vergraben, vor dem Heizkörper eines ehemals herrschaftlichen Zimmers und wippt sich mit den immer gleichen Bewegungen in ihre eigene Welt. Am Tisch nebenan haben zwei Erzieherinnen bunte Holzklötze aufgebaut, um mit einigen der behinderten Kinder einfache Spiel- und Greifübungen zu machen. Doch das Mädchen am Heizkörper mit dem schweren Hospitalismussyndrom kann niemand aus seinem seelischen Gefängnis befreien.
Für andere ist die Zeit im ehemaligen Jagdschloss, dem größten Heim für behinderte Kinder in Rumänien, ein rasend schnelles Wesen. Gestern noch saßen sie zu zweit und zu dritt auf einer verrotteten Matratze im eigenen Kot, um nackt und frierend in einem dunklen Zimmer darauf zu warten, dass ihnen ein stinkender Brei aus Kartoffelresten und Sägespänen mit einem langen Löffel in den Mund geschoben wurde. Wer nichts mehr essen wollte, machte den Mund einfach zu; wer in diesem Kinder-Gulag nicht mehr leben wollte, machte ihn erst gar nicht auf.
Heute ist auf Schloss Brincovenesti für viele der behinderten Kinder jeder Tag ein neues Abenteuer: Neugierig rennen sie auf dem Hof Besuchern entgegen, tasten aufmerksam die Fremden ab, freuen sich über jeden Neuankömmling. Ein still vergnügtes Lächeln gleitet über das Gesicht eines blinden und wahrscheinlich autistischen Jungen, der auf einem Schaukelpferd sitzt und bemerkt hat, dass der fremde Mann vor ihm nichts Böses, sondern nur seinen Kopf streicheln will. Der Fremde kann sich noch gut an das Gestern erinnern, das jetzt zehn und mehr Jahre zurückliegt. "Wir haben die Kinder oft stundenlang auf dem Arm getragen und gestreichelt, um ihnen wieder ein bisschen menschliche Wärme zu geben", erinnert sich Lorand Szüszner an seinen ersten Besuch in Brincovenesti. Der Leiter der Auslandshilfe der Johanniter in Nürnberg war einer der ersten Helfer, die 1990, wenige Monate nach dem blutigen Putsch gegen Diktator Nicolae Ceauçescu, in die abgeschottete Welt der rumänischen Waisenhäuser eindrangen.
"Den bestialischen Gestank, der uns entgegenschlug, habe ich noch heute im Gedächtnis", sagt Szüszner. Wie in anderen Heimen auch, vegetierten die Kinder in Brincovenesti unter unmenschlichen Bedingungen ihrem Tod durch Unterernährung, Krankheiten, Kälte und fehlende Zuwendung entgegen. In manchen Heimen soll die jährliche Sterblichkeitsrate bei 50 Prozent gelegen haben. Wie Tiere hausten die Kleinen meist in verfallenen Schlössern, wo sie dem Staat als "nutzlose Kostgänger" am wenigsten zur Last fielen. Obwohl sie dieser Staat eigentlich gewollt hatte: Um Herrscher über ein großes Volk zu werden, verbot Rumäniens Führer Ceauçescu seinen Untertanen jede Form der Empfängnisverhütung und die Abtreibung. Die massenweise ungewollt geborenen Kinder wurden von ihren zumeist armen Eltern noch in der Geburtsklinik zurückgelassen und später in staatlichen Krippen und Heimen großgezogen. Die Unglücklicheren kamen in die psychiatrischen Heime wie Brincovenesti, die wegen ihrer hohen Sterblichkeitsrate am aufnahmefähigsten waren. Lorand Szüszner ist sicher, dass viele der Kinder erst durch die unmenschliche Behandlung in diesen Heimen zu den physischen und psychischen Krüppeln wurden, die sie heute sind.
Die Bilder der "Geschwister Kaspar Hausers", die wie das Nürnberger Findelkind aus dem 19. Jahrhundert in völliger Isolation, Verwahrlosung und ohne sensorische oder intellektuelle Reize aufwuchsen, gingen 1990 um die Welt und lösten eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Monatelang karrten Lastwagenkonvois das Lebensnotwendigste in die Waisenhäuser, in die ebenso desolaten Kliniken des Landes und in Privatfamilien, die zumeist auch unterhalb der Armutsgrenze lebten.
Die Hilfe fruchtete - zumindest teilweise. Die ausgezehrten Waisenkinder wurden mit Elektrolyt- und Babynahrung aufgepäppelt und holten ihr vermindertes Wachstum teilweise wieder auf. Lorand Szüszner ist stolz darauf, dass durch seine Hilfsaktionen gezeigt werden konnte, dass Siebenjährige, die 1990 nur so groß wie Säuglinge waren, noch eine annähernd normale Größe erreichen und auch 16-Jährige nochmals wachsen können. An eine wissenschaftliche Begleitung dieses Hilfsprojekts dachte 1990 im Chaos der rumänischen Todesheime jedoch niemand. So ist eine medizinische Reihenuntersuchung, die Szüszner 1990 mit dem rumänischen Pädiater Dr. Mihai Christea an 156 Kindern vornahm, vermutlich das einzige Dokument, das Aufschluss über die Entwicklung der Kinder geben kann.
Deutliche Fortschritte
Auch Andrea Linke kann angesichts der dünnen Datenlage nur entnervt den Kopf schütteln. Die rumäniendeutsche Studentin der Sozialpädagogik hat für ihre Diplomarbeit 1996 die Untersuchung von Szüszner und Christea mit den gleichen Kindern wiederholt, um Entwicklungsfortschritte zu dokumentieren. Eine Arbeit, die sie immer wieder an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geführt habe, gibt die 29-Jährige zu. "Besonders dieses geballte Auftreten von schwersten multiplen Behinderungen hat mich erschüttert", sagt Linke, und erinnert sich an ein kleines, verkrüppeltes Wesen, das sie in einem Bett entdeckt habe. "Diese Frau war genauso alt wie ich, aber nur 70 Zentimeter groß."
Trotzdem: Das Wachstum der mittlerweile zu Jugendlichen gewordenen Kinder, so ein Ergebnis von Linkes zweiter Reihenuntersuchung, sei positiv zu bewerten. Auch bei zahlreichen motorischen Fähigkeiten seien deutliche Fortschritte zu erkennen. So habe sich der Anteil der Kinder, die selbstständig gehen konnten, von 57 Prozent 1990 auf knapp 65 Prozent 1996 erhöht. Allein stehen könnten inzwischen 74 Prozent, gegenüber 60,9 Prozent 1990. Auch bei der Nahrungsaufnahme seien Fortschritte zu verzeichnen: 1990 konnten 59 Prozent der Kinder selbstständig mit einem Löffel essen und aus einer Tasse trinken, 1996 seien es 64,3 Prozent gewesen. Kleine Verbesserungen, die für die Kinder, die als nicht mehr förderfähig in das Schloss abgeschoben wurden, große Fortschritte sind. Die sozialen Kompetenzen, vor allem die sprachlichen Fähigkeiten werden jedoch, so ein weiteres Ergebnis der Untersuchung von Linke, bei den Kindern unterentwickelt bleiben. Der Prozentsatz der Kinder, die Rumänisch sprechen und verstehen, ging von dem 1990 schon sehr geringen Wert von 18,6 Prozent sogar auf 18,2 Prozent zurück. Das Ergebnis bestätigt frühere Erkenntnisse der Deprivationsforschung: Danach sind die motorischen Fähigkeiten nach einer Kindheit ohne Bezugspersonen, Stimulans und ausreichender Ernährung wesentlich einfacher aufzuholen als die sozialen Fähigkeiten.
Das bestätigt auch ein Gang durch das Schloss. Noch immer gibt es die vom Hospitalismus gezeichneten Kinder, die schaukelnd in ihrer Ecke sitzen, noch immer reißen sich die Kinder und Jugendlichen kreischend die Spielsachen aus den Händen, weil sie nie gelernt haben, miteinander zu spielen. Andrea Linke macht dafür nicht zuletzt die nach wie vor schlechte personelle Ausstattung des Hauses verantwortlich - obwohl Brincovenesti als rumänische Vorzeigeeinrichtung gilt, um den neuen Umgang des Landes mit seinen behinderten Bürgern zu demonstrieren.
Geldsorgen
Bei der materiellen Versorgung der Kinder mit Spielsachen, Kleidung, Medikamenten und Lebensmitteln habe sich zwar viel verbessert, so Linke. Doch 260 Angestellte - von der Putzfrau bis zum Arzt - seien einfach zu wenig, um 200 schwer behinderte Kinder und 130 Erwachsene angemessen zu betreuen. Auf dem Papier habe zwar jeder Patient Anspruch auf Therapie, doch bei fünf Ärzten, zwei Psychologen und einem Physiotherapeuten sei diese Vorgabe nicht zu halten. Häufig seien die Mitarbeiter auch zu wenig geschult oder motiviert. Immer wieder komme es vor, dass Spielsachen weggesperrt und die Kinder stattdessen vor dem Fernseher "ruhig gestellt" würden.
Laszlo Pokorny, Leiter der Einrichtung, sind diese Probleme bekannt, doch ihn drücken materielle Sorgen viel mehr. Stolz ist er, dass die Sterblichkeitsrate, die 1989 noch bei 72 und 1990 bei 46 Kindern lag, mittlerweile auf durchschnittlich 9,5 Tote pro Jahr zurückgegangen ist. Etwa 3 000 Kalorien bekomme jedes Kind am Tag zu essen und nicht, wie vor 1989, einen stinkenden Abfallbrei. Aber nicht immer weiß Pokorny, woher er die etwa 1,10 DM nehmen soll, die ihm pro Tag und Kind zumindest theoretisch zur Verfügung stehen, um Lebensmittel einzukaufen. Im Sommer 1999 habe sein Haus drei Monate lang kein Geld von der Regierung bekommen, die Kinder habe er nur mit Hilfe aus dem Westen durchfüttern können. Pokorny hofft, dass sich mit dem erhofften Beitritt Rumäniens zur Europäischen Union nicht nur die Brüsseler Geldtöpfe für die Kinderheime öffnen. Auch der Druck auf die Regierung, die Behindertenhilfe auf westeuropäisches Niveau zu bringen, werde dadurch wohl zunehmen. Noch mehr Sorgen bereitet ihm allerdings die zunehmende Überalterung seiner Patienten, da es noch immer keine Werkstätten für Behinderte gibt, in denen seine Zöglinge nach dem 18. Geburtstag Zuflucht finden könnten. "Eigentlich sollten längst Außenwohngruppen mit beschützten Arbeitsplätzen eingerichtet werden, aber das wird wohl noch lange eine Utopie bleiben", sagt der gelernte Apotheker, der das Haus seit 1991 leitet. Fünf bis zehn seiner am besten entwickelten Kinder kann Pokorny pro Jahr an eine Sonderschule vermitteln und damit aus dem Heim entlassen. "Die anderen werden wohl für immer bleiben", seufzt der Heimleiter. 100 Familien warten derweil verzweifelt darauf, dass für ihre behinderten Kinder ein Platz in Brincovenesti frei wird. Armin Jelenik


Das Mädchen mit dem schweren Hospitalismussyndrom kann niemand aus seinem seelischen Gefängnis befreien.


Lorand Szüszner beugt sich über einen blinden, vermutlich autistischen Jungen. Fotos: Ursula Meissner

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