ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2020Coronakrise: Medizinstudierende helfen lassen
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„Wie wollen wir uns in zehn Jahren an diese Zeit zurückerinnern? Haben wir zu Hause gesessen und gedacht, wir seien nicht erfahren genug, um zu helfen, oder haben wir unsere Angst überwunden und geholfen, wo wir konnten?“, fasst eine Vertreterin der Kölner Studierenden die Motivation ihrer Kommilitonen zusammen.

Studierende der Medizin können eine wichtige Ressource sein, um Personalengpässe während der Pandemie zu vermeiden. Foto: ASDF/stock.adobe.com
Studierende der Medizin können eine wichtige Ressource sein, um Personalengpässe während der Pandemie zu vermeiden. Foto: ASDF/stock.adobe.com

Es ist eines der derzeit wichtigsten Ziele in Deutschland, Versorgungsengpässe in der Betreuung von COVID-19-Patientinnen und -Patienten zu vermeiden. „Social Distancing“, die Förderung der Forschung zur Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen und die Ausweitung der Beatmungskapazitäten sind wesentliche Maßnahmen. Letzteres kann beispielsweise geschehen, wenn neue Intensivbereiche passager eröffnet werden. Das macht die sofortige Rekrutierung von zusätzlichem medizinischen Personal erforderlich.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn hat diesbezüglich bereits im März in einem Brief an die Geschäftsführer deutscher Krankenhäuser appelliert, außergewöhnliche Wege zu gehen (1): „Bitte planen Sie jetzt, wenn möglich, den Rückgriff auf Studenten und bereits im Ruhestand befindliches Personal und bilden Sie dieses möglichst jetzt schon aus“, so Spahn in seinem Appell zur Vorbereitung auf die kommende Situation. Dieser Aufruf ist wichtig. Allerdings ist die Rekrutierung von Personal im Ruhestand nicht unproblematisch, da die Infektionsgefahr bei der Betreuung von COVID-19-Patienten erheblich ist, wie aus anderen Ländern berichtet wird, und da die Mortalität insbesondere bei älteren Menschen deutlich höher ist (2, 3).

Studierende zeigen Initiative

So kommt insbesondere der Rolle von Studierenden der Medizin mitunter eine erhebliche Bedeutung in der Coronakrise zu. In einer aktuellen Petition kamen innerhalb von sieben Tagen etwa 15 000 Unterschriften zusammen. Ziel war es, der Bundesregierung die Bereitschaft zur Initiative aufzuzeigen, nun auch in pflegerischen Arbeitsabläufen mitzuwirken und dort zu helfen, wo Hilfe gebraucht wird (4). Ferner entstand in kürzester Zeit eine über Facebook organisierte Gruppe mit über 20 000 Mitgliedern, die die Basis für die Hilfsplattform „match4healthcare“ zur Verteilung Hilfebietender stellten.

Die Lungenklinik der Kliniken der Stadt Köln, an welche das Beatmungs- und ECMO-Zentrum angeschlossen ist und die den Lehrstuhl für Pneumologie an der Universität Witten/Herdecke vertritt, ist dem Aufruf gefolgt, Studierende der Medizin in der Krankenversorgung von COVID-19 zu integrieren.

Nach Initiierung des Projekts über die Initiative CoronAid der Universität Witten/Herdecke meldeten sich bereits innerhalb der ersten 24 Stunden über 200 Studierende und erklärten sich bereit, an Kliniken, Gesundheitsämtern, weiteren Versorgungszentren oder auch in privaten Bereichen auszuhelfen (5).

So hat bereits Ende März eine erste Gruppe von 20 Studierenden der Medizin mit Erfahrung in Gesundheitspflege, Rettungsdienst und Physiotherapie angefangen, im Schichtdienst sieben Tage in der Woche in den Bereichen der Normalstationen, der Intermediate-Care-Station und der Intensivstation sowie des Mitarbeiter-Desks (Testung von Klinikmitarbeitenden auf COVID-19)zu arbeiten, welche primär auf die Versorgung von COVID-19-Patienten ausgerichtet sind. Die administrativen Voraussetzungen hierfür waren wie folgt:

  • Eine vertragliche Regelung mit Aufwandsentschädigung und der Möglichkeit, einer kurzfristigen Kündigung des Vertrags oder auch einer bedarfsgerechten Verlängerung
  • ein entsprechender Versicherungsschutz durch die Klinik
  • eine kostenfreie durch die Klinik getragene Übernachtungsmöglichkeit auf dem Klinikgelände oder kostenfreies Wohnen in nahegelegenen Wohnhäusern/Hotels
  • Verpflegung und Verpflegungsgutscheine
  • Angebot zur freiwilligen psychologischen Supervision
  • Mobilitätsangebote

Eine weitere Voraussetzung war zudem ein Curriculum direkt am Klinikum mit Ausbildungsinhalten zu folgenden Themenschwerpunkten:

  • Hygieneregeln und Hygienemaßnahmen inklusive entsprechendem Training
  • COVID-19
  • Respiratorische Insuffizienz
  • Sauerstofftherapie und Beatmungsmedizin inklusive Geräteeinweisung
  • Einweisung in pflegerische Lagerungstechniken (Dekubitusprophylaxe, Bauchlage et cetera)
  • Einweisung in das Dokumentationssystem der Klinik
  • Einweisung in die jeweiligen Stationsabläufe

Der Einsatzbereich der Studierenden liegt an der Schnittstelle zwischen der Pflege (Intensivpflege) und dem ärztlichen Bereich, wobei jeweils assistierende Tätigkeiten unter Supervision eine wesentliche Hilfe darstellen. Als Beispiel seien folgende Tätigkeiten genannt: Hilfestellung bei der Grundpflege, Lagerung oder Mobilisation der Patienten, Assistenz bei technischen oder apparativen Untersuchungen (inklusive Liegendtransporte), Schreiben von EKGs, Durchführung von venösen, kapillären oder arteriellen Blutabnahmen sowie Anlage peripherer venöser Zugänge, Stationsaufgaben und Telefondienste inklusive Kommunikationsaufgaben nach innen und nach außen sowie individuell festgelegte Aufgaben in Abhängigkeit von der Vorausbildung und dem Kenntnisstand.

Es erscheint wichtig, die Studierenden dann einzuarbeiten, wenn noch keine Versorgungsengpässe bestehen. Dadurch gelingt eine optimale Vorbereitung und es können personelle Engpässe vermieden werden. Das Beispiel der Universität Witten/Herdecke zeigt, dass die Integration der Studierenden in das Kliniksetting unkompliziert vonstatten gehen kann. Voraussetzung ist die primäre Haltung des „Helfen-Wollens“. Auch von außen zeigte sich ein hohes Maß an Solidarität und Hilfsbereitschaft für dieses Projekt.So hat beispielsweise ein Start-up allen Studierenden kostenfrei jeweils ein Fahrrad zur Verfügung gestellt, Hotelbetreiber haben kostenfreie Zimmer bereit gehalten und auch aus anderen Bereichen konnte viel Unterstützung mobilisiert werden (freiwilliges Maskennähen et cetera).

Die Bereitschaft der Studierenden macht Mut und zeigt, dass Menschen in helfenden Berufen und auch aus anderen Bereichen zusammenrücken und gemeinsam versuchen, die Krise zu meistern. Das Beispiel aus Köln zeigt das große Potenzial für Deutschland in Anbetracht einer Studierendenzahl von über 95 000 (6). Es soll andere Universitäten und Kliniken motivieren, vergleichbare Wege zu gehen. Dabei sollte auch geprüft werden, in welcher Form diese Hilfestellungen als universitäre Lehrleistungen anzurechnen sind – auch wenn die Studierenden nicht aus dieser Motivation handeln.

Lehre und Praxis verknüpfen

In der Bewältigung der COVID-19-Krise kommt den Studierenden eine aktive Rolle zu. Sie erleben eine hohe Selbstwirksamkeit und können sich mit ihren eigenen Fähigkeiten und ihrem hohen Engagement einbringen. Dies könnte zukunftsweisend sein. In den USA etabliert sich eine entsprechende Bewegung unter dem Stichwort „Value-Added education“, in der Studierende zur Lösung realer Gesundheitsprobleme beitragen (7). Auch in Deutschland gibt es hinsichtlich des Praktischen Jahres ähnliche Projekte, in denen Studierende durchaus zu einem Mehrwert in der Qualität der Patientenversorgung beitragen können (8).

Diese jungen Menschen sind motiviert, belastbar und zum Teil bereits sehr gut ausgebildet. Ihre Haltung des „Helfen-Wollens“ und ihre tatsächlichen Hilfen sind eine Bereicherung für die Abläufe in der Klinik, insbesondere in Krisenzeiten. Eine Ausrichtung der Medizin nach primär ökonomischen Kriterien schafft Unsicherheiten und Ängste.Vielleicht können gerade diese jungen Menschen nicht nur während der Coronakrise helfen, sondern darüber hinaus zeigen, dass auch heute Medizin mehr sein muss als eine Gesundheitsindustrie, deren zentraler Antrieb die Erwirtschaftung von Erlösen ähnlich der industriellen Produktion nach dem Vorbild der industriellen Produktion ist, wie der Medizinethiker Giovanni Maio es formuliert (9), nämlich eine gesellschaftliche Notwendigkeit, die in der Haltung des „Helfen-Wollens“ die kranken Menschen in den Mittelpunkt rückt, auch über Corona hinaus.

Dr. med. Daniel Sebastian Majorski,

Cand. med. Charlotte Margarete von Plessen, Dr. med. Christian Scheffer, Holger Baumann, Prof. Dr. med. Wolfram Windisch,

Kliniken der Stadt Köln,
Universität Witten/Herdecke

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit2120
oder über QR-Code.

Historischer Exkurs

Insbesondere die Personalengpässe im pflegerischen und ärztlichen Bereich der aktuellen Pandemie erinnern an die Polioepidemie Mitte des vergangenen Jahrhunderts. So kam es auf dem Höhepunkt der Epidemie beispielsweise in Kopenhagen im Spätsommer 1952 zu dramatischen Versorgungsengpässen, als im Blegdams Hospital, dem infektiologischen Zentrum der Stadt, täglich Dutzende mit beatmungspflichtiger respiratorischer Insuffizienz nicht behandelt werden konnten, da dort nur eine eiserne Lunge und sechs Kürass-Ventilatoren zur Negativ-Druck-Beatmung zur Verfügung standen (10, 11).

Manuelle Beatmung nach Ibsen. Foto: Medizinisches Museum Kopenhagen, Universität Kopenhagen
Manuelle Beatmung nach Ibsen. Foto: Medizinisches Museum Kopenhagen, Universität Kopenhagen

Damals lag die Rettung für viele in der Genialität des Anästhesisten Björn Ibsen, welcher in der Not zuerst die damals zwölfjährige Patientin Vivi Ebert tracheotomierte, um eine manuelle Positiv-Druck-Beatmung zu versuchen (12). Nach dem Erfolg wurden Hunderte auf diese Weise beatmet, zum Teil über viele Monate. Die Mortalität konnte dramatisch von über 90 auf 25 Prozent reduziert werden (10, 11). Björn Ibsen gilt seit dieser Zeit als Begründer der modernen Intensiv- und Beatmungsmedizin (13). Dieser Meilenstein in der Medizin in Kopenhagen wäre nicht möglich gewesen ohne die 250 Studierenden der Medizin, die zusammen mit den Pflegekräften im 24-Stunden-Schichtdienst über einen Beutel (to and fro absorber) eine kontinuierliche manuelle Beatmung über viele Monate aufrechterhalten haben.

1.
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/111050/Corona-Spahn-verspricht-Krankenhaeusern-finanzielle-Hilfe.
2.
Wu Z, McGoogan JM: Characteristics of and Important Lessons From the Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) Outbreak in China: Summary of a Report of 72 314 Cases From the Chinese Center for Disease Control and Prevention. in: JAMA 2020; 323 (13): 1239–42; doi:10.1001/jama.2020.2648 CrossRef MEDLINE
3.
Onder G, Rezza G, Brusaferro S: Case-Fatality Rate and Characteristics of Patients Dying in Relation to COVID-19 in Italy. in: JAMA 2020; 323 (18): 1775–6; doi:10.1001/jama.2020.4683 CrossRef MEDLINE
4.
https://www.change.org/p/therapeuten-entlastung-der-pflege-in-zeiten-der-corona-pandemie-%C3%BCber-therapeuten-medizinstudenten.
5.
https://www.uni-wh.de/studium/studentische-initiativen/coronaid/.
6.
https://match4healthcare.de/.
7.
Lin S, Schillinger E, Irby D: Value-Added Medical Education: Engaging Future Doctors to Transform Health Care Delivery Today. In: J Gen Intern Med 2015; 30 (2): 150–1; doi: 10.1007/s11606–014–3018–3 CrossRef MEDLINE PubMed Central
8.
Scheffer C, Valk-Draad MP, Tauschel D, Büssing A, Humbroich K, Längler A, Zuzak T, Köster W, Edelhäuser F, Lutz G: Students with an Autonomous Role in Hospital Care – Patients Perceptions. In: Med Teach 2018; 40 (9): 944–52; doi: 10.1080/0142159X.2017.1418504 CrossRef MEDLINE
9.
Maio G: Geschäftsmodell Gesundheit: Wie der Markt die Heilkunst abschafft. Suhrkamp Verlag Berlin, 2014.
10.
Ibsen B: The anaesthetist’s viewpoint on the treatment of respiratory complications in poliomyelitis during the epidemic in Copenhagen 1952. In: Proc R Soc Med 1954; 47 (1): 72–4 CrossRef
11.
West JB: The physiological challenges of the 1952 Copenhagen poliomyelitis epidemic and a renaissance in clinical respiratory physiology. In: J Appl Physiol 1985 2005; 99 (2): 424–32; doi: 10.1152/japplphy siol.00184.2005 CrossRef MEDLINE PubMed Central
12.
Reisner-Senelar L: Der dänische Anästhesist Björn Ibsen – ein Pionier der Langzeitbeatmung über die oberen Luftwege. Dissertationsschrift 2009; https://d-nb.info/999147323/34.
13.
Reisner-Senelar L. The birth of intensive care medicine: Bjorn Ibsen’s records.In: Intensive Care Med 2011; 37:1084–86 CrossRef MEDLINE
1. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/111050/Corona-Spahn-verspricht-Krankenhaeusern-finanzielle-Hilfe.
2.Wu Z, McGoogan JM: Characteristics of and Important Lessons From the Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) Outbreak in China: Summary of a Report of 72 314 Cases From the Chinese Center for Disease Control and Prevention. in: JAMA 2020; 323 (13): 1239–42; doi:10.1001/jama.2020.2648 CrossRef MEDLINE
3.Onder G, Rezza G, Brusaferro S: Case-Fatality Rate and Characteristics of Patients Dying in Relation to COVID-19 in Italy. in: JAMA 2020; 323 (18): 1775–6; doi:10.1001/jama.2020.4683 CrossRef MEDLINE
4. https://www.change.org/p/therapeuten-entlastung-der-pflege-in-zeiten-der-corona-pandemie-%C3%BCber-therapeuten-medizinstudenten.
5. https://www.uni-wh.de/studium/studentische-initiativen/coronaid/.
6. https://match4healthcare.de/.
7.Lin S, Schillinger E, Irby D: Value-Added Medical Education: Engaging Future Doctors to Transform Health Care Delivery Today. In: J Gen Intern Med 2015; 30 (2): 150–1; doi: 10.1007/s11606–014–3018–3 CrossRef MEDLINE PubMed Central
8.Scheffer C, Valk-Draad MP, Tauschel D, Büssing A, Humbroich K, Längler A, Zuzak T, Köster W, Edelhäuser F, Lutz G: Students with an Autonomous Role in Hospital Care – Patients Perceptions. In: Med Teach 2018; 40 (9): 944–52; doi: 10.1080/0142159X.2017.1418504 CrossRef MEDLINE
9.Maio G: Geschäftsmodell Gesundheit: Wie der Markt die Heilkunst abschafft. Suhrkamp Verlag Berlin, 2014.
10.Ibsen B: The anaesthetist’s viewpoint on the treatment of respiratory complications in poliomyelitis during the epidemic in Copenhagen 1952. In: Proc R Soc Med 1954; 47 (1): 72–4 CrossRef
11. West JB: The physiological challenges of the 1952 Copenhagen poliomyelitis epidemic and a renaissance in clinical respiratory physiology. In: J Appl Physiol 1985 2005; 99 (2): 424–32; doi: 10.1152/japplphy siol.00184.2005 CrossRef MEDLINE PubMed Central
12.Reisner-Senelar L: Der dänische Anästhesist Björn Ibsen – ein Pionier der Langzeitbeatmung über die oberen Luftwege. Dissertationsschrift 2009; https://d-nb.info/999147323/34.
13.Reisner-Senelar L. The birth of intensive care medicine: Bjorn Ibsen’s records.In: Intensive Care Med 2011; 37:1084–86 CrossRef MEDLINE

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