ArchivDeutsches Ärzteblatt22-23/2020Corona-Warn-App: Großes Versäumnis
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… Setzen wir voraus, dass die App technisch gut funktioniert, also Zeiten und Intensitäten richtig registriert, dass datenschutzrechtliche Bedenken zu Speicherung und Löschung ausgeräumt sind, dass eine ausreichende Anzahl von Personen bereit ist, die App zu nutzen, die Bluetooth-Funktion immer angeschaltet zu belassen. Setzen wir weiter voraus, dass die Freiwilligkeit der Nutzung klar definiert ist und die Freiwilligkeit der App-Nutzung nicht zur einer Ppt-out-Version umdefiniert wird. Was passiert, wenn die freiwillige Nutzung nicht die gewünschte Größenordnung erreicht? Selbst wenn alle genannten Aspekte im offenen politischen Diskurs befriedigend beantwortet wären, bleibt … die Frage zum Umgang mit den Daten und zur Einbindung der Gesundheitsämter. Man spricht von einer technisch einheitlichen Anbindung an Gesundheitsämter – wie diese aussehen soll, bleibt nebulös, wer die Daten auswertet, mit welchen Konsequenzen … ungeklärt. Es ist sehr bedauerlich, dass anscheinend Vertreter von Gesundheitsämtern nicht in die Entwicklung der App und deren Einbindung in die Abläufe von App-generierten Verdachtsmeldungen einbezogen wurden. Beim traditionellen Kontakt-Tracing wird im Gespräch mit der Person der Kontakt bewertet, die Quarantäne angeordnet und eine Ordnungsverfügung erstellt und zugesandt. Darf aufgrund der App-Daten eine ordnungsrechtliche verbindliche Quarantäne ausgesprochen werden? Melde ich mich als Nutzer freiwillig, wenn ich weiß, dass diese Meldung eine 14-tägige Quarantäne nach sich zieht? Wann und wie oft sollen diese Personen getestet werden? Kommt mit der Tracing-App im nächsten Schritt gleich die Symptom-App, die das remote monitoring ermöglicht? Prof. Karch verspricht … indirekt einen geringeren Personalbedarf bei App-basiertem Kontakt-Tracing im Vergleich zum traditionellen Tracing. … Im Gegenteil … wird die App zu einem erheblich höheren Personalbedarf führen, vor allem dann, wenn man erfolgreich „breite Akzeptanz in Bevölkerung und Zivilgesellschaft“ für die App erreicht. Nutzer werden zahlreich bei den Gesundheitsämtern anrufen, müssen vermittelt werden zum Test, ihre Daten, ihr Risikoprofil für einen evtl. schweren Verlauf müssen erhoben, bewertet und ggf. … transferiert werden. … Gesundheitsämter mit ihren vielfältigen Erfahrungen aus den vergangenen Monaten, die immer wieder mit kurzfristigen Coronaverordnungen konfrontiert wurden, nicht in die Diskussion um die Gestaltung und Einführung der Tracing-App einzubeziehen, ist neben anderen offenen Fragen ein großes Versäumnis.

Dr. med. Florian Neuhann, 69120 Heidelberg

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