ArchivDeutsches Ärzteblatt22-23/2020Von schräg unten: Improvisation und Höflichkeit

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Improvisation und Höflichkeit

Böhmeke, Thomas

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Es ist ein sonnendurchfluteter, frühlingsblumendekorierter Samstagmorgen, der eigentlich keine Wünsche mehr offenlässt. Der gähnend leere Kühlschrank möchte allerdings gerne gefüllt werden, also muss ich meinen haushalterischen Pflichten nachkommen und einkaufen, bevor ich mich den Genüssen der schönsten Jahreszeit wahllos hingeben darf. Im Supermarkt meiner ersten Wahl warten die Menschen geduldig im amtlichen Abstand von 1,50 Metern, bevor das Sicherheitspersonal Einlass gewährt. Die Stimmung ist trotzdem überraschend entspannt, einige reißen Witze über das Horten von Toilettenpapier – wunderbar! Also nicht das Horten hygienischer Einmalartikel, sondern die Qualität der humoristischen Darbietungen.

Schön finde ich auch den Abstand, der eingehalten wird. Ich hatte mich schon immer gefragt, warum eilige Zeitgenossen davon ausgehen, dass die Kassiererin umso schneller arbeiten würde, je mehr blaue Flecken an rückwärtigen Körperpartien man vorweisen kann, die vom beherzten Aufprall überfüllter Einkaufswagen hinter sich befindlicher Kunden herrühren. Rührend finde ich die Achtsamkeit, die jetzt geübt wird; alle machen 150er-Bögen umeinander, das erinnert mich an die Stachelschweine von Arthur Schopenhauer, die im Winter vorsichtig zusammenrückten, bis sie den idealen Kompromiss zwischen Wärme und Stachelstichverletzung gefunden hatten. Dieser Abstand sei Höflichkeit, so Schopenhauer, und es scheint so, als habe das Virus uns ebendiese wieder beigebracht.

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Mittlerweile habe ich den Einkaufszettel abgearbeitet und strebe der Kasse zu. Die sonst gleich Haufenkokken sich stauenden Warteschlangen sind durch improvisierte Absperrungen getrennt, man hat Bierkästen gestapelt, mit Klarsichtfolie umwickelt und mit Dachsparren gesichert. Gnadenlos improvisiert, aber geradezu genial, um das sonst vor den Kassen herrschende Gedränge aufzulösen. Total improvisiert, was mich als Jazzmusiker natürlich begeistert, wähnte ich die Kunst der Improvisation im überbürokratisierten Deutschland doch längst eradiziert.

Super wie der Markt das gemacht hat! entfährt es mir unwillkürlich und so laut, dass der vor mir Wartende es mitbekommt. „Ja unglaublich, wie schnell das ging, sogar die Kassiererinnen sind alle durch Plexiglas geschützt!“ Noch vor einigen Wochen, so entgegne ich ihm, wäre das undenkbar gewesen. „Richtig! Da hätte man erst mal eine Bewilligung vom Bauamt und vom Amt für Arbeitsschutz einholen müssen.“ Genau! Und die Behörde für Unfallschutz hätte erst mal ein umfangreiches Gutachten eingefordert, weil es bisher keine ausreichend zertifizierten Betriebsanleitungen für Bierkästen als Fundamente für Abtrennungen der Warteschlangen in Supermärkten gibt! „O ja! Alleine die Gutachten für statische Berechnungen gestapelter Bierkästen hätten Monate in Anspruch genommen!“ Und die länderübergreifende Abgleichung von Abtrennungen allgemeiner Ansammlungen hätte Jahre gebraucht! „Ist schon irre, was plötzlich alles machbar ist, wenn selbstständig entschieden wird, was sinnvoll ist.“

Mittlerweile dürfen wir unsere Waren auf das Band legen, bezahlen und wieder in die wohltuende Wärme der Frühlingssonne zurückeilen, die so wunschlos glücklich macht.

Doch, ich habe noch einen Wunsch: Wenn dieses Virus vorbei ist, soll uns die Schopenhauer’sche Höflichkeit erhalten bleiben. Und die Kunst der Improvisation.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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