ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2000Entstehen und Funktion von Bewusstsein: Emotionales Bewusstsein vorhanden

MEDIZIN: Diskussion

Entstehen und Funktion von Bewusstsein: Emotionales Bewusstsein vorhanden

Dtsch Arztebl 2000; 97(9): A-541 / B-455 / C-430

Posth, Rüdiger

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. rer. nat. Dr. phil. Gerhard Roth in Heft 30/1999
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LNSLNS Um das menschliche Bewusstsein als Phänomen in der Natur zu verstehen, bedarf es in der kritischen Diskussion neben der Entschlüsselung von Entstehung und Funktion einer dritten Annäherungsweise an diese außerordentlich komplexe Form menschlicher Seinshaftigkeit, gemeint ist das Prinzip seiner Entwicklung.
Während Entstehung und Funktion erkenntnistheoretisch gesehen statische Beschreibungen von Bewusstsein darstellen und dabei Genetik, Hirnanatomie und Neurophysiologie hervorheben, geht die Entwicklungsfrage auf die dynamischen Vorgänge ein, welche generell besser geeignet sind, prozesshafte Erscheinungen wie das Bewusstsein zu beschreiben. Die Prozesse von Bewusstsein sind sowohl entwicklungsgeschichtlich herauszuarbeiten, als auch individuell-biografisch, also auf jeden einzelnen Menschen bezogen, und am Ende dieser Aufgabe befinden wir uns im metaphysischen Grenzgebiet von Philosophie und Psychologie.
Ein entscheidender Schlüssel zur Erklärung menschlichen Bewusstseins ist die Ich-Funktion des Menschen, jenes im Bewusstsein verankerte Wasserzeichen, welches individuell vergeben, gleichzeitig das Gemeinsame unter allen Menschen ausmacht als Unterschied zu allen anderen natürlichen Wesen. Wie sich das IchBewusstsein im Gehirn funktionell inszeniert und wo es anatomisch zu suchen ist, darüber gibt es bislang nur Spekulationen. Unstrittig dürfte aber sein, dass jede sensorische, sensomotorische, propriozeptive und vegetative Wahrnehmung des Selbst im neuronalen Netzwerk des Gehirns auf einer Art Endstrecke einen Pfad einbeziehen muss, der dem Wahrnehmungsgedanken einen Stempel des Persönlichen aufdrückt. Dieser Pfad könnte sich im Cingulum befinden, also dort, wo die Gedächtnisfunktion aus dem Hippocampus via Gyrus parahippocampalis mit seinen Efferenzen zum frontalen Kortex projiziert.
Die andere entscheidende Voraussetzung zur Entwicklung von Bewusstsein ist die zunehmende Leistungsfähigkeit der Gedächtnisfunktion im Hippocampus. Im Zusammenhang mit den Untersuchungen über die Gedächtnisfunktion ist eine entscheidene Entdeckung hervorzuheben: früher als die Reifung des Hippocampus nehmen die benachbarten Kerngebiete der Corpora amygdala ihre Funktion auf. Die C. amygdala aber schalten je nach Kerngebiet emotionale Vorgänge im menschlichen Gehirn und projizieren ihrerseits auf - neben dienzephale Strukturen - direkt den Hirnmantel, und zwar wiederum auf frontokortikale Areale. Diese eminent wichtige Tatsache dürfte die Annahme begründen und unterstreichen, dass vor den ereignishaften Erinnerungen die emotionalen in der Lage sind, das Ich und die Persönlichkeit aufzubauen und damit Bewusstsein ins individuelle Leben zu rufen. Dieser Annahme liegt das Verständnis von der angeborenen Unvollständigkeit des Ichs zugrunde, welche tiefenpsychologisch dahingehend Erklärung findet, dass in der frühen Säuglingsphase vom Kind eine symbiotische Bindung zur Bezugsperson (meistens die Mutter) aufgebaut wird mit einer Projektion des Selbst auf sie, wobei beim Kind ein basales Ich, das Körper-Ich, verbleibt, welches alle Gefühlshaftigkeit auf den eigenen Körper versammelt. In einem komplizierten, oft schmerzlichen Lösungs- oder Trennungsprozess kehrt das Ich gleichsam gänzlich zum Kind zurück als Zentral-Ich, und jetzt werden alle biografischen Ereignisse vollständig der eigenen Person zugeordnet, es entsteht als Abbild auf die reale Welt die innere Welt. Wenn wir in dieser Weise schlussfolgern und Bewusstsein als ein Navigieren des Ichs in einer inneren Welt verstehen, wobei das individuelle Verhalten in der gesamten Gesellschaft immer dann adaptativ und integrativ erscheint, wenn die innere Welt optimal mit der äußeren, der realen Welt, zusammenpasst, das heißt wenn das zentralisierte Ich über eine geläuterte Willensstruktur verfügt, dann müssen wir zu der Erkenntnis gelangen, dass vor dem realbezogenen Bewusstsein noch ein anderes steht, das emotionale Bewusstsein.
Für diese Auffassung spricht, dass wir erwachsenen Menschen uns an Ereignisse aus unserer frühesten Kindheit nicht erinnern können, es sei denn, Bilder und Geschichten legen uns einen Keim ins Bewusstsein, dass wir aber voller, oft scheinbar unerklärlicher Emotionen stecken, welche nicht nur unser Gefühlsleben an sich irritieren und durcheinanderbringen, sondern auch unser Selbstverständnis und unsere Daseinsbezogenheit. Unser Bewusstsein steht demnach auf emotionalen Füßen und besitzt einen rationalen Rumpf. Lebendig erscheint es, so empfinden wir, im Kopf.
Warum verfährt die Natur so? Warum kommt ein Mensch nicht in vollem Besitz seines Bewusstseins zur Welt? Im Hinblick auf die strukturelle Variabilität und den natürlichen Anpassungsdruck, dem die menschliche Gesellschaft permanent ausgesetzt ist, wäre es hinderlich, wenn nicht gar verderblich, wenn das im Existieren noch völlig unerfahrene Kind schon mit einem genetisch vorgeformten, fertigen Bewusstsein zur Welt käme. Seine eigenen kognitiven Prozesse, welche seine Lebensfertigkeit optimieren, beruhten auf häufigen, mühsamen Umformierungsvorgängen, seine emotionale Vorprägungen, die allerdings partiell ja bestehen (Charakteranlage), kollidierten mit der Notwendigkeit zur sozialen Integration. Die natürliche Perfektion der Säuglingsphase des Menschen besteht darin, dass in diesem Lebensabschnitt alle Weichen gestellt werden können, die eine optimale emotionale und kognitive Anpassung an die existenziellen Grundbedingungen zur Vorbedingung macht. In dieser Verantwortung müssen auch wir mit unseren Säuglingen umgehen.


Literatur
1. Joseph LeDoux: Das Netz der Gefühle. Wie Emotionen entstehen. München: Carl-Hauser-Verlag 1996.
Dr. med. Rüdiger Posth
Nußbaumer Wiese 4
51467 Bergisch Gladbach

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