ArchivDeutsches Ärzteblatt22-23/2020Thromboseprophylaxe: Breite Diskussion erforderlich
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COVID-19 ist eine Erkrankung, die in den meisten Fällen einen harmlosen, in einigen Fällen aber einen fatalen Verlauf hat. Was können wir tun, um fatale Verläufe zu verhindern? Welchen Beitrag kann die Primärversorgung dazu leisten?

Wir wissen neuerdings, dass der Verlauf der Erkrankung vorwiegend durch thromboembolische Prozesse bestimmt wird. Diese Erkenntnisse verdanken wir in Deutschland hauptsächlich dem Hamburger Rechtsmediziner Professor Klaus Püschel, der sich Gott sei Dank über anderslautende Empfehlungen hinweggesetzt und konsequent COVID-19-Todesfälle obduziert hat.

Obduktionsberichte mit ganz ähnlichen Ergebnissen liegen auch aus anderen Ländern vor: aus der Schweiz, Italien, Spanien, Costa Rica, Mexiko usw. Ich finde diese Erkenntnisse dramatisch. Denn wenn Thromboembolien das Schicksal der Patienten bestimmen, müssen wir Thromboembolien verhindern. Alles spricht dafür: Thromboseprophylaxe kann Leben retten. Also müssen wir COVID-19-Patienten antikoagulieren. Zumindest einen Teil von ihnen. Am besten schon, bevor sie mit einer schweren Hypoxämie ins Krankenhaus kommen.

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Was ich vermisse, ist eine breite Diskussion zu diesem Thema. Die großen Fachgesellschaften und Berufsverbände halten sich bisher bedeckt. Als Hausarzt trage ich die primäre Verantwortung für meine Patienten. Und für mich stellt sich hier die Frage: Worauf soll ich noch warten? Auf wissenschaftliche Untersuchungen, Doppelblindstudien, Flussschemata oder Leitlinien? Oder soll ich einfach handeln?

In unserer Hausarztpraxis haben wir jedenfalls schon im April den Beschluss gefasst, allen erwachsenen, ernsthaft erkrankten COVID-19-Patienten eine Thromboseprophylaxe zukommen zu lassen.

Wir wissen, dass es sich hier um eine ungedeckte Off-Label-Therapie handelt, dass wir uns damit auf medizinisch und juristisch ungesichertes Terrain begeben.

Wir werden aber weiterhin daran festhalten, solange keine nachvollziehbaren anderslautenden Empfehlungen von Fachleuten vorliegen, und möchten sowohl unsere Hausarztkollegen als auch die Vertreter der Fachdisziplinen ermuntern, sich dieses Themas zügig und ernsthaft anzunehmen.

Dr. med. Gerhard Schorndanner, 90599 Dietenhofen

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