ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2000Entstehen und Funktion von Bewusstsein: Das Denken beobachten!

MEDIZIN: Diskussion

Entstehen und Funktion von Bewusstsein: Das Denken beobachten!

Dtsch Arztebl 2000; 97(9): A-543 / B-441 / C-414

Reckert, Till

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. rer. nat. Dr. phil. Gerhard Roth in Heft 30/1999
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LNSLNS Wahrnehmend und denkend erlangen wir auf dem Schauplatz unseres Bewusstseins Erkenntnis des Seins. Dabei scheint uns zunächst das Sein als unserem Bewusstsein vorgegeben und als solches wahrnehmbar. Wir entdecken dann unser Sinnes-Nervensystem als Teil dieses als vorgegeben gedachten Seins. Wir bemerken, wie es unser Wahrnehmen erst ermöglicht. Wir überlegen: Kann das wahrzunehmende Sein durch unseren Leib in unser Bewusstsein kommen, um dort wahrgenommen zu werden? Oder: Ist Bewusstsein gegenüber dem Sein nur ein "virtuelles" Produkt des Leibes, der von einem dann selbst unwahrnehmbaren Sein irgendwie affiziert wurde? Aus der neurowissenschaftlichen Untersuchung dessen, was aus dem Wahrgenommenen im Leibe wird, scheint die zweite Vermutung zu folgen. Das logische Problem ist dabei aber Folgendes: Die Voraussetzung eines als wahrnehmbar meinem Bewusstsein vorgegebenen Seins führt über die Untersuchung eines Teiles dieses Seins - unseres Nervensystems - zu der Annahme der Unwahrnehmbarkeit des (immer noch als vorausgesetzt gedachten) Seins und damit einhergehend zu der "Virtualität" unserer Bewusstseinsinhalte diesem dann aber unerkennbaren Sein gegenüber: Die Voraussetzung löste also eine Argumentationskette aus, deren Resultat ihr widerspricht und daher zumindest durch sie nicht bewiesen werden kann.
Die Unmöglichkeit, Bewusstsein so durch ihm vorgegebenes Sein zu erklären, erkennen wir durch eine Denkoperation. Denken bringt unsere Wahrnehmungen in begriffliche Zusammenhänge und erklärt sie so erst. Dies ist möglich, weil wir Denkinhalte zwar aktiv hervorbringen, dann aber nicht willkürlich mit ihnen verfahren können, da sie uns in unserem Bestimmen rückbestimmen, also sich auf Dauer nur in die ihnen gemäßen Zusammenhänge einordnen lassen. Indem wir dies phänomenologisch beobachten, erkennen wir unter anderem, warum Wissenschaft Fakt ist. Die zusammenhangsbildende Erklärungskraft des Denkens durch ihm vorgegebenes Sein erklären zu wollen, ist dagegen deswegen unstatthaft, weil jedes Sein für uns immer schon irgendwie durch Denkinhalte erklärt ist.
Zusammenfassend folgt, dass alles, was wir unserer Erkenntnis voraussetzen, selber unerkannt bleibt und damit unkontrollierbar in die weiteren Erkenntnisbemühungen eingeht. Daher kann weder Wahrnehmen noch Denken noch Bewusstsein von einem ihr wie auch immer vorgegebenen (und damit letztlich unerkannten) Sein her erklärt werden. Bewusstsein bliebe dann immer irgendwie "virtuell", wobei unklar wäre, was Virtualität in diesem Zusammenhang bedeutet und wie ein virtuelles Bewusstsein letztlich die Sinnes-Nervenprozesse als Teil eines Seins erkannt haben wollte. Ein Ausweg aus diesem Dilemma ist, radikal vom Denken auszugehen, da uns dieses nicht vorgegeben ist. Phänomenologisch das Denken beobachtend unser Bewusstsein zu erforschen und von da aus zum Sein zu schreiten, führt weiter. Unter anderem folgender philosophischer Autor versuchte diesen Weg und kam zu nicht nur für Neurowissenschaftler interessanten Ergebnissen (1).


Literatur
1. Witzenmann H : Strukturphänomenologie - Vorbewusstes Gestaltbilden im erkennenden Wirklichkeitsenthüllen. Ein neues wissenschaftstheoretisches Konzept". Dornach: Gideon Spicker Verlag 1983.


Dr. med. Till Reckert
Landhaushöhe 15
72070 Tübingen
Zu Dr. van Laack
Die Frage, ob Bewusstsein durch

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