ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2000Entstehen und Funktion von Bewusstsein: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Entstehen und Funktion von Bewusstsein: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2000; 97(9): A-544 / B-442 / C-415

Roth, Gerhard

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. rer. nat. Dr. phil. Gerhard Roth in Heft 30/1999
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LNSLNS das Gehirn hervorgebracht wird, wie der Identismus behauptet, oder ob das Gehirn nur das Instrument ist, auf dem sich der immaterielle Geist verwirklicht, wie es der Dualismus (beispielsweise in Form des interaktiven Dualismus von John Eccles) sieht, ist letztendlich nicht zu entscheiden. Beide Anschauungen haben ihre Vorzüge und Schwierigkeiten, und man kann die jeweiligen Probleme durch Zusatzannahmen zu überwinden versuchen. Für den Naturwissenschaftler - und als solcher argumentiere ich in meinem Artikel - geht es beim Abwägen beider Anschauungen nicht um die absolute Wahrheit, sondern im Wesentlichen um die Frage: Beruht eine der beiden Anschauungen auf Annahmen, die dem heutigen wissenschaftlichen Weltbild fundamental widersprechen? Dies ist freilich beim interaktiven Dualismus der Fall. John Eccles (wie auch alle Dualisten vor ihm) hat niemals plausibel machen können, wie der unsterbliche Geist mit dem Gehirn interagiert, und ebenso nicht, warum der Geist dies eigentlich nötig hat. Es ist im Rahmen des Dualismus auch völlig unerklärlich, warum Bewusstseinszustände, zum Beispiel beim Auslösen einer Willkürhandlung, erst auftreten, nachdem unbewusste Zentren in spezifischer Weise aktiv waren (die berühmten Libet-Experimente wurden im vergangenen Jahr wiederholt, mit demselben Ergebnis). Auch ist im Rahmen des Dualismus rätselhaft, warum das Auftreten von Bewusstseinszuständen stets an einen hohen Verbrauch von Sauerstoff und Zucker in der Großhirnrinde verbunden ist. Geist und Bewusstsein sind ganz offenbar Zustände, die sich im Rahmen bekannter Naturgesetze bewegen und von physikalisch-physiologischen Zuständen beeinflusst werden.
Zu Dr. Garcia
Es ist völlig klar, dass die Hirnforschung, also Neuroanatomie, Neurophysiologie, Entwicklungsneurobiologie allein niemals die Frage beantworten kann, in welcher Weise Bewusstseinszustände und Hirnprozesse zusammenhängen. Hierzu ist die enge Zusammenarbeit mit Neuropsychologen, Wahrnehmungspsychologen, Neurologen, Psychiatern, vielleicht sogar Psychoanalytikern und Philosophen notwendig - Disziplinen, die gegenüber der notwendigerweise stets vereinfachenden Hirnforschung die Komplexität der zu erklärenden Phänomene wahren können und müssen. Diese Multidisziplinarität in der Bewusstseinsforschung vorausgesetzt, gehen alle empirischen Evidenzen in dieselbe Richtung, nämlich dass jede Art von Wahrnehmung, jeder Gedanke, jedes Gefühl und jeder Willensakt eine Entsprechung mit Hirnprozessen hat. Wie dies genau auf der Ebene einzelner Nervenzellen und kleinerer Zellverbände geschieht, bleibt freilich noch zu untersuchen; immerhin ist eine Beantwortung dieser Frage in Einzelfällen bereits gelungen.
Zu Dr. Heine
Dem Bild des Gehirns als eines "begreifbaren funktionellen Organs" stimme ich zu. Zu der Feststellung vom "freien, von außen völlig unbeeinflussten, bewussten Willen" muss allerdings gesagt werden, dass nach allem, was über die Steuerung unserer Willkürmotorik bekannt ist, berechtigte Zweifel an der "Freiheit" bestehen. Hirnforschung, Neuropsychologie und Kognitionspsychologie haben viele Evidenzen dafür, dass unser Denken und Wollen von unserem Unbewussten (als dem Gedächtnis angeborene Antriebe und früheren Erfahrungen) stark beeinflusst wird, ohne das wir davon direkt erfahren. Menschliches Handeln ist zweifellos überwiegend autonom, das heißt von eigenen Erfahrungen geleitet; das Empfinden, unser Wille könne dabei völlig frei entscheiden, scheint dagegen eine Illusion zu sein.
Zu R. Posth
Diese Stellungnahme enthält den wertvollen Hinweis darauf, dass die emotionale Entwicklung der kognitiven Entwicklung vorhergeht. Das limbische System (cingulärer Kortex, Hippocampus, Amygdala, Basalkerne, Septum und anderes) beginnt bereits vor der Geburt zu arbeiten, lange bevor komplexere Bewusstseinszustände (wie Ich-Empfindung, Autorenschaft der eigenen Handlungen, Handlungsplanung, bewusstes In-Rechnung-Stellen der Absichten anderer) auftreten. Letzteres beginnt erst im Laufe des dritten Lebensjahres, interessanterweise in engem Zusammenhang mit der Entwicklung einer synaktischen Sprache. Das emotionale System bereitet das kognitiv-bewusste System vor, es ermöglicht dieses erst.
Zu Dr. Reschke
Leider muss sich die Hirnforschung auch bei der Untersuchung von Bewusstseinszuständen auf dasjenige beschränken, was empirisch-experimentell überhaupt untersuchbar ist. Die große individuelle und - möglicherweise - überindividuelle Komplexität von Bewusstseinszuständen (Ich, Selbst, Wirklichkeit, Gesundheit), mit der man im Leben und der ärztlichen Praxis konfrontiert ist und die im Leserbrief erwähnt wird, wird noch für lange Zeit für die neurobiologische Forschung unerreichbar sein.
Zu Dr. Sradj Bewusstsein ist in der Tat ein Instrument zur "klaren Orientierung des Menschen in Raum und Zeit".
Zu Dr. Reckert
In diesem Leserbrief wird sehr anschaulich beschrieben, in welcher Weise das Denken sich in seinem Wesen und Ursprung selbst rätselhaft ist. Diese Selbst-Rätselhaftigkeit resultiert meiner Meinung nach aus der Tatsache, dass (wie bereits oben erwähnt) das unbewusst arbeitende limbische System unser kortikales Bewusstseinssystem stark beeinflusst, ohne dass letzteres dies an sich erfährt. Vielmehr erfahren wir uns in unserem Bewusstsein als frei und unabhängig. Die unbewussten Beweggründe unserer bewussten Existenz sind für uns denkerisch und auch erlebnismäßig unzugänglich, und zwar aus grundlegenden anatomischen und physiologischen Gegebenheiten. Die Introspektion ist ein wertvolles Instrument beim Ergründen des Reichtums der Bewusstseinszustände, sie versagt aber bei der Frage, woher unser Bewusstsein kommt, wer oder was es lenkt und welche Funktion es hat. Dies kann nur empirisch-experimentell aus der Sicht der dritten Person erfolgen.


Prof. Dr. rer. nat. Dr. phil. Gerhard Roth
Institut für Hirnforschung
Universität Bremen
Postfach 33 04 40 · 28334 Bremen

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