ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2020Coronakrise: Die Rechte der Kinder

EDITORIAL

Coronakrise: Die Rechte der Kinder

Bühring, Petra

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Seit Wochen ist der Artikel „Kinder haben das Recht auf Bildung“ aus der Printausgabe des Deutschen Ärzteblatts und PP (Heft 5) einer der online am häufigsten gelesenen Artikel bei uns. Das Thema brennt vielen auf den Nägeln. Die Autoren, Klinikärzte der Pädiatrischen Infektiologie, sprachen sich darin bereits Ende April dafür aus, die Schließungen von Kitas und Schulen neu zu überdenken. Seit Mitte März dürfen Kinder und Jugendliche nur sehr eingeschränkt ihre Einrichtungen besuchen. Die Infektiologen argumen-tieren, das Kinder gar nicht oder nur milde an COVID-19 erkranken. Die Schließungen dienten also nicht primär ihrem Schutz, sondern der Eindämmung der Pandemie und letztlich dem Schutz der vulnerablen älteren Bevölkerung. Gesundheitsschutz ist natürlich ein hohes Gut, aber inzwischen geht der Lockdown deutlich zulasten von Kindern und Eltern. Seit fast drei Monaten driftet nicht nur die Bildungsschere immer weiter auseinander, denn gute digitale Homeschooling-Angebote mag es vielleicht an einigen Privatschulen geben, die allermeisten staatlichen Schulen waren auf die Abkehr vom Präsenzunterricht nicht vorbereitet – und sind es immer noch nicht. Gleichzeitig sind Eltern keine Lehrer, können weder Schulstoff pädagogisch angemessen vermitteln noch die Kinder ausreichend motivieren. Arbeiten sie gleichzeitig im Homeoffice ist die Überforderung der Eltern komplett. Zumeist sind es die Mütter, die diese Herausforderung zu stemmen suchen – Retraditionalisierung ist inzwischen ein geläufiger Begriff. Psychische Belastungen durch die COVID-19-Pandemie werden in einer zunehmenden Inanspruchnahme der psychotherapeutischen Versorgung resultieren. Davon gehen die Autoren des Artikels auf Seite 251 ohne Zweifel aus. Und dann gibt es ja auch noch die Familien, denen es nicht ansatzweise gelingt, ihren Kindern Unterstützung oder Halt in einer Ausnahmesituation zu geben, in der ihnen sonst alles wegbricht. Die Beratungsstelle Straßenkinder e.V. berichtet von immer mehr Betroffenen. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) weist auf einen Anstieg von Kindern mit Tics, Angststörungen und anderen Verhaltensauffälligkeiten in den Praxen hin. Zusammen mit vier weiteren Fachgesellschaften aus den Bereichen Infektiologie, Krankenhaushygiene und Umweltmedizin fordern die Kinderärzte deshalb eine zeitnahe Öffnung von Kitas und Schulen. Die Bedeutung der Schließungen auf die Dynamik der weiteren Infektionsausbreitung werde nach aktuellem Wissenstand als gering eingeschätzt, so die Autoren der Stellungnahme (http://daebl.de/KQ38). Die Öffnung sei auch ohne massive Einschränkungen unter den Kindern, wie Abstandswahrung und Maskentragen, möglich. Entscheidender als die individuelle Gruppengröße sei die Konstanz der jeweiligen Gruppe und die Vermeidung von Durchmischungen, so die Experten. Gerade die strengen Vorgaben zur Abstandswahrung bringen Kitas und Schulen ja räumlich und personell in solche Bedrängnis, dass nur wenige Stunden Präsenzunterricht pro Woche und Kind möglich sind und nur einzelne Jahrgänge beschult werden können. Die Bundesländer gehen hinsichtlich der Schnelligkeit der Öffnungen ganz unterschiedliche Wege und die Diskussionen darüber zeigen die ganze Ambivalenz. Klar ist: Die Last das Virus einzudämmen, darf nicht weiter zulasten von Kindern und Eltern gehen.

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