ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2000Alt oder Kölsch: Eine Frage der Ideologie

VARIA: Feuilleton

Alt oder Kölsch: Eine Frage der Ideologie

Dtsch Arztebl 2000; 97(9): A-546 / B-482 / C-444

Engelbrecht, Jörg

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LNSLNS Anmerkungen zu einem bierernsten Thema

Glaubt man den Kabarettisten Jürgen Becker und Konrad Beikircher, so ist der Genuss von Altbier eine der schlimmsten Erfahrungen, die man als Kölner machen kann. Umgekehrt gibt es aus Düsseldorfer Sicht, etwa von den "Toten Hosen", Aussagen, die gleiches vom Kölsch behaupten. Der Gegensatz zwischen den beiden rheinischen Metropolen findet seine Ausprägung also auch im Biergeschmack. Ganz unbestreitbar gehört Kölsch, neben dem Karneval, dem Dom und dem Hänneschen Theater, zu den wichtigsten stadtkölnischen Identitätsträgern. Der Kölner trinkt Kölsch und nichts anderes. Außerdem legt er Wert darauf, dass sein Bier in der Stadt selbst gebraut wird.
Gelungenes Marketing
Einem Urteil des Oberlandesgerichts Köln aus dem Jahr 1980 zufolge darf Kölsch "in der Regel" nur in Köln gebraut werden. Rheinisch-salomonisch fügten die Richter jedoch hinzu, dass in Ausnahmefällen Kölsch sehr wohl auch außerhalb der Kölner Stadtgrenzen gebraut werden dürfe, dann nämlich, wenn die betreffende Brauerei ihr Bier schon seit jeher unter der Bezeichnung "Kölsch" auf den Markt bringe. So gibt es also auch Kölsch, das in Wahrheit aus Bonn, aus Dormagen oder aus Leverkusen stammt. Den echten Kölner mag das schmerzen, aber er kann sich mit dem Gedanken trösten, dass sein Gerstensaft wenigstens nicht aus Düsseldorf kommt.
Im Falle des Düsseldorfers und seiner Präferenz für das Altbier verhält es sich etwas komplizierter. Zum einen stand die Wiege des Altbiers nicht in Düsseldorf, sondern am linken Niederrhein, wo sich auch heute noch die größten Altbierbrauereien befinden. Zum anderen ist die Liebe des Düsseldorfers zu "seinem" Bier in den letzten Jahren spürbar abgekühlt. Immer mehr Düsseldorfer geben dem Pils, dem Weizenbier oder sogar amerikanischem Bier den Vorzug vor dem Alt, wenn sie sich nicht gleich konsequenterweise dem Champagner zuwenden, dessen Absatz in Düsseldorf jedes Jahr neue Rekordmarken erreicht.
Die Brauereien reagieren auf diesen Trend mit Werbekampagnen, die dem Alt ein zeitgemäßeres Image verschaffen sollen, da es bei den Jüngeren mittlerweile als "uncool" gilt, Alt zu trinken. Auch in Fragen des Biergeschmacks ist der Düsseldorfer also eher dem Zeitgeist verpflichtet als der Tradition. Ein frisch gezapftes Kölsch würde er allerdings auch an einem heißen Sommertag und in Ermangelung anderer Erfrischungen kategorisch zurückweisen. Apropos Tradition: Wie so oft, so ist sie auch im Fall von Kölsch und Alt gar nicht so alt, wie man glauben machen möchte. Beide Gattungsbezeichnungen sind verhältnismäßig jungen Ursprungs und gleichzeitig frühe Beispiele für gelungenes Marketing. Kölsch taucht als Begriff erstmals um 1900 auf, und zwar als Abkürzung für Kölsch Wieß, ein gefiltertes obergäriges Bier, im Gegensatz zum ungefilterten Brung. Die Gattungsbezeichnung Alt hat sich in Düsseldorf gar erst nach dem Zweiten Weltkrieg durchgesetzt. Zuvor sprach man dort von Düssel, ein Begriff, der heute allerdings als Markenname von einer einzigen Brauerei exklusiv beansprucht wird. Erst durch die moderne Brautechnik wurde es überdies möglich, Kölsch und Alt in stets gleich bleibender Qualität herzustellen und damit Bier überhaupt zu einem Markenprodukt zu machen. Was man in den Jahrhunderten zuvor getrunken hat, war sowohl in Köln als auch in Düsseldorf ziemlich ähnlich, obergäriges Bier nämlich, das mit dem heutigen Alt und Kölsch nicht verwechselt werden darf und ganz sicher auch den Qualitätsansprüchen heutiger Konsumenten nicht entsprochen haben wird.
Lokalpatriotismus
Abgesehen von der etwas unterschiedlichen Färbung, haben Alt und Kölsch auch heute mehr gemein, als es die Lokalpatrioten in Köln und Düsseldorf wahrhaben wollen. Beide werden nach dem obergärigen Brauverfahren hergestellt, bei dem die Hefe nach oben steigt; beide werden ohne Kohlensäure aus dem Fass gezapft; beide trinkt man aus zylindrischen Gläsern, deren Form sich erst in den letzten Jahrzehnten abweichend entwickelt hat.
Der Kellner, der dem Durstigen ein frisches Kölsch oder Alt serviert, wird in Köln und in Düsseldorf übereinstimmend Köbes gerufen. Auch medizinisch gibt es keinen Unterschied zwischen Alt und Kölsch: Beide enthalten die gleichen Vitamine, Mineralien und Spurenelemente, wirken darüber hinaus entwässernd und verdauungsfördernd. Sie werden bei Nierensteinleiden zur Therapie eingesetzt. Beide enthalten allerdings auch 4,8-5,0 Vol.-Prozent Alkoholgehalt.
Bei einer Blindverkostung dürften überdies nur wenige Probanden in der Lage sein, Alt und Kölsch geschmacklich auseinander zu halten. Die Frage "Alt oder Kölsch?" ist also weniger eine solche des Geschmacks als vielmehr eine der Ideologie und somit fester Bestandteil dessen geworden, was Kölner und Düsseldorfer trennt. Nur Kölner und Düsseldorfer? Entlang einer Linie von Heinsberg im Westen, über Grevenbroich, Dormagen, Langenfeld bis Solingen im Osten wird ein tiefer rheinischer Kulturgraben sichtbar, der mit dem Gegensatz links- und rechtsrheinisch nur unzureichend umschrieben ist. Nördlich davon beginnt das Altbierterritorium, südlich davon, bis zur Ahr, befinden sich die Bastionen des Kölsch. Diese Beobachtung erhält eine erhöhte Relevanz durch den Umstand, dass es noch andere im Brauchtum begründete Unterschiede gibt, die der Grenzziehung folgen, nämlich solche karnevalistischer Natur.
Als Faustregel gilt: Wo man Alaaf ruft, da trinkt man Kölsch, wessen jeckes Herz nur durch Helau zu rühren ist, der trinkt Alt. Der Graben, der quer durch das Rheinland verläuft, ist also wesentlich tiefer, als es die Frage nach der Bierpräferenz vermuten lässt, denn beim Karneval - so weiß jeder Rheinländer - hört der Spaß auf.


Prof. Dr. phil. Jörg Engelbrecht

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