ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2020Suchtkranke: Anonyme Alkoholiker wirksamer als Therapien

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Suchtkranke: Anonyme Alkoholiker wirksamer als Therapien

Meyer, Rüdiger

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Die Anonymen Alkoholiker, eine weltweit agierende Selbsthilfebewegung mit kulturellen Wurzeln in den USA, sind nach einer Meta-analyse in der Cochrane Library häufiger in der Lage, Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit vom Trinken abzuhalten als professionelle Psychotherapien. Die Alkoholsucht wird – nach einer etwaigen Entgiftung unter ärztlicher Aufsicht – in der Regel von Psychotherapeuten behandelt, die verschiedene Behandlungsstrategien entwickelt haben. Außerhalb der Medizin gibt es Selbsthilfegruppen, die den Betroffenen Unterstützung anbieten. Die vermutlich älteste Laienorganisation sind die 1935 von einem Arzt und seinem alkoholkranken Patienten in Akron/Ohio gegründeten „Alcoholics Anonymous“, die heute als AA in 180 Ländern aktiv sind und mehr als 118 000 Gruppen betreiben.

Das Konzept der AA ist ein religiös motiviertes 12-Schritte-Programm, in dem der Betroffene nach dem Anerkennen seiner Hilflosigkeit mit göttlicher Hilfe langsam zur „spirituellen Erweckung“ geführt wird, die ihn am Ende befähigt, andere Menschen vom Alkoholkonsum zu befreien. Viele Psychotherapeuten, die bei der kognitiven Verhaltenstherapie ebenfalls einen Weg von einer Erkenntnis der Ursachen hin zu Techniken der Alkoholvermeidung anbieten, dürften die AA nicht als wissenschaftlich begründete Therapie betrachten. Ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Welten besteht darin, dass die AA-Gruppen häufig über viele Jahre eine Gemeinschaft schaffen, deren Mitglieder sich gegenseitig unterstützen, während eine professionelle Psychotherapie nach einer begrenzten Zahl von therapeutischen Sitzungen vorüber ist. Nach den jetzt von einem Team um Keith Humphreys von der Stanford Universität in Palo Alto vorgestellten Auswertung von 27 Studien mit 10 565 Teilnehmern könnte das 12-Schritte-Programm der AA-Gruppen am Ende die besseren Ergebnisse erzielen. Nach einem Jahr waren 42 % der Teilnehmer der AA abstinent, während es nach einer Psychotherapie (etwa der kognitiven Verhaltenstherapie) nur etwa 35 % waren. Der Effekt war laut Humphreys vor allem darauf zurückzuführen, dass die Teilnehmer der AA-Gruppen dazu motiviert werden, nach dem Abschluss des 12-Schritte-Programms weiter an den Treffen teilzunehmen. So war der Vorteil in den Abstinenztagen in den ersten 12 Monaten noch relativ gering. Nach 24 Monaten und nach 36 Monaten gelang es den Teilnehmern der AA-Gruppen deutlich häufiger, auf den Alkoholkonsum zu verzichten, als die Teilnehmer der Psychotherapie, deren Wirkung offenbar immer weiter verblasste.

Da die AA keine hauptberuflichen Therapeuten beschäftigen, sind die Kosten gering. Dies wirkt sich auch auf die Studien zur Kosten-Effektivität aus, die laut der Meta-analyse alle zugunsten des 12-Schritte-Programms ausfielen. Humphreys kommt zu dem Ergebnis, dass pro Patient etwa 10.000 US-Dollar pro Jahr gespart würden. rme

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Kelly JF, Humphreys K, Ferri M: Alcoholics Anonymous and other 12step programs for alcohol use disorder – Cochrane Systematic Review. 11. März 2020. https://doi.org/10.1002/14651858.CD012880.pub2.

Kommentare

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Avatar #873965
Bischof_Psy
am Dienstag, 2. März 2021, 11:09

Selektive Darstellung mit riskanten Schlussfolgerungen

Selbsthilfegruppen können unstrittig eine wichtige Stütze für Menschen mit alkoholbezogenen Störungen darstellen und der Besuch sollte Patienten mit diesem Störungsbild nahegelegt werden. Allerdings ist die Aussage, AA sei wirksamer als Psychotherapie methodisch unzulässig, wie wir in einer kritischen Analyse der Arbeit von Kelly et al nachweisen (Bischof et al., "Anonyme Alkoholiker wirksamer als Psychotherapie? Eine kritische Analyse des Cochrane-Reviews von Kelly, Humphreys & Ferri 2020", Suchttherapie, in press). Ersichtlich werden die methodischen Probleme, die bei Meta-Analysen mit heterogenen Interventions- und Kontrollbedingungen sowie bei selektiv berichteten outcome-Paremetern bestehen. So wurden in den von Kelly et al. inkludierten Studien weder Selbsthilfegruppen mit evidenzbasierter Psychotherapie verglichen, noch wurden klinisch bedeutsame outcome-Maße vollständig dargestellt. Die als 12-Schritte-Interventionen inkludierten Studien wurden mehrheitlich von erfahrenen Therapeuten durchgeführt und beinhalteten fast durchgängig Kombinationen mit anderen psychotherapeutischen Verfahren, teilweise wurden passive Kontrollbedingungen und andere therapeutische Interventionen zusammengefasst. Hinweise auf schlechtere Behandlungsergebnisse bei klinisch bedeutsamen kombinierten Outcome-Maßen, die sich in verschiedenen Studien ergaben, wurden ebenso wenig berichtet wie HInweise auf höhere Kosteneffektivität für motivationale Interventionen bei bestimmten Patientengruppen. Zu befürchten ist, dass eine einseitige Rezeption der Cochrane-Analyse die Weitervermittlung von Patienten in von den aktualisierten S-3 Leitlinien "alkoholbezogene Störungen" empfohlene Behandlungsansätze untergraben könnte.

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