ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2020Psychoanalyse: Verstehenwollen als Aufbruch

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Psychoanalyse: Verstehenwollen als Aufbruch

Sasse, Heiner

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Die Arbeit erscheint in der Reihe PsychodynamikKompakt mit dem Anspruch, theoretisch fundiert, kurz, bündig und praxistauglich zu sein. Dieser Anspruch wird erfüllt, aber es geht um weit mehr. Küchenhoff berücksichtigt wesentliche Ansätze und Autoren, er teilt das Buch in vier Kapitel mit Unterkapiteln und übersichtlichen Zusammenfassungen auf: der Andere, das Andere, therapeutische Beziehung und Gabe, negative Hermeneutik. Spezifische Erkenntniswege der Psychoanalyse werden damit charakterisiert. Das menschliche Gegenüber als der oder die Andere wird beschrieben als Alter Ego, aber auch als Fremde/r und als Dritte/r mit den entsprechenden Konsequenzen für das Verstehen. Das Andere beschreibt er als das Negative in der Psychoanalyse. Sowohl die Nichtverfügbarkeit des Seelischen, das Leiden und die Konflikte wie das Unbewusste mit seinen klinischen Auswirkungen bilden den zentralen Fokus des Verstehen-Wollens als Behandlungsgrundlage. Drei Ebenen werden differenziert: Verdrängung, Spaltung und Verwerfung werden bezüglich ihrer Zugänglichkeit untersucht. Spannend wird es durch die konzentrierte Darstellung der Beziehungsgestaltung, die sich zwar mittels Hören und Sprechen ausformt, die der Autor mit den Konzepten von Leiblichkeit, emotionaler Öffnung und Berührbarkeit, des Begehrens wie des Miteinanders zwischen Passung, Resonanz, Widerspruch und Intersubjektivität wie Interobjekthaftigkeit von beiden Seiten aus zu erfassen vermag. Insbesondere die Fragen der Macht in der psychoanalytischen Situation erhellt er mit Konzepten der Gabe, der Absichtslosigkeit. Den Verstehensprozess beschreibt er als „Einander-miteinander verstehen-Wollen“. Im Kapitel über das Verstehen und die Negative Hermeneutik werden elementare Konzepte der psychoanalytischen Behandlungen vom Autor prägnant dargestellt. Psychoanalyse befasst sich mit der Unaustauschbarkeit, der Unverwechselbarkeit, der Unvertretbarkeit aber damit auch mit der Unvergleichbarkeit des Menschen. Das Suchen und der Wille oder der Förderung des Wollens nach dem Verstehen des Sinnes, der Sinnhaftigkeit und damit auch der Anerkennung der negativen selbst- und fremdschädigenden Unvermeidbarkeiten wie Verwicklungen bilden den gemeinsamen Grund des therapeutischen Arbeitsbündnisses. Dieses Vorgehen bewirkt Inkongruenzen und damit können intrinsische Veränderungsmotivationen entstehen. Der Weg des Zulassens, des Auftauchens und des Verstehen-Wollens der Negativität wird damit nicht endlich, bleibt Herausforderung, stellt immer wieder beide Seiten infrage, erfüllt nie die Idealvorstellungen Anderer.

Küchenhoff sieht das VerstehenWollen als Aufbruch und nicht als Erfüllung, er bleibt suchend. Dieses Vorgehen beansprucht Zeit. Psychoanalyse und Psychotherapie sind aus seiner Sicht „eine Wiederherstellung ober überhaupt eine Herstellung des Vermögens, verstehen zu wollen, nicht aber eine Unterwerfung unter abschließend formulierte Bedeutungen“. Diese Erkenntnisse und damit das spezifische Verständnis von Qualität und Humanität in der Psychotherapie sind kostbar, nicht nur weil sie im § 70 des Sozialgesetzbuches V gefordert sind. Daher ist dieser übersichtliche Band für alle diejenigen, die an Psychotherapie interessiert sind, sie anwenden, lernen, lehren, beforschen oder auch benötigen, besonders empfehlenswert. Heiner Sasse

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Joachim Küchenhoff: Sich verstehen im Anderen. Erkenntniswege der Psychoanalyse. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, 76 Seiten, kartoniert, 12.00 Euro

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