ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2020Psychoanalyse: Geisteswissenschaftliche Beiträge zum Autoritarismus

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Psychoanalyse: Geisteswissenschaftliche Beiträge zum Autoritarismus

Mackenthun, Gerald

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Oliver Decker, zusammen mit Elmar Brähler Autor der Leipziger „Autoritarismus-Mitte-Studie“, und Christoph Türcke, emeritierter Professor für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, sind Herausgeber der Beiträge der nunmehr sechsten Tagung „Kritische Theorie – Psychoanalytische Praxis“. Diese Tagung findet alle zwei Jahre statt und war 2019 der Auseinandersetzung mit dem Autoritarismus gewidmet. Anlass war die weitverbreitete Sorge vor rassistischen und rechtsextremen Strömungen diesseits und jenseits des Atlantiks.

Das Phänomen des Autoritarismus reicht von dem Wunsch nach Unterwerfung unter eine führende Autorität über Aggression gegen Schwache bis hin zu einer konservativen Betonung von Konventionen. Doch den Beiträgen des Bandes mangelt es an einer durchdachten Begrifflichkeit. Ein weiteres Problem besteht darin, dass die Herausgeber diesen Autoritarismus nur im rechten bis rechtsextremen politischen Spektrum verorten, nicht auch in einer kollektivistisch-sozialistischen Sehnsucht nach einer Diktatur des Proletariats oder einer Einheitspartei.

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Einige Beiträge des Sammelbandes gehen aus von der bahnbrechenden Autoritarismus-Forschung des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt/Main. Deren Studien über Autorität und Familie 1930/31 waren zugleich die ersten Arbeiten der sogenannten Kritischen Theorie. Ein Ergebnis dieser wegweisenden Forschung war – was die Herausgeber Decker und Türcke nicht gerade hervorheben –, dass auch die Arbeiterschaft, in deren revolutionäres Potenzial viele Intellektuelle ihre Hoffnungen setzten, nicht vom Autoritarismus und deren Haltungen frei war. Der Psychoanalytiker Erich Fromm entwickelte dann 1936 anhand einer Synthese von Marxismus und Psychoanalyse das Konzept des autoritären Charakters, gemünzt auf die Weimarer Republik und die ersten Jahre des Nationalsozialismus.

Der erneute Anlauf zu einer soziologisch-psychoanalytischen Kritik autoritärer Strömungen in diesem Sammelband kann nicht befriedigen. Die Aussage, „die Gesellschaft hinterlässt über die gesamte Lebensspanne ihre Spuren im Subjekt“, ist so richtig wie banal. Und führen diese Spuren tatsächlich einzig und direkt zum autoritären Charakter? Wie aber können dann die vielen antiautoritären und kapitalismuskritischen Bewegungen entstehen und sich halten? An dieser Frage scheitert regelmäßig die linke psychoanalytische Gesellschaftskritik.

Die Autoren stellen richtigerweise fest, dass autoritäre gesellschaftliche Verhältnisse nicht ausschließlich auf Gewalt beruhen, sondern zusätzlich und immer auch auf einer umfangreichen Freiwilligkeit (so schon Georg Simmel 1908). Es gibt Wünsche nach Identifikation mit Stärke und Macht. Ein Grundbedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit kann offenbar unter gegebenen Umständen in Autoritarismus und Liebe zur Diktatur entarten.

Problematisch scheint mir, dass die Anpassung der Individuen „an gesellschaftliche Normen“ nur negativ gesehen wird. Diese Anpassung, die jedes Kleinkind und jeder Jugendliche vollziehen muss, um sich geschickt in seiner jeweiligen Gesellschaft bewegen zu können, muss meines Erachtens unterschieden werden in eine produktive, defizitäre und destruktive Anpassung. Die Erkenntnisse der frühen Studien der Frankfurter Schule und Erich Fromms sind nicht umstandslos in die Gegenwart zu transferieren.

Die zwölf Beiträge von ebenso vielen Autoren aus unterschiedlichen geisteswissenschaftlichen Fachrichtungen sind insofern lesenswert, als sie zum Widerspruch reizen. Sie liefern aber keine überzeugende Gegenwartsanalyse. Gerald Mackenthun

Oliver Decker, Christoph Türcke (Hrsg.): Autoritarismus. Kritische Theorie und psychoanalytische Praxis. Psychosozial-Verlag, Gießen 2019, 220 Seiten, kartoniert, 29,90 Euro

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