ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2020Regelversorgung: Angst vor der Isolation
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Im Ärzteblatt vom 15. Mai 2020 wird auf eine wichtige Folgeerscheinung der Beschränkungen der Coronaepidemie hingewiesen. Die Zahlen, die zeigen, dass sich wesentlich weniger Patienten mit anderen Erkrankungen in Krankenhäuser begeben haben, sind besorgniserregend und weisen darauf hin, dass die Folgen der Restriktionen nicht nur ökonomischer, sondern ganz wesentlich auch gesundheitlicher Art sind, die Abwägung also nicht – wie so häufig in der politischen Diskussion – Leben versus Geld, sondern Leben gegen anderes Leben ist.

Es ist deshalb von enormer Bedeutung, dass wir konsequent gemeinsam daran arbeiten, diese gesundheitlichen Folgeerscheinungen so rasch wie möglich zu begrenzen. Dabei wird aus unserer Sicht in dem Artikel eine derzeit häufig zu hörende voreilige Schlussfolgerung gezogen. Die verminderte Vorstellungsrate von Patienten in Praxen, Kliniken und Notaufnahmen wird lediglich auf die Sorge von Patienten, sich zu infizieren, zurückgeführt und deshalb eine bessere Information der Öffentlichkeit über die sehr guten Hygienemaßnahmen als entscheidende Maßnahme gefordert. Unsere Blitzumfrage unter deutschen Tumorpatienten (Büntzel J, Klein M. Keinki C, Walter S, Büntzel J, Hübner J. Oncology services in corona times: a flash interview among German cancer patients and their physicians; J Cancer Res Clin Oncol 2020; https://doi.org/10.1007/s00432–020–03249-z) zeigt jedoch, dass nicht nur die Sorge vor den Infektionen einer der wesentlichen Gründe dafür ist, sich derzeit auch bei akuten Symptomen einer lebensbedrohlichen Erkrankung oder dem Verdacht auf eine maligne Erkrankung nicht in ärztliche Behandlung zu begeben. Es besteht ausdrückliche und begründete Angst, aufgrund der Besuchsverbote alleine und isoliert in einer Klinik zu liegen.

Für onkologische Patienten kommt es nicht nur darauf an, dass die Gabe von Medikamenten und die Durchführung von Operationen weiterhin gesichert ist. Der Beratungsalltag zeigt, dass wesentliche Fragen bei der Früherkennung, der Durchführung adjuvanter Therapien, dem Nebenwirkungsmanagement (fehlende hausärztliche Unterstützung durch Überlastung der Hausarztpraxen und Restriktionen im Zugang zu den Praxen) und der Wahrnehmung von Rehabilitationsmaßnahmen vom Rehabilitationssport bis zur Anschlussheilbehandlung in den letzten Wochen in den Hintergrund getreten sind, die nicht nur zu einem Verlust von Lebensqualität, sondern auch von Lebenszeit führen können.

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Im Kontext der Pandemie sind wesentliche ärztliche Handlungsmaximen einer menschlichen, den kranken Menschen begleitenden und berührenden Versorgung in den Hintergrund getreten und müssen dringend wieder Teil des Behandlungsalltags werden.

Prof. Dr. med. Jutta Hübner, 07747 Jena

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