ArchivDeutsches Ärzteblatt25/202081. Ordentlicher Medizinischer Fakultätentag: Im Zeichen der Pandemie

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81. Ordentlicher Medizinischer Fakultätentag: Im Zeichen der Pandemie

Richter-Kuhlmann, Eva

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Zum Medizinischen Fakultätentag 2020 trafen sich die Vertreter der Hochschulmedizin aufgrund der Pandemie nur virtuell. Ihre Bilanz war positiv: Die Herausforderungen der letzten Monate hat die Unimedizin gut gemeistert.

Fotos: MFT
Fotos: MFT

Erleichterung und Stolz schwingen immer mit, wenn Vertreterinnen und Vertreter der Universitätsmedizin über die COVID-19-Pandemie und ihre Bewältigung sprechen. „Wir haben eine riesige Bewährungsprobe in unseren drei Kernaufgaben – Forschung, Lehre und Versorgung – dreifach glänzend bestanden“, so eröffnete Prof. Dr. med. Matthias Frosch, Präsident des Medizinischen Fakultätentags (MFT), den 81. Ordentlichen Medizinischen Fakultätentag (oMFT) am 11. Juni in Berlin. Ursprünglich sollte der oMFT zwei Tage lang an der Medizinischen Fakultät in Essen stattfinden, widmete sich aber nun aufgrund der Coronapandemie als kurzes virtuelles Treffen explizit den Herausforderungen, denen sich die Universitätsmedizin in ihren drei Kernbereichen während der Pandemie stellen musste.

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Da ist zum einen die Krankenversorgung: In diesem Bereich habe die Universitätsmedizin während der Pandemie einen zentralen Beitrag geleistet, betonte Frosch. Und das nicht nur, weil die Patienten mit besonders schweren Krankheitsverläufen überwiegend in universitätsmedizinischen Einrichtungen behandelt worden wären, sondern auch, weil die Universitätsmedizin an den meisten Standorten zentrale Steuerungs- und Koordinierungsaufgaben und die Beratung von Behörden und Politik übernommen und die im Versorgungsalltag bislang bestehenden Sektorengrenzen überwunden hätte.

Gute Kommunikationskultur

„Gemeinsam mit Krankenhäusern in der Region, der niedergelassenen Ärzteschaft und dem Öffentlichen Gesundheitsdienst haben die universitätsmedizinischen Einrichtungen die regionale Verantwortung für das Management des Pandemiegeschehens übernommen und über die Sektorengrenzen von ambulanter und stationärer, universitärer und nicht universitärer Medizin hinaus organisiert und die entsprechenden Maßnahmen umgesetzt“, betonte der MFT-Präsident. Nun gelte es, die Organisation der Gesundheitsversorgung grundsätzlich sektorenübergreifend zu denken. Darin sei sich der MFT mit dem Verband der Uniklinika Deutschlands (VUD) einig.

Als besonders positiv während der Pandemie bewertete Prof. Dr. med. Christopher Baum, Vizepräsident Medizin der Universität zu Lübeck und Mitglied des MFT-Präsidiums, die derzeit vorherrschende Kommunikationskultur. „Noch nie gab es so viel Austausch zwischen den Fakultäten“, berichtete er bei der Podiumsdiskussion. Auch an den Schnittstellen zwischen den Behörden und den Hochschulen hätte eine sehr gute Interaktion stattgefunden“, zog er Bilanz. „Die Grundhaltung war geprägt von Solidarität. Es gab keine Normen, aber gemeinsame Werte.“

Auch Minsterialdirigent Markus Algermissen, Leiter der Unterabteilung Medizin- und Berufsrecht im Bundesministerium für Gesundheit (BMG), lobte die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Politik in den vergangenen Wochen. Obwohl in Politik und Wissenschaft andere Strukturen herrschten, hätten sich schnell übergreifende Krisenstäbe gebildet, die gut kooperiert hätten, sagte er.

Reform des Medizinstudiums

„Das war auch nötig, weil viele Verordnungen schneller gehen mussten als üblich.“ Jetzt werde sich die Politik wieder anderen Themen widmen können, kündigte Algermissen an. So würden jetzt die Arbeiten an einer Reform des Medizinstudiums weitergehen. „Dabei werden wir auch die Erfahrungen aus der Zeit der Pandemie miteinbeziehen“, sagte er.

Die Vertreter der Universitätsmedizin äußerten zudem in Berlin ihre Hoffnung, dass ihre Leistungen während der Krise auch anderweitig Berücksichtigung finden. Enttäuscht zeigte sich Frosch darüber, dass die Universitätsmedizin im Coronakonjunkturpaket der Bundesregierung nicht bedacht wurde. „Es scheint wieder einmal eine Chance vertan zu sein, den hohen, aufgestauten Investitionsbedarf zu adressieren“, beklagte er. So erfolgreich die Arbeit in den zurückliegenden Wochen gewesen sei: Die Universitätsmedizin habe auch ihre Grenzen deutlich zu spüren bekommen.

„Wir haben eine riesige Bewährungsprobe in unseren Kernaufgaben dreifach glänzend bestanden.“ Matthias Frosch, MFT-Präsident.
„Wir haben eine riesige Bewährungsprobe in unseren Kernaufgaben dreifach glänzend bestanden.“ Matthias Frosch, MFT-Präsident.

„Nun müssen wir aufpassen, dass wir bei aller Improvisationskraft, die wir gezeigt haben, die Innovationskraft der Universitäten nicht aus den Augen verlieren“, warnte der MFT-Präsident. Spätestens jetzt, wo die Universitätsmedizin in der Coronapandemie Überdurchschnittliches geleistet habe, dürfe ihr der Zugang zum Strukturfonds nicht verwehrt werden“, forderte Frosch.

Neben der Krankenversorgung war während die Pandemie auch der Forschungsbereich starken Veränderungen ausgesetzt: „Die ständigen Anpassungen an neue Situationen waren große Herausforderungen“, erklärte Prof. Dr. med. Britta Siegmund, Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und Direktorin der Medizinischen Klinik für Gastroenterologie, Infektiologie und Rheumatologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Es habe bundesweit ein großer Teamgeist geherrscht, explizit auch an der Schnittstelle zwischen Krankenversorgung und Forschung, sagte sie. Nun komme es darauf an, wieder zum Normalbetrieb zurückzukehren, auch im Forschungsbetrieb.

Verändert habe sich auch die wissenschaftliche Publikationspraxis: „In nur fünf Monaten sind in Pubmed zum Thema COVID-19/ SARS-CoV-2 20 000 Publikationen aufgeführt worden. Nie war es leichter, in den besten Journalen zu publizieren“, sagte Frosch. Dies habe aber auch eine andere Seite: Bei dieser Dynamik und dem hohen öffentlichen Erwartungsdruck könnten wissenschaftliche Qualitätsstandards auf der Strecke bleiben, warnte er.

Diese Entwicklung ist für den MFT-Präsidenten nicht überraschend, er hält sie aber für gefährlich. Eine Gefahr gehe auch von vorab veröffentlichten, aber noch nicht abschließend analysierten Studienergebnisse aus. „Die Erwartungen der Öffentlichkeit, schnellstens Lösungen für die Beherrschung der Pandemie mit Medikamenten, Impfstoffen, epidemiologischen Bewertungen zu präsentieren, stehen im Widerspruch zu der erforderlichen Sorgfalt bei der Datenerhebung und der Einhaltung wissenschaftlicher Qualitätsstandards“, sagte Frosch mit einem Seitenhieb auf einige Darstellungen in der Presse. Die medizinischen Fakultäten seien im Interesse ihrer Glaubwürdigkeit und des Vertrauens der Gesellschaft in die medizinische Forschung verpflichtet, geltende Qualitätsstandards sicherzustellen. Zudem müssten sie aber auch ihre Wissenschaftler vor der „Geltungssucht von Pseudoexperten“ schützen.

Aber die Pandemie brachte auch positive Entwicklungen hervor, beispielsweise die Implementierung des Nationalen Forschungsnetzwerks der Universitätsmedizin zu COVID-19, die alle universitätsmedizinischen Standorte zusammenführt und vom Bun­des­for­schungs­minis­terium (BMBF) mit 150 Millionen Euro gefördert wird. Frosch begrüßte zudem, dass Bun­des­for­schungs­minis­terin Anja Karliczek (CDU) mit der Vorlage ihres Aktivierungsprogramms angekündigt habe, alle Prozesse in der Hochschulmedizin zu digitalisieren.

Investitionen in IT-Infrastruktur

„Dies ist auch dringend notwendig“, sagte der MFT-Präsident. „Universitätsklinika gelten als kritische Infrastruktur mit besonderen Anforderungen an die Datensicherheit – ohne jedoch dafür eine ad-äquate finanzielle Ausstattung zu haben.“ Mit der Medizininformatikinitiative des BMBF fördere der Bund derzeit zwar die Vernetzung von Forschung und Versorgung in der Universitätsmedizin. „Die Initiative deckt allerdings nicht den dringenden Bedarf im Bereich der IT-Infrastruktur ab.“

Diese Infrastrukturen sind auch für die dritte Säule der Hochschulmedizin notwendig: die Lehre. „Wir haben in der Krise sehr kurzfristig improvisieren müssen und mit großer Energie alternative digitale Formate in der Lehre entwickelt und zum Einsatz gebracht“, erklärte Frosch. Es fehle jedoch an Hardware, Personal und an Ressourcen, um das Lehrpersonal im Bereich der digitalen Lehre zu qualifizieren.

Die Medizinstudierenden der Medizinischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Tobias Henke und Meret Quante, zeigten sich beim oMFT grundsätzlich zufrieden mit der Fortsetzung des Lehrbetriebs während der Pandemie. „Die digitale Lehre hat überraschend gut funktioniert“, sagten sie. Nicht zufrieden seien sie hingegen mit den bundesweit uneinheitlichen Regelungen zum zweiten Staatsexamen (M2).

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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