ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2020Berühmte Entdecker von Krankheiten: Vom Leben und plötzlichen Sterben des Wladimir M. Bechterew

SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: Vom Leben und plötzlichen Sterben des Wladimir M. Bechterew

Schuchart, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Der Nervenarzt gehörte um die Wende zum 20. Jahrhundert zu den Begründern der Psychoneurologie in Russland. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere starb er in Moskau – unter mysteriösen Umständen, nachdem er bei Stalin eine schwere Paranoia diagnostiziert hatte.

Er muss eine eindrucksvolle Persönlichkeit gewesen sein: Auf dem massiven Körper thronte ein großer Kopf, buschige Augenbrauen und ein dichter Vollbart umrahmten sein Gesicht, in dem dunkle Augen funkelten. Bechterews klarer, wissbegieriger Verstand und seine unermüdliche Energie waren legendär. Er benötigte nur wenig Schlaf, schon morgens, noch im Bett, arbeitete er an Manuskripten. Im Laufe seines Lebens wird er es auf mehr als 800 wissenschaftliche Abhandlungen und zehn Bücher bringen, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Wie sein Kollege in St. Petersburg, Iwan Pawlow vertrat Bechterew ein naturwissenschaftliches Verständnis psychischer Prozesse. Als einer der Ersten unternahm er in Russland psychophysiologische Versuche, erforschte Gehirn, Nervensystem sowie angeborene und erlernte Reflexe. In seinen Arbeiten integrierte er innovativ Erkenntnisse aus Psychologie, Psychiatrie, Neurologie und Pädagogik.

Bechterew wurde am 1. Februar 1857 im Ural-Dorf Sorali als jüngster von drei Brüdern geboren. Er ist acht Jahre alt, als sein Vater, ein Polizeioffizier, stirbt. Mit 16 Jahren beginnt er ein Studium an der Militär-Medizinischen Akademie zu St. Petersburg, das er fünf Jahre später abschließt. Danach arbeitet er als Assistent in der psychiatrischen Klinik der Akademie und legt 1881 seine Dissertation über Körpertemperaturen bei Geisteskrankheiten vor. Mit 22 heiratet er eine Jugendfreundin, mit der er sechs Kinder haben wird. 1884 gelingt ihm ein Coup: Er gewinnt einen wissenschaftlichen Wettbewerb für ein 18-monatiges Auslandsstipendium, das ihn mit den führenden Köpfen der Psychologie und Neurologie in Berlin, Leipzig, Paris und Wien zusammenbringt. Zum Professor berufen, gründet er in Kazan das erste experimental-psychologische Labor im russischen Zarenreich. 1893 wechselt er als Professor für Neurologie und Psychiatrie an seine ehemalige Ausbildungsstätte in St. Petersburg. Wegen seiner kritischen Äußerungen zum Staatswesen wird er 1913 entlassen, nach der Oktoberrevolution kommt seine Karriere wieder in Schwung. 1918 gründet er das später nach ihm benannte Institut für Hirnforschung in St. Petersburg. Er behandelt sogar den schwerkranken Lenin.

Anzeige

Bechterews Ende kommt urplötzlich, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, kurz vor seinem 71. Geburtstag. Als Vorsitzender des 1. Allrussischen Kongresses der Neuropathologen und Psychiater weilt er in Moskau und wird von Stalins Leibarzt um kollegiale Hilfe gebeten. Bechterew verbringt drei Stunden mit dem Generalsekretär der KPdSU, beim Herausgehen teilt er dem Leibarzt in für ihn typischer Direktheit seine niederschmetternde Diagnose mit: schwere Paranoia. Ein Urteil, das Bechterew zum Verhängnis wird. Abends beim Theaterbesuch in Moskau wird ihm ein Imbiss offeriert, er bekommt Magenschmerzen und muss sich übergeben. Einen Tag später ist er tot, zuletzt „betreut“ von zwei Ärzten, die, wie sich später herausstellt, dem russischen Geheimdienst angehören. Sein Leichnam wird ohne Autopsie gegen den Wunsch der Familie eingeäschert. Zu vermuten ist, dass Bechterew im Auftrag Stalins vergiftet wurde, der fürchtete, dass die Paranoia-Diagnose seinen innerparteilichen Gegnern Munition liefern würde. Dafür spricht, dass Bechterew nach seinem Tod in der Sowjetunion für fast ein halbes Jahrhundert zur Unperson wird und auch Familienangehörige grundlos verfolgt werden. Erst mit dem Tauwetter unter Chruschtschow wird der große Neurologe rehabilitiert. Sabine Schuchart

Foto: Wikipedia
Foto: Wikipedia

1892 beschrieb der Neurologe Wladimir Michailowitsch Bechterew (1857–1927) im Rahmen seiner Forschungen zum ZNS erstmals in einer russischen Fachzeitschrift, ein Jahr später auch in deutscher Sprache eine chronisch entzündlich-rheumatische Wirbelsäulenerkrankung. Bis heute wird die Spondylitis ankylosans als Morbus Bechterew bezeichnet, sie heißt aber auch Bechterew-Strümpell-Marie-Krankheit – wegen der zeitgleichen Arbeiten des deutschen Internisten Adolf von Strümpell und des französischen Neurologen Pierre Marie. Die Bechterew-Spondylitis zählt zu den Autoimmunerkrankungen. Sie ist, wie man heute weiß, eng assoziiert mit dem Vorliegen des Antigens HLA B27 und manifestiert sich meist vor dem 45. Lebensjahr mit chronischen Rückenschmerzen. In Mitteleuropa sind zirka 0,5 Prozent der Bevölkerung betroffen. Bechterew entdeckte außerdem einen Hirnnervenkern, der das Eponym Bechterew-Kern erhielt.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote