ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2020Anonyme Alkoholiker: Trocken bleiben in der Pandemie

MEDIZINREPORT

Anonyme Alkoholiker: Trocken bleiben in der Pandemie

Lenzen-Schulte, Martina

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Mit dem Lockdown brachen etliche therapeutische Settings ein. Die in Sachen Abstinenz laut Cochrane sehr erfolgreichen Anonymen Alkoholiker bieten schon lange Online-Alternativen an.

Foto: Pixel-Shot/stock.adobe.com
Foto: Pixel-Shot/stock.adobe.com

Die Anonymen Alkoholiker setzen von jeher auf regelmäßige Treffen: „Die geschlossenen Meetings sind eine zentrale Komponente unserer Arbeit und ganz maßgeblich für deren Erfolg“, betont Jürgen Hoß, der 1. Vorsitzende dieser Vereinigung. Hier sprechen die Betroffenen im Schutz der Anonymität und im Kreis von Personen, die die gleichen Erfahrungen teilen, über ihre Erkrankung. Die Bedeutung der Meetings lässt sich auch quantitativ daran ablesen, dass in Regionen wie Nordrhein-Westfalen oder Bayern regelmäßig 300 und mehr Gruppentreffen stattfinden – in einer Stadt wie Köln sind allein 49, in München und Umland 67 Gruppen aktiv. Bundesweit sind es etwa 1 800.

Effektives Abstinenzprogramm

Wie erfolgreich die einzig durch Spenden selbst finanzierten Anonymen Alkoholiker (AA) sind, bescheinigte ihnen unlängst eine Analyse der renommierten Cochrane-Collaboration (1). In den Review gingen 27 Studien, darunter immerhin 21 randomisiert-kontrollierte, mit 10 565 Teilnehmern ein.

Es ist die erste umfassende Untersuchung dieser Art. Denn obwohl die AA bereits vor mehr als 80 Jahren ins Leben gerufen worden seien, habe es bisher kaum rigorose Analysen zur Effektivität eines solchen Vorgehens gegeben, schreiben die Cochrane-Autoren. Die Auswertung ergab, dass die AA-geführten Treffen oder Settings, die auf dem 12-Punkte Programm basieren (Twelve Step Facilitation, TSF), deutlich effektiver waren als Therapien wie zum Beispiel Motivationale Verbesserung (motivational enhancement-therapy, MET) oder Kognitive Verhaltenstherapie (cognitive behavioral therapy, CBT). Es zeigte sich, dass das AA-basierte Vorgehen mehr Menschen dauerhaft abstinent hält als die genannten Alternativen. Gleiches gilt für die Reduktion der Menge des Alkoholkonsums. Die Evidenz für solche Aussagen ist hoch. Es steht zu erwarten, dass dadurch auch substanziell Kosten für das Gesundheitssystem gespart werden könnten.

Die traditionellen geschlossenen Meetings finden mindestens einmal, manchmal öfter in der Woche statt – seit dem Lockdown im März jedoch nicht mehr. Es gab zunächst Befürchtungen, dass dies für manche Betroffenen eine hohe Rückfallgefährdung bedeuten könnte. „Allerdings hatten wir schon länger und unabhängig von der COVID-19-Pandemie eine Reihe von Alternativen etabliert, die eigentlich nur weiter ausgedehnt werden mussten“, so Hoß, der sich seit 6 Jahren als nicht selbst Betroffener bei den AA engagiert.

Auf der AA-Homepage gibt es daher nicht nur eine Suchfunktion, um vor Ort eine Gruppe zu finden, sondern auch Erläuterungen für die verschiedenen Varianten der Online-Meetings (http://daebl.de/FG14). Dazu zählt der einfache Austausch über einen E-Mail-Verteiler mit allen eingetragenen Teilnehmern einer Gruppe. Lange etabliert sind bereits die Chatmeetings zu festgelegten Zeiten, um sich in Echtzeit in einem Chatroom auszutauschen. Zudem werden Hör- und Sprechmeetings über den Messenger Skype angeboten. Neben den ständigen Online-Meetings haben sich in der Coronakrise auch immer mehr temporäre etabliert.

„Wichtig ist hierbei sehr vielen der Datenschutz, damit die Anonymität nach wie vor gewahrt bleibt“, erläutert Hoß. Ähnlich wie bei Telefonkonferenz-Schaltungen gibt es zugewiesene PINs, um überhaupt teilnehmen zu können. Wo in welchen Gruppen inzwischen auch Videositzungen, etwa über Zoom oder andere Anbieter stattfinden, lässt sich nicht quantifizieren. „Die Gruppen sind autark, wir können da keine Statistik erheben.“ Die vereinzelten, nicht repräsentativen Rückmeldungen vermittelten jedoch den Eindruck, dass man dank der etablierten Alternativen nach dem Lockdown sofort habe umschalten können, so das Fazit des Vorstandes. So sind inzwischen mehr als 250 neue Meetings im Internet entstanden. Allerdings – darauf wird ebenfalls auf der Homepage hingewiesen – sind die Online-Meetings nicht immer ein Ersatz für die persönliche Begegnung.

Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

1.
Kelly JF, Humphreys K, Ferri M: Alcoholics Anonymous and Other 12-step Programs for Alcohol Use Disorder. Cochrane Database Syst Rev. 2020 Mar 11;3 (3): CD012880 CrossRef
1.Kelly JF, Humphreys K, Ferri M: Alcoholics Anonymous and Other 12-step Programs for Alcohol Use Disorder. Cochrane Database Syst Rev. 2020 Mar 11;3 (3): CD012880 CrossRef

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote