ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2020Unerwünschte Arzneimittelwirkungen von Antipsychotika – auch in der Palliativtherapie
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die vorgestellte Aktualisierung der S3-Leitlinie zur Palliativversorgung von Patienten mit nichtheilbarer Krebserkrankung empfiehlt für die Pharmakotherapie von Übelkeit und Erbrechen (nicht tumortherapieinduziert) in erster Linie unter anderem antidopaminerge Substanzen (1). Als Beispiel wird Haloperidol genannt. In zweiter Linie werden unter anderem „Antipsychotika mit breitem Wirkspektrum“ aufgeführt, ein innerhalb der Psychopharmakotherapie nicht geläufiger Begriff, der keine Schlüsse auf andere als das beispielhaft genannte Levomepromazin erlaubt. Unabhängig von dieser terminologischen Frage kommt in der Arbeit die Diskussion einiger wesentlicher Aspekte zu kurz.

Zunächst wird die Evidenz für eine Wirksamkeit von Haloperidol in der Behandlung von Übelkeit und Erbrechen in der Palliativversorgung anscheinend nicht durchgängig für ausreichend gehalten, wie einem Cochrane-Review zu entnehmen ist (2). Zudem handelt es sich bei der Anwendung von Haloperidol (und allen weiteren Antipsychotika) in dieser Indikation um eine zulassungsüberschreitende Anwendung (Off-Label-Use), mit allen Konsequenzen für Aufklärung, Dokumentation und Haftung. Vor allem sind aber bei der Anwendung von Haloperidol (oder anderen Antipsychotika) zahlreiche unerwünschte Arzneimittelwirkungen zu beachten, die zum Teil auch für die Palliativversorgung relevant sein dürften: Neben einem erhöhten Risiko für kardiale Repolarisationsstörungen können Störungen im extrapyramydalmotorischen System (EPMS), akute Dystonien, choreatiforme und Parkinsonsyndrome sowie Akathisie/Tasikinesie auftreten (3), die die verbliebene Lebensqualität erheblich beinträchtigen können. Störungen des EPMS sind bei allen Antipsychotika möglich, aber unter Antipsychotika der ersten Generation (wie Haloperidol und Levomepromazin) sowie anderen Antipsychotika mit hoher Affinität zum Dopamin-D2-Rezeptor (3) besonders häufig. Neben den Störungen des EPMS sollten Sedierung, Beeinträchtigungen psychischer Funktionen wie Kognition, Affektivität und Antrieb (3) sowie die bei Behandlung mit Antipsychotika erhöhte Mortalität, insbesondere unter Behandlung mit Haloperidol (4), beachtet werden.

DOI: 10.3238/arztebl.2020.0462a

Prof. Dr. Maximilian Gahr, MA

Prof. Dr. Bernhard J. Connemann

Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie III, Universitätsklinikum Ulm

maximilian.gahr@uni-ulm.de

1.
Simon ST, Pralong A, Radbruch L, Bausewein C, Voltz R: Clinical practice guideline: The palliative care of patients with incurable cancers. Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 108–15 VOLLTEXT
2.
Murray-Brown F, Dorman S: Haloperidol for the treatment of nausea and vomiting in palliative care patients. Cochrane Database Syst Rev 2015; 11: CD006271 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.
Huhn M, Nikolakopoulou A, Schneider-Thoma J, et al.: Comparative efficacy and tolerability of 32 oral antipsychotics for the acute treatment of adults with multi-episode schizophrenia: a systematic review and meta-analysis. Lancet 2019; 394: 939–51 19)31135-3">CrossRef
4.
Lao K, Wong A, Wong I, et al.: Mortality risk associated with haloperidol use compared with other antipsychotics: An 11-year population-based propensity-score-
matched cohort study. CNS Drugs 2020; 34: 197–206 CrossRef MEDLINE
1.Simon ST, Pralong A, Radbruch L, Bausewein C, Voltz R: Clinical practice guideline: The palliative care of patients with incurable cancers. Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 108–15 VOLLTEXT
2.Murray-Brown F, Dorman S: Haloperidol for the treatment of nausea and vomiting in palliative care patients. Cochrane Database Syst Rev 2015; 11: CD006271 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.Huhn M, Nikolakopoulou A, Schneider-Thoma J, et al.: Comparative efficacy and tolerability of 32 oral antipsychotics for the acute treatment of adults with multi-episode schizophrenia: a systematic review and meta-analysis. Lancet 2019; 394: 939–51 CrossRef
4.Lao K, Wong A, Wong I, et al.: Mortality risk associated with haloperidol use compared with other antipsychotics: An 11-year population-based propensity-score-
matched cohort study. CNS Drugs 2020; 34: 197–206 CrossRef MEDLINE

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Anzeige

Stellenangebote