ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2020Gewalt gegen Rettungsdienstmitarbeiter – eine einsatzbegleitende Analyse in ländlichen und städtischen Rettungsdienstbezirken
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Trotz zunehmender medialer Berichterstattung über Gewalt gegen Rettungsdienstmitarbeiter (1) ist das Verhältnis der Rettungseinsätze mit Gewalterfahrung zur Gesamtzahl der Einsätze unbekannt. In dieser Studie sollten daher die absolute und relative Häufigkeit von Rettungsdiensteinsätzen mit oder ohne Gewalterfahrung, Täter, Tatumstände, Merkmale der Rettungsdienstmitarbeiter und die räumliche Struktur des Rettungsdienstbezirks einsatzbegleitend ermittelt werden.

Material und Methoden

Die Besatzungen von Rettungswagen und Notarzteinsatzfahrzeugen von acht ländlichen und zwei städtischen Rettungsdiensten nahmen im Jahr 2019 über insgesamt vier Wochen teil. Zur Datenerfassung diente ein standardisierter analoger Datenerhebungsbogen, der von den Rettungsdienstmitarbeitern einsatzbegleitend anonym ausgefüllt wurde. Die Daten wurden deskriptiv als absolute und relative Häufigkeiten statistisch erfasst. Vergleiche der ausschließlich kategorialen Daten wurden mit Chi-Quadrat-Tests durchgeführt; die p-Werte sind dabei als deskriptive Kenngrößen zu verstehen. Die Studie wurde von der Ethikkommission der Ärztekammer Nordrhein genehmigt (Nr. 158/2018).

Ergebnisse

Von 4 922 Rettungsdienstschichten wurden 2 092 (42,5 %) mit Dokumentationsbögen dokumentiert; bei diesen Rettungsdienstschichten wurden 7 793 Einsätze durchgeführt. Bei 93 Einsätzen (1,2 %; 95-%-Konfidenzintervall: [1,0; 1,5]) kam es durch 95 Personen zu 173 Gewaltanwendungen (Tabelle 1).

Umstände der Gewaltanwendung (GA)
Tabelle 1
Umstände der Gewaltanwendung (GA)

Gewalterfahrungen waren samstags häufiger (p < 0,01). Der Vergleich ländlicher und städtischer Rettungsdienstbezirke oder hinsichtlich des Geschlechts der Rettungsmittelbesatzungen ergab nur minimale Unterschiede. Bei Notarztbeteiligung waren Gewalterfahrungen seltener (p = 0,044) (Tabelle 2).

Vergleich der Einsätze mit und ohne Gewalt
Tabelle 2
Vergleich der Einsätze mit und ohne Gewalt

Dreimal dokumentierten Rettungsdienstmitarbeiter körperliche oder psychische Folgen von Gewaltanwendung (Unterschenkelhämatom, Bauchschmerzen, Angst), was einem Anteil von 0,038 % aller Einsätze entspricht. Eine Krankmeldung erfolgte nicht. In 82 Fällen von Gewalterfahrung (88,2 %) wurden keine Maßnahmen ergriffen, sechsmal (6,5 %) erfolgte eine Meldung an den Vorgesetzten, je einmal (1,1 %) eine offizielle Einsatznachbesprechung und die Eingabe in ein Dokumentationssystem, viermal (4,3 %) eine Strafanzeige.

Diskussion

Bei 1,2 % der Einsätze in zehn deutschen Rettungsdienstbezirken kam es zu Gewalt gegen Rettungsdienstmitarbeiter. Verbale Gewalt überwog mit 40 % der Fälle, jeweils 25 % waren nonverbale und körperliche Gewalt, weitere circa 10 % Einsatzbehinderungen. Bei der körperlichen Gewalt handelte es sich häufig um leichtere Attacken, in gut einem Drittel der Fälle allerdings auch um Schläge oder Tritte. Übereinstimmend mit früheren Untersuchungen (2, 3, 4, 5) ging die Gewalt in fast 80 % der Fälle vom Patienten aus. Dies geschieht häufig als Abwehrreaktion auf diagnostische oder therapeutische Maßnahmen (2, 3, 4). Alkohol- oder Drogenkonsum waren mit 49,1 % häufige Begleitumstände; in 11,3 % lagen psychiatrische Erkrankungen vor, was sich mit früheren Ergebnissen deckt (2, 3, 5). Angehörige waren für circa 6 % der Gewaltanwendungen verantwortlich. Ähnlich wie in anderen Studien (2, 3, 5) kam es samstags häufiger zu Gewalt. Großveranstaltungen, Massenschlägereien oder Verkehrsunfälle spielten dagegen keine Rolle.

Wir beobachteten lediglich einen leichten Trend zu mehr Gewalterfahrungen in städtischen gegenüber ländlichen Rettungsdienstbezirken. In anderen Untersuchungen kam es in Metropolstädten mit mehr als 500 000 Einwohnern zu deutlich mehr Gewalt gegen Rettungsdienstmitarbeiter (5, 6). Die beiden in unsere Untersuchung eingeschlossenen Großstädte haben lediglich knapp 320 000 beziehungsweise 115 000 Einwohner, was die unterschiedlichen Ergebnisse erklären könnte.

Hinsichtlich des Einsatzes von Frauen oder Männern im Rettungsdienst beobachteten wir eine vergleichbare Häufigkeit von Gewalterfahrungen. Dagegen kam es bei notärztlich besetzten Rettungsteams seltener zu Gewalt. Dies könnte durch die größere Schwere der Erkrankung, eine möglicherweise größere Autorität des Notarztes, dessen medizinische Aus- und Weiterbildung und die damit verbundene Möglichkeit, spezielle medikamentöse Maßnahmen bei Erregungszuständen einzusetzen, begründet sein.

Die Rettungsdienstmitarbeiter sind meist zunächst allein mit der Gewaltsituation konfrontiert (2, 3, 5). Auch in unserer Untersuchung war die Polizei lediglich in etwa einem Viertel der Fälle bereits vor Ort, in etwa einem weiteren Viertel wurde die Polizei zur Unterstützung nachalarmiert. Unsere und frühere Ergebnisse (2, 3, 5) könnten dazu beitragen, mögliche Gefahrenpotenziale anhand der Notfallmeldung frühzeitig zu erkennen und zu kommunizieren. So sollte bei bestimmten Konstellationen und Stichworten im Notruf (zum Beispiel: Samstagabend, alkoholisierter Mann zwischen 20 und 40 Jahren) erwogen werden, die Polizei oder das Ordnungsamt zur Unterstützung des Rettungsdienstes zu alarmieren.

Gewalterfahrungen werden selten offiziell dokumentiert oder zur Anzeige gebracht und führen auch selten zu Nachbesprechungen oder gar ärztlicher oder psychologischer Nachbetreuung (2, 3, 5). Auch in unserer Untersuchung wurden die meisten Fälle von den Betroffenen nicht weiter verfolgt; nur selten wurden ein Fall an Vorgesetzte gemeldet oder gar Strafanzeige erstattet. Nur einmal wurde eine offizielle Nachbesprechung angefordert und ein Ereignis in ein Dokumentationssystem eingegeben.

Resümee

Im Gegensatz zu Medienberichten über quantitativ und qualitativ eskalierende Gewalt gegen Rettungsdienstmitarbeiter in Deutschland (1) war Gewalt gegen Rettungsdienstmitarbeiter in dieser Untersuchung in städtischen und ländlichen Rettungsdienstbezirken selten und beschränkte sich häufig auf verbale und nonverbale Attacken und Einsatzbehinderungen. Schwere körperliche Gewalt gegen Rettungsdienstpersonal beobachteten wir nicht. Nur scheinbar diskrepant sind unsere Ergebnisse im Vergleich zu früheren Untersuchungen, in denen Rettungsdienstmitarbeiter retrospektiv zu Gewalterfahrungen über lange Zeiträume oder gar deren gesamte Dienstzeit befragt wurden und entsprechend häufig über Gewalterfahrungen berichteten (2, 3, 4, 5). Durch diese Untersuchungsmethode ist eine Fehleinschätzung der Prävalenz der Gewalterfahrung (Recall-Bias) nicht auszuschließen. Demgegenüber geben unsere Zahlen durch die zeitnahe einsatzbegleitende Dokumentation die tatsächliche absolute und relative Häufigkeit von Einsätzen mit Gewalt wieder.

Die systematische Dokumentation und Nachbearbeitung von Gewalterfahrungen sollte verbessert werden, um künftige Entwicklungen von Gewalt gegen Rettungsdienstmitarbeiter erkennen und geeignete Maßnahmen ergreifen zu können.

Felix Leuchter, Thomas Hergarten, Ulrich Heister, Detlef Struck, Stefan Schaefer, Christian Voigt, Stefan Schröder, Rudolf Hering

Klinik für Anästhesiologie, Operative Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie, Kreiskrankenhaus Mechernich GmbH (Leuchter, Hergarten, Hering),
Rudolf.Hering@kkhm.de

Feuerwehr und Rettungsdienst der Bundesstadt Bonn (Heister)

Rettungsdienst Kreis Düren AöR, Kreuzau-Stockheim (Struck)

Integrierte Leitstelle der Kreisverwaltungen Mayen-Koblenz/Westerwaldkreis, Koblenz (Schaefer, Voigt)

Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie, Städtisches Krankenhaus Düren gGmbH (Schröder)

Danksagung

Wir danken allen Mitarbeitern der Rettungsdienste der Landkreise Altenkirchen, Cochem-Zell, Düren, Euskirchen, Mayen-Koblenz, Neuwied, Rhein-Lahn und Westerwald sowie der Städte Bonn und Koblenz für die Teilnahme an der Studie.

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 3. 2. 2020, revidierte Fassung angenommen: 27. 4. 2020

Zitierweise
Leuchter F, Hergarten T, Heister U, Struck D, Schaefer S, Voigt C, Schröder S,
Hering R: Violence against emergency service workers—an analysis conducted during deployment in rural and urban emergency service districts.
Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 460–1. DOI: 10.3238/arztebl.2020.0460

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
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