ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2020COVID-19-Infektionsschutz: Ohne Nutzen
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Die Bedeutung potenziell kontaminierter Oberflächen im öffentlichen Raum für die Übertragung von SARS-CoV-2 wird kontrovers diskutiert. Typischerweise wird eine Fläche lediglich auf die RNA von SARS-CoV-2 hin untersucht. Eine positive Probe wird als Beweis für eine Oberflächenkontamination angesehen, sodass diese Fläche als potenzielle Quelle für die Übertragung angesehen wird. Im Gesundheitswesen kann die RNA von SARS-CoV-2 im unmittelbaren Umfeld symptomatischer COVID-19-Patienten gefunden werden, jedoch nur selten auf Flächen außerhalb des Patientenumfelds.

Aber wird durch den Nachweis von RNA auf einer Oberfläche auch infektiöses Virus nachgewiesen? Daten aus dem SARS-Ausbruch im Jahr 2003 liefern relevante Erkenntnisse. In Kanada wurden in einem SARS-Krankenhaus insgesamt 85 Proben von Oberflächen entnommen. In 5,6 % wurde die RNA von SARS-CoV gefunden, aber keine der Proben zeigte infektiöses Virus. In Thailand und Taiwan wurde RNA von SARS-CoV auf 27,7 % von 94 Oberflächenproben in einem SARS-Krankenhaus oder auf einer SARS-Station nachgewiesen. In keiner der Proben wurde infektiöses SARS-CoV gefunden. Ähnliche Daten wurden aus 90 Haushalten mit nachgewiesenen H1N1-Influenzavirus-Infektionen bei Kindern berichtet. In 17,8 % der Fälle wurde virale RNA auf Oberflächen nachgewiesen, aber das Virus konnte niemals kultiviert werden.

Neue Erkenntnisse aus Gangelt mit SARS-CoV-2 zeigen das gleiche Bild. Trotz RNA-Nachweis auf 3,4 % der 119 untersuchten Flächen in 21 Haushalten von COVID-19-Fällen wurde in keiner Probe infektiöses Virus nachgewiesen. Infektiöses SARS-CoV-2 wurde meines Wissens jedoch noch nie auf Krankenhausoberflächen beschrieben. Darüber hinaus gibt es keinerlei Hinweise auf SARS-CoV-2-RNA oder infektiöses SARS-CoV-2 auf Oberflächen in Schulen, Restaurants, Sportstätten und Unternehmen. Die zunehmende Verwendung aller möglichen Flächendesinfektionsmitteln in diesen Einrichtungen für das unwahrscheinliche Ereignis eines asymptomatischen COVID-19-Falls in der Nähe dieser Fläche wird wahrscheinlich keine einzige SARS-CoV-2-Übertragung verhindern. Eine regelmäßige Flächendesinfektion verringert jedoch die Diversität des Mikrobioms und erhöht die Diversität der Resistenzgene. Die endgültige Rechnung für eine ungezielte regelmäßige Desinfektion der Flächen an vielen öffentlichen Orten ohne zu erwartenden Gesundheitsnutzen wird wahrscheinlich erst in der Zukunft gezahlt werden.

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Prof. Dr. med. Günter Kampf, 17475 Greifswald

Literatur beim Verfasser

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