ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2020Deprescribing: Verringerung der Zahl der Hochdrucktabletten im höheren Alter

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Deprescribing: Verringerung der Zahl der Hochdrucktabletten im höheren Alter

Meyer, Rüdiger

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Foto: brizmaker/stock.adobe.com
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Britische Mediziner haben in einer randomisierten Studie versucht, die Zahl der Antihypertonika bei über 80-jährigen Patienten zu senken, ohne die Blutdruckziele zu gefährden. Nach den in JAMA vorgestellten Ergebnissen war diese Deprescribing-Strategie kurzfristig erfolgreich, allerdings ohne eine Verbesserung der Verträglichkeit.

569 Hypertonie-Patienten über 80 Jahre wurden entweder wie zuvor weiterbehandelt oder die Hausärzte versuchten, eines der eingenommenen Antihypertonika abzusetzen – ohne das systolische Blutdruckziel ≤ 150 mm Hg zu überschreiten. Dies war nach 12 Wochen bei immerhin 187 von 282 Patienten (66,3 %) gelungen. Bei 229 Patienten (86,4 %) lag der systolische Blutdruck am Ende bei unter 150 mm Hg – verglichen mit 236 Patienten (87,7 %) in der Kontrollgruppe. Die Differenz lag mit einem relativen Risiko von 0,98 (einseitiges 97,5-%-KI 0,92 bis ∞) innerhalb der zuvor festgelegten Non-Inferioritätsmarge von 0,90.

Demnach hatte die Studie ihr Ziel erreicht: Bei 2/3 der Patienten konnte ein Wirkstoff eingespart werden, ohne dass die Blutdruckziele gefährdet wurden. Es zeigte sich jedoch, dass der systolische Blutdruck im Durchschnitt um 3,4 mm Hg (95-%-KI 1,1–5,8 ) angestiegen war. Auch beim diastolischen Wert wurde ein signifikanter Anstieg um 2,2 mm Hg (95-%-KI 0,9–3,6) verzeichnet. Ob dies den betagten Menschen langfristig noch schaden wird, lässt sich nach 12 Wochen noch nicht abschätzen.

Eine Verbesserung der Verträglichkeit wurde nicht erreicht. Die Häufigkeit von Nebenwirkungen nahm sogar eher zu. Insgesamt 49,3 % der Patienten erlitten wenigstens eine Nebenwirkung gegenüber 39,4 % der Patienten in der Kontrollgruppe (aRR 1,28 [95-%-KI 1,06–1,54]).

Fazit: Der Editorialist Eric Peterson vom Duke University Medical Center in Durham ist angesichts dieser Zahlen nicht von den Vorteilen des Deprescribing überzeugt. Er verweist darauf, dass klinische Studien den Nutzen einer aggressiven Blutdrucksenkung im Alter belegt hätten. Seit der SPRINT-Studie empfehlen die Fachverbände der US-Kardiologen unabhängig vom Alter einen Zielwert < 130/80 mm Hg. Er ist im hohen Alter nur mit mehreren Wirkstoffen zu erreichen, was einer Deprescribing-Strategie noch engere Grenzen setzen würde als in England. Rüdiger Meyer

Sheppard JP, Burt J, Lown M, et al. Effect of Antihypertensive Medication Reduction vs Usual Care on Short-term Blood Pressure Control in Patients With Hypertension Aged 80 Years and Older. The OPTIMISE Randomized Clinical Trial. JAMA 2020; 323 (20): 2039–51.

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