ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2020Prävention von Infektionskrankheiten: Jeder kann jetzt alles impfen

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Prävention von Infektionskrankheiten: Jeder kann jetzt alles impfen

Fischer von Weikersthal, Gabi

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Mit dem Inkrafttreten des Masernschutzgesetzes im März 2020 dürfen nun alle Ärztinnen und Ärzte jede Impfung durchführen – außer Zahnärztinnen und Zahnärzte. Somit kann jeder Arztbesuch zur Vervollständigung des Impfschutzes genutzt werden, was gerade in Pandemiezeiten wichtig ist.

Viele impfpräventable Erkrankungen sind deutlich infektiöser als das Coronavirus. Man sollte darauf achten, dass die Herdenimmunität hier nicht zurückgeht“, leitete Dr. rer. nat. Jörg Ebels von der Impfakademie von GSK in München seinen Vortrag auf einem Online-Symposium des Unternehmens ein.

Um die Zahl der Impftermine gering zu halten, ist es laut STIKO derzeit möglich, mehr als zwei Impfungen an einem Termin zu verabreichen. Laut STIKO sollten Grundimmunisierungen im Säuglingsalter mit dem 6-fach-Impfstoff und dem Pneumokokken-Impfstoff sowie die erste MMR(V)-Impfung weiterhin mit hoher Priorität durchgeführt werden. Wenn zum gleichen Zeitpunkt weitere allgemein empfohlene Impfungen anstehen, sind diese ebenfalls zu verabreichen.

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Bei Personen ab 60 Jahren muss in Pandemie-Zeiten besonders an die altersbedingten Impfempfehlungen zum Schutz vor Pneumokokken, die jährliche Influenza-Impfung und die Herpes-Zoster-Impfung gedacht werden.

Pertussis-Impfung bereits in der Schwangerschaft

„Wichtig ist zudem zu wissen, dass es seit April 2020 eine Neuerung bei der Pertussis-Impfung gibt: Die STIKO empfiehlt nun, die Pertussis-Impfung mit einem Tdap-Kombinationsimpfstoff bereits in der Schwangerschaft durchzuführen“, erklärte Ebels (1). Die STIKO begründet diesen Schritt mit der immer noch beträchtlichen Anzahl an Pertussis-Erkrankungen jedes Jahr – trotz hoher Impfquoten bei Kindern. Besonders gefährdet sind Säuglinge unter sechs Monaten, bei welchen eine Pertussis-Infektion zu Komplikationen wie Apnoen, Pneumonien, Otitiden, Enzephalopathien und Lungenhochdruck führen kann. Hierbei haben Säuglinge unter zwei Monaten die höchste Gefährdung von schweren und letalen Verläufen.

Mütter gelten als die häufigste Infektionsquelle bei Pertussis-Infektionen (2). Die Impfung gegen Pertussis soll schwangeren Frauen zu Beginn des 3. Trimenons verabreicht werden (z. B. Boostrix® oder Boostrix® Polio, beide GSK) (3, 4). Die Impfung soll unabhängig vom Abstand zu vorher verabreichten Pertussis-Impfungen und in jeder Schwangerschaft erfolgen. Bei erhöhter Wahrscheinlichkeit für eine Frühgeburt wird empfohlen, die Impfung ins 2. Trimenon vorzuziehen. Zum Thema Influenza-Impfung mahnte Ebels, dass die saisonale Grippeimpfung eine wichtige Indikationsimpfung für Schwangere ab dem 2. Trimenon sei. Dies werde oft vergessen.

Mit zunehmendem Alter wird die Abwehrkraft des Immunsystems geringer – das Risiko, an Herpes zoster (HZ) zu erkranken, nimmt zu. Der Gürtelrose-Impfstoff Shingrix® (GSK) ist zur Prävention von Herpes Zoster und einer Post-Zoster-Neuralgie (PZN) bei Erwachsenen ab 50 Jahren zugelassen. Prof. Dr. med. Tino Schwarz, Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie aus Würzburg, dazu: „Da es derzeit noch einige Engpässe bei der Lieferung gibt, sollten Sie darauf achten, gleich die zweite Dosis für den Patienten im Kühlschrank zurückzulegen und namentlich zu markieren.“ Denn die zweite Impfung sei für einen vollständigen Schutz sehr wichtig. Mit Shingrix begonnene Impfungen seien auf jeden Fall auch mit Shingrix zu komplettieren, die Verwendung von Lebendimpfstoff wird dagegen von der STIKO nicht empfohlen.

Schwarz empfahl, den Herpes-zoster-Impfstoff möglichst intramuskulär zu verabreichen, da bei subkutaner Gabe eine höhere lokale Reaktivität beobachtet wurde. Eine Impfung von Patienten mit anamnestischem Zoster sei problemlos möglich, so die Erfahrungen aus den USA und Kanada.

Reaktivierung nach Zoster-Impfung: Verdachtsfälle melden

Im Rahmen einer vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) am 15. April 2020 initiierten Beobachtungsstudie zu Shingrix soll geklärt werden, ob es bei den in engem Zusammenhang mit der Zoster-Impfung gemeldeten Verdachtsfällen (HZ sowie ausgeprägten, teilweise bläschenförmigen Hautreaktionen) um die Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus (VZV) als potenzielle Nebenwirkung von Shingrix handelt, berichtete Schwarz.

Das PEI bittet Ärzte und Ärztinnen, an der Studie teilzunehmen, die Kosten der virologischen und diagnostischen Abklärung der Hautreaktionen im Konsiliarlabor und der Versendung des Probenmaterials werden vom PEI getragen (5). Gabi Fischer von Weikersthal

Quelle: Webinar „Impf-Symposium „Aktuelle STIKO-Empfehlung“, 28. April 2020; Veranstalter: GlaxoSmithKline GmbH & Co. KG (GSK)

1.
Epidemiologisches Bulletin 13/2020, 26. März 2020 20)30036-5">CrossRef
2.
Wiley KE, et al. Vaccine 2013; 31 (4): 618–25 CrossRef MEDLINE
3.
Fachinformation Boostrix®, Stand August 2019.
4.
Fachinformation Boostrix® Polio, Stand Februar 2019.
5.
https://www.pei.de/DE/newsroom/hp-meldungen/2020/200415-shingrix-studie-herpes-zoster-aufruf.html.
1.Epidemiologisches Bulletin 13/2020, 26. März 2020 CrossRef
2.Wiley KE, et al. Vaccine 2013; 31 (4): 618–25 CrossRef MEDLINE
3.Fachinformation Boostrix®, Stand August 2019.
4. Fachinformation Boostrix® Polio, Stand Februar 2019.
5. https://www.pei.de/DE/newsroom/hp-meldungen/2020/200415-shingrix-studie-herpes-zoster-aufruf.html.

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*1044#002051042682000#2712*
am Samstag, 27. Juni 2020, 23:52

Jeder kann jetzt alles impfen

"...dürfen nun alle Ärztinnen und Ärzte jede Impfung durchführen..." nein: Betriebsärzte dürfen Mitarbeiter nicht impfen, weil diese nicht deren Patienten sind -oder?
M.f.G.: MedDir a. D. Dr. Müsch

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