ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2020COVID-19-Obduktionen: Harte Fakten
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Als Rechtsmediziner mit über 31 Jahren Berufserfahrung sehe ich die tagesaktuelle Bekanntgabe von COVID-2-Todesfällen – auch durch das RKI – sehr kritisch. Wo stammen diese Zahlen her, wie valide sind sie? Ich muss annehmen, dass sie allein aus klinisch erhobenen Daten stammen. Aber wissen wir denn ohne Obduktion, woran die Person verstorben ist? Nein, nicht mit der erforderlichen Sicherheit! Wir wissen nicht, ob eine typische COVID-2-Pneumonie todesursächlich war oder ob der klinische Verlauf uns nur eine solche Pneumonie vorgaukelte oder ob der Patient möglicherweise eine NYHA IV mit einem akuten Myokardinfarkt, eine Myokarditis oder was sonst noch die ICD-10 hergibt, hatte und der Corona-Nachweis lediglich ein Nebenbefund ist. Wir finden nicht selten Überraschungsdiagnosen im Ergebnis einer Obduktion im Tagesgeschäft. Und wie sieht denn eine typische COVID-19-Pneumonie aus – morphologisch, Befall konkret welcher Organe und Gewebe, histologisch, elektronenmikroskopisch? Das sind doch wichtige Befunde, um eine adäquate Therapie zu fokussieren.

Die Feststellung der wirklichen Todesursache entzieht sich nicht selten einem Kliniker trotz der besten diagnostischen Möglichkeiten und kann nur durch eine Obduktion aller 3 Körperhöhlen mit ausreichender Sicherheit festgestellt werden. Auch eine Virtopsy hilft uns da nicht wirklich weiter. Bei der aktuellen Diskussion um CoV-19 sollten harte Fakten vorliegen und diese lassen sich lediglich über Obduktionen aller verstorbenen Verdachtsfälle gem. § 25 (4), (5) IFSG erlangen. Dass das RKI Obduktion gerade nicht empfiehlt, ist keinesfalls nachvollziehbar. Auch der Aspekt einer erhöhten Infektionsgefahr greift nicht, wenn man Schutzkleidung trägt – wie üblich bei Leichenöffnungen! – und aerosolbildende Maßnahmen einschränkt. Nur durch eine Obduktion und eine kritische Bewertung aller Befunde kann beurteilt werden, ob jemand unmittelbar oder mittelbar an einer COVID-19 verstorben ist oder ob der Coronavirus-Nachweis lediglich ein Nebenbefund eines multimorbiden Patienten darstellt. Wenn dieser Aspekt einer zwingend erforderlichen Obduktion keine Berücksichtigung findet, ahne ich, dass in den nächsten Jahren bei jeder Erkältungskrankheit, bei jeder Ebola-Epidemie oder bei anderen Infektionskrankheiten Pandemie-Szenarien ähnlichen Ausmaßes politisch initiiert werden könnten.

Dr. med. Norbert Beck, 39120 Magdeburg

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