ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2020COVID-19-Therapieansätze: Therapeutische Zurückhaltung
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Angesichts des Statements, mit dem der Artikel beginnt, wundere ich mich, mit welchen Substanzen offenbar weitgehend ungeprüft in China und in Europa, beginnend in Italien, therapiert wurde. 

Es geht offenbar um Substanzen wie Hydroxychloroquin, Remdesivir, Lopinavir und Ritonavir, Dexamethason, Interferon, Antibiotika, Tozilizumab. Alle diese Medikamente wirken mehr oder weniger direkt immunsuppressiv und sind geeignet, eine immunologische Antwort des Wirtes im Keim zu ersticken. Ein Ergebnis, das ich mir bei einem akuten viralen Infekt keineswegs wünschen würde.

Aus dem Italienischen Ge­sund­heits­mi­nis­terium war bereits am Anfang der Epidemie zu erfahren, dass 30 % der Patienten mit Corticoiden, 52 % mit antiviralen Substanzen und 80 % antibiotisch behandelt wurden, und zwar gleichzeitig und in unterschiedlicher Kombination. Eine Kasuistik aus dem Lancet zeigt, wie ein 52-jähriger Patient auf diese riskante Weise therapiert wurde – mit tödlichem Ausgang. Es ist aus meiner Sicht plausibel, dass eine aus Angst betriebene Therapie mit diesen Substanzen zu der bekannten Übersterblichkeit geführt hat und möglicherweise gar nicht die Infektion selbst. Wenn aber derartige Therapieversuche erst in die Öffentlichkeit gelangen oder sogar propagiert werden, wird es immer schwieriger, abgesehen von symptomatischen Maßnahmen therapeutische Zurückhaltung zu empfehlen. Genau dies scheint mir aber bei einem viralen Infekt die beste Option zu sein. 

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Angesichts der Tatsache, dass in verschiedenen Europäischen Staaten über sehr unterschiedliche Übersterblichkeiten berichtet wird, drängt sich die Vermutung auf, dass eine unterschiedlich aggressive Therapie dafür verantwortlich sein könnte.

Es könnte sein, dass wir in Deutschland deshalb so gut davongekommen sind, weil wir von Anfang an therapeutisch zurückhaltender waren und/oder wegen der schlechten Erfahrungen Italiens, Spaniens, Frankreichs und Englands gelernt und kaum antivirale Substanzen eingesetzt haben.

Interessant wäre es auch, das Vorgehen Belgiens zu beleuchten, das mit einer Rate von 800 Toten pro eine Million Einwohner gegenüber Deutschland mit 100 Toten pro eine Million Einwohner in Europa mit Abstand die höchste Übersterblichkeit verzeichnet.

Dr. med. Claus Köhnlein, 24103 Kiel

Literatur beim Verfasser

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Avatar #28436
thommy
am Sonntag, 28. Juni 2020, 15:55

Virus-Wahn

Danke für die sehr informativen Hinweise.
Kann das Buch: "Virus-Wahn" von Kollegen Dr. Köhnlein in diesem Zusammenhang nur weiter empfehlen.
Dr. med. Thomas Porstner

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