ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2000„Körperwelten„-Ausstellung: Anatomie für die Öffentlichkeit

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„Körperwelten„-Ausstellung: Anatomie für die Öffentlichkeit

Dtsch Arztebl 2000; 97(9): A-516 / B-418 / C-395

Bergdolt, Klaus; Kriz, Wilhelm

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LNSLNS Nach Stationen in Mannheim, Basel, Wien und in Japan mit mehreren Millionen Besuchern sind Gunther von Hagens’ Ganzkörper-Plastinate und weitere anatomische Präparate nun in Köln zu betrachten. Die Reaktion auf die Präsentation schwankt zwischen begeisterter Zustimmung und entschiedener Ablehnung. Dieses breite Spektrum soll zumindest ansatzweise von den beiden Pro- und Kontra-Beiträgen eingefangen werden.

Pro
Zu der Ausstellung "Körperwelten" gehören die Besucher; nur wer beide zusammen gesehen und erlebt hat, sollte sich ein Urteil erlauben. Die Besucher sind überwiegend medizinische Laien. Sie wollen in der Ausstellung nicht die Anatomie des Menschen studieren. Dies wäre in den zwei Stunden ihres Besuches auch nicht im Ansatz möglich: Die Besucher wollen ganz einfach kennen lernen, wie der Mensch "von innen" aussieht, und wollen dafür authentische Präparate sehen. Diesen Wunsch erfüllen die Ganzkörperpräparate; sie sind glaubwürdig.
Der entscheidende Vorteil der Plastinationsmethode ist die Möglichkeit, auch Weichteilen Festigkeit zu geben. Knochen sind von sich aus fest, das Ganzkörperpräparat der Knochen ist das Skelett; die Ganzkörperpräparate der Ausstellung sind sozusagen "Muskelskelette". Dies macht es möglich, einem Präparat eine Pose zu geben. Damit gewinnen die Präparate einen natürlichen Aspekt, und es verliert sich der Eindruck, sie seien Leichen. Beim Besucher stellt sich statt des erwarteten Schauderns und der Abwehr ein Staunen ein; er kann sich den Präparaten ohne Abwehr zuwenden, in sie hineinschauen (auch die weite Eröffnung der Präparate in alle Richtungen ergibt sich aus der Methode) und sich für eine nähere Betrachtung diejenigen Regionen, Organe und anderes mehr heraussuchen, die ihn aufgrund einer persönlichen Krankheitsgeschichte besonders berühren.
In einer aufgeklärten Gesellschaft darf auch der Laie fragen, wie ein Mensch "von innen" aussieht. Wenn das Präparieren von Leichen im Rahmen der Ausbildung von Medizinstudenten erlaubt ist (hierin besteht Konsens), dann kann die Ausstellung von präparierten Leichen zur Aufklärung medizinischer Laien nicht unzumutbar sein. Die Aufklärung von medizinischen Laien hat in einer modernen Gesellschaft keinen geringeren ethischen Rang als die Ausbildung von Medizinern. Wer beides kennt, den Präparierkurs im Rahmen des Medizinstudiums und diese Ausstellung, wer die Ernsthaftigkeit und Ehrfurcht, ja geradezu die Andacht erlebt, mit der die überwiegende Mehrheit der Besucher die Präparate betrachtet, wird nicht auf den Gedanken verfallen, in der Ausstellung sei im Gegensatz zum Präparierkurs die Würde der Verstorbenen verletzt.
Natürlich darf man eine Leiche nicht zu beliebigen Zwecken instrumentalisieren. Die Pose eines Präparates, die Art der Darstellung, so wichtig sie sind, um dem Laien den Zugang zu öffnen, dürfen nicht zu einem Eindruck führen, hier sei der Anstand im Umgang mit Leichen verletzt. Wo allerdings diese Grenze zu ziehen ist, ist umstritten. So heikel die Frage auch sein mag, in einer modernen Gesellschaft kann sie nicht mehr ex cathedra beantwortet werden; auch hier darf der Normalbürger mitreden. !

Jugendlichen unter 14 Jahren ist der Besuch der Ausstellung "Körperwelten" nur in Begleitung Erwachsener gestattet. Um den Anblick eines der Ganzkörper-Plastinate kommt allerdings kein Kölner herum: Das Plakat ziert zahllose Litfaßsäulen und andere Werbeflächen im Großraum Köln.
Kontra


Prof. Dr. med. Wilhelm Kriz,
Institut für Anatomie und Zellbiologie,
Universität Heidelberg

Kontra


Die "Abstimmung mit den Füßen" (Gunther von Hagens) findet nun auch in Köln statt. Der Oberbürgermeister begeisterte sich für das Marketing, einige Ratsmitglieder erhoffen sich eine Umsatzsteigerung für die Lokale rund um das Ausstellungszelt. Dass die künstlerische Präsentation menschlicher Leichen brisante Fragen aufwirft, dass es darum geht, ob die beanspruchte "Demokratisierung der Anatomie" beziehungsweise die "künstlerische Freiheit" höheren Wert beanspruchen dürfen als die Totenwürde, scheinen weder Politiker noch Sponsoren bemerkt zu haben. Diese Würde wird allerdings subtil bereits in den Katalog-Beiträgen unterminiert, wo zum Beispiel eine "aus der Natur herausragende Würde" selbst des lebenden Menschen von einem süddeutschen PH-Professor infrage gestellt wird. Staat und Recht sollten so verfahren, "als gebe es sie nicht, weil niemand einem anderen die Anerkennung einer bestimmten Weltanschauung aufzwingen darf". Die Zielrichtung ist klar: Die in antiker (Cicero) wie christlicher Tradition konzipierte Menschenwürde wird als eher lokal-europäische Angelegenheit abgetan, als schillernder, hoffnungslos altmodischer Begriff.
Ärgerlich erscheinen in diesem Zusammenhang auch einige pseudohistorische Auslassungen. Zwischen Reliquienverehrung, die nur aus dem Auferstehungsglauben wie der katholischen Hoffnung auf Heilige als Mittler zu Gott verständlich wird, Skelettsammlungen in Kapuzinergrüften, welche das asketische Mementomori-Ideal des Ordens drastisch vor Augen führen, Gräbern aus der Barockzeit mit sichtbaren Skeletten, welche die Ambivalenz dieser Epoche zwischen Diesseits und Jenseits verdeutlichen, und der schrillen Präsentation menschlicher Körper zum Ruhme eines "Künstlers" wird nicht mehr differenziert. Dass öffentliche Sektionen in anatomischen Theatern um 1600, von ihrem primären Nutzen für die medizinische Ausbildung abgesehen, schon von den Zeitgenossen kritisiert wurden, sollte ebenso zu denken geben wie die Tatsache, dass solche Obduktionen häufig als zweite Bestrafung des exekutierten Delinquenten verstanden wurden.
Waren in Mannheim infolge des Massenandrangs und der Enge Distanzlosigkeit, witzige Bemerkungen, Drängeln und voyeuristische Tendenzen nicht zu übersehen, ähnelt die Kölner Präsentation mehr einem Erlebnispark. Die lockere Anordnung der Leichen wirkt dennoch beklemmend, vor allem, wenn man länger vor einem Plastinat verweilt. Zu untersuchen wäre im Übrigen, inwieweit der Besuch der Ausstellung, vom "ersten Eindruck" abgesehen, tatsächlich konkretes anatomisches Wissen hinterlässt. Dieses könnte man genauso gut, wenn auch weniger spektakulär, mithilfe perfektionierter Abbildungen, virtueller Methoden, ja selbst, falls Schauder erwünscht ist, mit alten, lebensechten Wachsmoulagen vermitteln. Angesichts der künstlichen Posen der Toten (vom "Schachspieler" bis zur Kopie des Bartholomäus von Michelangelo) sowie des an Beuys orientierten Outfits, aber auch der aggressiven Vermarktung und des hohen Eintrittspreises wird mehr als deutlich, dass hier ein ehrgeiziger Künstler in makabrer Weise neues Material für publikumswirksame Installationen entdeckt hat. Stolz über den Massenandrang in Mannheim (1998), verstieg sich von Hagens zu der Behauptung "Über Moral entscheidet die Mehrheit". Ob die Lehrer der unzähligen Schulklassen, die systematisch durch die Ausstellung geschleust werden, hierüber nachdenken?


Der Erfinder des Plastinations-Verfahrens, Prof. Dr. med. Gunther von Hagens, mit einem seiner "Geschöpfe"


Mit dem Erscheinen dieser Ausgabe hat das Deutsche Ärzteblatt auf seinen Internetseiten ein neues Forum zum Thema eröffnet. Dort können Meinungsbeiträge zum Für und Wider der "Körperwelten"-Ausstellung verfasst werden. Die Adresse lautet: www.aerzteblatt.de


Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus Bergdolt,
Institut für Geschichte und Ethik der Medizin,
Universität zu Köln

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