ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2020SARS-CoV-2: Skepsis an Bayerns Testmodell

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SARS-CoV-2: Skepsis an Bayerns Testmodell

Beerheide, Rebecca

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Nachdem es keine einheitliche Teststrategie der Bundesländer gegeben hatte, kann sich in Bayern nun jeder auf SARS-CoV-2 testen lassen. Die Vertragsärzte können die PCR-Tests anbieten, finanziert vom Freistaat. Kritisch sehen das Bundes- wie Landesminister und die Labormediziner.

Schnell, kostenlos und für jedermann – so hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) die neue Teststrategie auf SARS-CoV-2 beschrieben. Und er erntet für das Versprechen, jeden Menschen in Bayern künftig auch anlasslos, asymptomatisch und ohne Kontakt zu Infizierten testen zu wollen, Kritik von vielen Seiten. Allen voran Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU), der zwar das Motto „Testen, testen, testen“ bereits im April vorgegeben hatte, aber hier vor allem die Testverordnung seines Ministeriums, die Teststrategien des Robert Koch-Instituts sowie Vereinbarungen vom Öffentlichen Gesundheitsdienst als Grundlage sieht (siehe DÄ 26). „Einfach nur viel testen, klingt gut, ist aber ohne systematisches Vorgehen nicht zielführend“, erklärte Spahn. Dem entgegnete Söder: „Wer Testen, testen, testen vorgibt, sollte sich nicht beschweren, wenn es einer macht.“

Vertrag mit der KV Bayerns

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Der Freistaat Bayern hat nach eigenen Angaben 200 Millionen Euro für die Kosten der zusätzlichen Tests eingeplant. Dafür wurde ein Vertrag mit der KV Bayerns abgeschlossen, da die Tests von den Vertragsärzten angeboten werden sollen. Die KV übernehme die Abrechnung, der Freistaat zahle, berichtete die Ge­sund­heits­mi­nis­terin Melanie Huml (CSU). Man könne aber keinen Arzt zwingen, die Tests anzubieten. Sollte es Probleme geben, werde man eine Liste von Ärzten zusammenstellen, die die Tests durchführen, so die Ministerin. Man gehe aber davon aus, „dass die Ärzte das Angebot gut annehmen“.

Mehrere Bundesländer hatten den Vorstoß von Bayern kritisiert. So wollten viele diese Massentests nicht mitgehen, erklärten die Ge­sund­heits­mi­nis­ter von Thüringen, Schleswig-Holstein, Hessen und Niedersachsen. Auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) sagte, er wolle das Konzept nicht nachahmen. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD), signalisierte zunächst Zustimmung, relativierte später aber seine Äußerungen.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann sowie sein Ge­sund­heits­mi­nis­ter Manne Lucha (beide Grüne) wollen bei ihrem bisherigen Konzept bleiben: „Wir halten am Grundprinzip der Anlassbezogenheit fest“, erklärte Kretschmann bei der Vorstellung der Teststrategie seines Landes. Lucha sagte: „Alles andere ist Fischen im Trüben mit einer Halbwertszeit von zwei Tagen.“ Bei einer parallel stattfindenden Pressekonferenz erklärte seine bayerische Amtskollegin Huml dagegen: „Ja, es sind alles nur Momentaufnahmen, aber wir brauchen diese auch, um Zufallsfunde zu bekommen und so frühzeitig Infektionsherde zu erkennen.“ Es sei eine Strategie, wenn so viel getestet werde, erklärte Huml.

Prioritäre Testpersonen

Vier Personengruppen werden in Bayern wie auch in Baden-Württemberg weiter prioritär getestet: Dazu zählen Kontaktpersonen von Infizierten, Personen mit Symptomen oder Menschen, die aus Regionen mit Ausbruchsgeschehen kommen. Ebenso sollen in Bayern wie in Baden-Württemberg medizinisches Personal stichprobenhaft getestet werden. Zudem sollen Patienten, die in stationäre Pflegeeinrichtungen oder ins Krankenhaus aufgenommen werden regelmäßig getestet werden – auch während ihres Aufenthaltes dort. Zusätzlich soll es weiter Reihentests in Schlachtbetrieben geben.

Diskussionen gibt es in vielen Bundesländern bei den präventiven Tests für Lehrerinnen und Lehrern und Erzieherinnen: In Bayern soll es den Lehr- und Erziehungskräften angeboten werden, sich nach den Ferien testen zu lassen. In Baden-Württemberg laufen diese Gespräche noch, ebenso in anderen Bundesländern. In Sachsen, wo bereits Lehrkräften Tests angeboten wurden, sei die Nachfrage eher gering geblieben.

Kritisch sieht auch der Verband der Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM) die Ideen aus Bayern. Während anlassbezogene Testungen sinnvoll seien, sei man bei anlasslosen Massentest „sehr skeptisch“, so ALM-Vorsitzender Michael Müller. Die PCR-Tests ohne nähere Kriterien allen Interessierten anzubieten, sei „keine sinnvolle Strategie“. Rebecca Beerheide

aerzteblatt.de

Teststrategien

Foto: malkovkosta/stock.adobe.com
Foto: malkovkosta/stock.adobe.com

Flickenteppich: Die Umsetzung der PCR-Tests findet in den Gesundheitsämtern sehr unterschiedlich statt.

►http://www.aerzteblatt.de/201310

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