ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2020Kardiovaskuläre Primärprävention: Statine nützen auch Älteren

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Kardiovaskuläre Primärprävention: Statine nützen auch Älteren

Hollstein, Tim

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Ob Statine bei Menschen über 75 Jahren ohne kardiovaskuläre Vorerkrankung als primärpräventive Maßnahme tatsächlich nützlich sind, war bislang unklar. Eine neue Studie zeigt nun, dass auch diese Gruppe von einer Lipidsenkung und den anderen Statineffekten profitieren könnte.

In unserer stetig alternden Bevölkerung steigt mit höheren Alter auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen (1). Diese machen hierzulande derzeit die häufigste Todesursache aus (2). Ein wichtiger Grund sind zu hohe Low-Density-Lipoprotein-Cholesterin-(LDL-C-)Werte im Blut, wodurch sich verstärkt Gefäßplaques bilden (3). Ältere Menschen mit hohem kardiovaskulärem Risiko sollten daher eine optimale medikamentöse Therapie zur LDL-Senkung erhalten. Statine sind hier die Mittel der Wahl.

Viele Ärzte stehen einer Statintherapie bei älteren Patienten jedoch skeptisch gegenüber. Einerseits, da bei älteren Menschen assoziierte Nebenwirkungen wie Myalgien/Myopathien aufgrund von Multimedikation und zusätzlichen Komorbiditäten häufiger sind (4). Andererseits, da oft angenommen wird, dass ältere Patienten nicht mehr „lange genug leben“ würden, um von den positiven Effekten zu profitieren (5).

Auch Ältere profitieren

Viele Studien konnten jedoch zeigen, dass Patienten über 75 Jahre durchaus von einer Statintherapie profitieren, zumindest in der Sekundärprävention. Also dann, wenn bereits eine kardiovaskuläre Erkrankung vorliegt (6). Dagegen gibt es noch keine aussagekräftigen Daten für die Primärprävention, sprich für ältere Menschen ohne bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung. Dementsprechend geben die europäischen und US-amerikanischen Leitlinien für diese Patientengruppe auch keine eindeutige Empfehlung ab (4, 7).

Für Prof. Dr. med. Ulf Landmesser, Direktor der Klinik für Kardiologie am Campus Benjamin Franklin der Charité Universitätsmedizin Berlin und Ärztlicher Leiter des Charité Centrum für Herz-Kreislauf- und Gefäßmedizin, ist eine lipidsenkende Therapie bei älteren Menschen auch in der Primärprävention denkbar. „Aus meiner Sicht spricht nichts dagegen, auch diesen Patienten bei entsprechendem Risikoprofil ein Statin anzubieten“, so Landmesser. „Der positive Effekt der LDL-Senkung auf das kardiovaskuläre Risiko sollte sich normalerweise schon nach einer Behandlungsdauer von zwei bis drei Jahren einstellen.“

Eine kürzlich im European Heart Journal veröffentliche Studie (8) bestätigt diese Vermutung. In der Studie wurde retrospektiv an rund 120 000 Menschen über 75 Jahren mit primärpräventiver Statintherapie untersucht, wie sich das Absetzen der Lipidsenker auf das kardiovaskuläre Risiko auswirkt. Patienten, die ihr Statin absetzten, erhöhten ihr kardiovaskuläres Risiko schon nach 2 Jahren um 33 % – die Wahrscheinlichkeit für Koronarereignisse stieg um 46 %.

„Diese Daten sind ein wichtiger Hinweis, dass eine primärpräventive LDL-Senkung auch bei älteren Menschen jenseits der 75 Jahre sinnvoll ist, bei denen ein erhöhtes Risiko für eine kardiovaskuläre Erkrankung vorliegt“, folgert Landmesser. Er weist jedoch darauf hin, dass aufgrund des Studiendesigns die Risikoreduktion der Statintherapie möglicherweise überschätzt wurde: „Oft sind jene Patienten, die ihr Statin absetzen, auch kränker.“ Kleine Umformulierung: Dies bestätigen die Autoren der Studie ebenfalls und empfehlen die Überprüfung ihrer Ergebnisse in randomisierten Kontrollstudien (8). Solche Studien laufen bereits (STAREE Studie, NCT02099123; ITE/SAGA Studie, NCT02547883). Mit Ergebnissen ist bis Ende dieses Jahres zu rechnen (8, 9).

Bildgebung immer bedeutsamer

Generell ist für Landmesser ein individualisierter Therapieansatz entscheidend: „Man kann die über 75-Jährigen nicht alle gleichbehandeln. Da gibt es biologisch jüngere Patienten und Patienten, die schon sehr morbide sind. Daher kann man auch keine Empfehlung für alle geben“, so der Kardiologe.

Um das kardiovaskuläre Risiko älterer Patienten besser einzuschätzen, empfiehlt Landmesser nicht-invasive Bildgebungsverfahren wie Sonografie für Carotis-Plaques und eventuell die Bestimmung des koronaren Kalzium-Score in der Computertomografie. Dadurch lassen sich jene Patienten identifizieren, die bereits einen Gefäßschaden haben und definitiv eine lipidsenkende Therapie benötigen – ganz unabhängig von ihrem sonstigen Risikoprofil. Man weiß, dass fast 60 % der älteren Menschen bereits ausgeprägte Carotis-Plaques aufweisen, obwohl bei ihnen keine kardiovaskuläre Krankheit bekannt ist (10).

Zukünftig könnte die Entscheidung pro/contra primärpräventive Statintherapie bei Älteren daher zunehmend mithilfe der Bildgebung getroffen werden. Schon jetzt empfehlen die US-amerikanischen Leitlinien eine Statintherapie nur jenen Patienten über 75 Jahren mit einem koronaren Kalzium-Score über Null (7). Die europäischen Leitlinien sind hier jedoch noch vage formuliert (4). Dr. med. Tim Hollstein

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit2720
oder über QR-Code.

1.
Statistisches Bundesamt. Altersstruktur der Bevölkerung in Deutschland zum 31. Dezember 2018. Statista, 2018.
2.
Statistisches Bundesamt. Anzahl der Gestorbenen nach Kapiteln der ICD-10 und nach Geschlecht für 2017. 2017.
3.
Ference BA, Ginsberg HN, Graham I, et al.: Low-density lipoproteins cause atherosclerotic cardiovascular disease. 1. Evidence from genetic, epidemiologic, and clinical studies. A consensus statement from the European Atherosclerosis Society Consensus Panel. European Heart Journal 2017; 38 (32): 2459–72 MEDLINE CrossRef PubMed Central
4.
Mach, F, et al.: 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias: lipid modification to reduce cardiovascular risk. European Heart Journal, 2020. 41 (1): 111–88.
5.
Barry A, Am T: Should Patients Continue to Receive Statins Once They Reach 80 Years of Age? The Canadian journal of hospital pharmacy 2017; 70 (3): 243–6 CrossRef
6.
Armitage J, Baigent C, Barnes E, et al.: Efficacy and safety of statin therapy in older people: a meta-analysis of individual participant data from 28 randomised controlled trials. The Lancet 2019; 393 (10170): 407–15 18)31942-1">CrossRef MEDLINE PubMed Central
7.
Grundy SM, Stone NJ, Bailey AL, et al.: 2018 AHA/ACC/AACVPR/AAPA/ABC/ACPM/ADA/AGS/APhA/ASPC/NLA/PCNA Guideline on the Management of Blood Cholesterol: Executive Summary. Journal of the American College of Cardiology 2019; 73 (24): 3168–209 CrossRef CrossRef MEDLINE
8.
Giral P, Neumann A, Weill A, et al.: Cardiovascular effect of discontinuing statins for primary prevention at the age of 75 years: a nationwide population-based cohort study in France. European Heart Journal 2019; 40 (43): 3516–25 CrossRef MEDLINEPubMed Central
9.
Bonnet F, Poulizac P, Joseph JP: Safety and efficacy of statins. The Lancet 2017; 389 (10074):1097–8 17)30713-4">CrossRef 17)30712-2">CrossRef MEDLINE
10.
Baber U, Mehran R, Sartoriet S, et al.: Prevalence, Impact, and Predictive Value of Detecting Subclinical Coronary and Carotid Atherosclerosis in Asymptomatic Adults. Journal of the American College of Cardiology 2015; 65 (11): 1065–74 CrossRef MEDLINE
1.Statistisches Bundesamt. Altersstruktur der Bevölkerung in Deutschland zum 31. Dezember 2018. Statista, 2018.
2.Statistisches Bundesamt. Anzahl der Gestorbenen nach Kapiteln der ICD-10 und nach Geschlecht für 2017. 2017.
3. Ference BA, Ginsberg HN, Graham I, et al.: Low-density lipoproteins cause atherosclerotic cardiovascular disease. 1. Evidence from genetic, epidemiologic, and clinical studies. A consensus statement from the European Atherosclerosis Society Consensus Panel. European Heart Journal 2017; 38 (32): 2459–72 MEDLINE CrossRef PubMed Central
4. Mach, F, et al.: 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias: lipid modification to reduce cardiovascular risk. European Heart Journal, 2020. 41 (1): 111–88.
5. Barry A, Am T: Should Patients Continue to Receive Statins Once They Reach 80 Years of Age? The Canadian journal of hospital pharmacy 2017; 70 (3): 243–6 CrossRef
6. Armitage J, Baigent C, Barnes E, et al.: Efficacy and safety of statin therapy in older people: a meta-analysis of individual participant data from 28 randomised controlled trials. The Lancet 2019; 393 (10170): 407–15 CrossRef MEDLINE PubMed Central
7.Grundy SM, Stone NJ, Bailey AL, et al.: 2018 AHA/ACC/AACVPR/AAPA/ABC/ACPM/ADA/AGS/APhA/ASPC/NLA/PCNA Guideline on the Management of Blood Cholesterol: Executive Summary. Journal of the American College of Cardiology 2019; 73 (24): 3168–209 CrossRef CrossRef MEDLINE
8.Giral P, Neumann A, Weill A, et al.: Cardiovascular effect of discontinuing statins for primary prevention at the age of 75 years: a nationwide population-based cohort study in France. European Heart Journal 2019; 40 (43): 3516–25 CrossRef MEDLINEPubMed Central
9.Bonnet F, Poulizac P, Joseph JP: Safety and efficacy of statins. The Lancet 2017; 389 (10074):1097–8 CrossRef CrossRef MEDLINE
10.Baber U, Mehran R, Sartoriet S, et al.: Prevalence, Impact, and Predictive Value of Detecting Subclinical Coronary and Carotid Atherosclerosis in Asymptomatic Adults. Journal of the American College of Cardiology 2015; 65 (11): 1065–74 CrossRef MEDLINE

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Avatar #92735
ibuprof
am Sonntag, 12. Juli 2020, 20:30

Sinnlose statistische Angaben

Guten Tag, ich bin schon über 40 Jahre als Hausarzt tätig und ärgere mich immer wieder über Relativ-Prozent-Angaben, die uns Ärzte mehr verdummen als hilfreich sind. Jeder Patient hat ein Recht auf Aufklärung, dies geht nicht mit Relativ-Prozenten. Und in der Studie (8) werden auch nur Relativ - Werte angegeben . Wieviele Menschen profitierten innerhalb von wieviel Jahren und wieviele Menschen haben Statine unnötig eingenommen ? Die Bestimmung des Gefässkalks in der Carotis ist sicher eine gute Basis. Warten wir die neuen Studien ab, dann bitte mit Absolut-Protent-Werten !
Avatar #92735
ibuprof
am Sonntag, 12. Juli 2020, 20:30

Sinnlose statistische Angaben

Guten Tag, ich bin schon über 40 Jahre als Hausarzt tätig und ärgere mich immer wieder über Relativ-Prozent-Angaben, die uns Ärzte mehr verdummen als hilfreich sind. Jeder Patient hat ein Recht auf Aufklärung, dies geht nicht mit Relativ-Prozenten. Und in der Studie (8) werden auch nur Relativ - Werte angegeben . Wieviele Menschen profitierten innerhalb von wieviel Jahren und wieviele Menschen haben Statine unnötig eingenommen ? Die Bestimmung des Gefässkalks in der Carotis ist sicher eine gute Basis. Warten wir die neuen Studien ab, dann bitte mit Absolut-Protent-Werten !
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