ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2020Videotherapie und Online-Interventionen: Chancen und Risiken

EDITORIAL

Videotherapie und Online-Interventionen: Chancen und Risiken

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Psychotherapie per Videotelefonat ist in Coronazeiten eine gute Alternative zum Praxisbesuch. Und auch die Möglichkeit, mit bekannten Patientinnen und Patienten ein abrechnungsfähiges Telefongespräch führen zu können, hat die Versorgung psychisch kranker Menschen sehr erleichtert. Die Pandemie ist längst noch nicht vorbei, doch während die Sonderregelungen zur Videotherapie noch einmal bis zum Ende des dritten Quartals verlängert wurden, haben Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und GKV-Spitzenverband entschieden, die Telefonkonsultation mit dem zweiten Quartal auslaufen zu lassen. Psychotherapeutenverbände kritisieren Letzteres, das Telefongespräch sei nicht nur sinnvoll für Patienten, die mit der Technik für eine Videoverbindung nicht zurecht kommen. Das Telefon ermögliche auch einen privateren Dialog, der per Video vor allem in kleinen, von mehreren bewohnten Wohnungen, nicht immer gegeben ist. Auch den Blick in das persönliche Umfeld mag nicht jeder. Doch auch das Videotelefonat hat Nachteile: Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten beklagen, dass mit dem Gegenüber kein Augenkontakt möglich ist. Auch erscheint es Therapeuten anstrengender als die persönliche Begegnung in der Praxis. Face-to-Face-Therapie, die direkte menschliche Beziehung, bleibt also nach wie vor Goldstandard in der Einzeltherapie – darin sind sich alle einig. Für das Setting Gruppentherapie war eine Videokonferenz wegen des Datenschutzes auch während der Pandemie keine Option. Es fehlen sichere Peer-to-Peer-Verschlüsselungen zwischen den Gruppenteilnehmern (siehe Artikel auf Seite 306). Geteilte Gruppen oder Einzeltherapie sind die Alternative. Die Regelung, Gruppentherapie in Einzeltherapie umwandeln zu können, ohne dafür einen gesonderten Antrag stellen zu müssen, wurde auch bis zum Ende des dritten Quartals verlängert.

Die Erfahrungen mit der Videotherapie während der Pandemie werden die Versorgung vermutlich verändern, auch wenn die Folgen noch nicht ganz absehbar sind. Viele Psychotherapeuten, die vor der Coronakrise eher skeptisch gegenüber der Technik waren, können sich inzwischen vorstellen, Videotherapie auch weiterhin anzubieten. Nach einer Blitzumfrage der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung waren dies im April 57 Prozent der Befragten. Für Patienten mit eingeschränkter Mobilität, in ländlichen Räumen, beruflich stark eingebundenen Menschen oder Expats ist Videobehandlung sicherlich eine Option. Diese Zielgruppen werden aktuell von kommerziellen Anbietern beworben. „Erfolgreiche Therapie braucht kein Wartezimmer“, heißt es zum Beispiel auf der Homepage der Online-Intervention „MindDoc by Schön Klinik“, die auf die Behandlung von Depressionen, Essstörungen sowie Angst- und Zwangsstörungen zielt. Im Rahmen von Selektivverträgen zahlen ein paar Krankenkassen für die Intervention. In den Fokus geriet der Anbieter aktuell, weil die KV Hamburg niedergelassene Psychotherapeuten davor gewarnt hat, sich für die obligatorischen Erstgespräche als freie Mitarbeiter anwerben zu lassen. Und zwar für ein stattliches Honorar von 180 Euro pro Therapiestunde. Dies entspreche nicht dem „Grundsatz der persönlichen Leistungserbringung“, argumentiert die KV. Wenngleich die Schön Klinik die rechtlichen Hindernisse ausräumen will, bleibt die Frage der Sinnhaftigkeit solcher Modelle, außer dass man Geschäfte macht. Therapeutische Prozesse werden fragmentiert und kontinuierliche vertrauensvolle Beziehungen in gewisser Weise abgewertet.

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote