ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2020Autismusspektrumstörungen: Strukturierte und praxisnahe Interventionsformen

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Autismusspektrumstörungen: Strukturierte und praxisnahe Interventionsformen

Bördlein, Christoph

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Der Psychiater Hanns Rüdiger Röttgers und die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Katrin Rentmeister geben eine objektive und anschauliche Darstellung alltagsnaher verhaltensorientierter Interventionsformen bei Autismusspektrumstörungen (ASD). Eine solche Darstellung – wie auch die anderen Beiträge der Reihe „Autismus konkret“ – ist nicht nur wünschenswert, sondern nötig. Und zwar deshalb, weil die verhaltensorientierten Interventionen bei Autismus (bisweilen auch pauschal als „ABA“ – applied behavior analysis – oder „AVT“ – autismusspezifische Verhaltenstherapie – bezeichnet) in Publikumszeitschriften oft verzerrt oder falsch präsentiert werden. Unterstellt wird, dass vor allem aversive Techniken eingesetzt würden und dass das Ziel in einer „Normalisierung“ autistischer Menschen bestünde – womöglich noch gegen deren erklärten Willen. Insofern ist eine anschauliche und fundierte Darstellung des alltagsorientierten Lernens bei Autismus nicht nur hilfreich, um sich als autistischer Mensch oder als Elternteil zu informieren. Das Buch kann auch Personen empfohlen werden, deren kritische Haltung gegenüber ABA auf Falschinformationen zurückzuführen ist. Für Therapeutinnen, die bereits auf verhaltensorientierter Grundlage mit Menschen mit Autismus arbeiten, empfiehlt sich das Werk aufgrund seiner Praxisnähe. Dabei darf es allerdings nicht als „How-to-do-It“ missverstanden werden: Die Lektüre des Buches allein reicht nicht, um praktisch mit ASD-Klientinnen zu arbeiten.

Röttgers und Rentmeister beschreiben zunächst allgemein, was verhaltenstherapeutische Interventionen bei ASD kennzeichnet. Sehr hilfreich sind hier auch die Hinweise zur Versorgungsstruktur und der damit verbundenen Finanzierbarkeit von verhaltensorientierter Hilfe. Sodann schildern die Autoren, wie die verhaltensorientierte Förderung in einzelnen Bereichen des Alltags aussehen kann: dem häuslichen Umfeld, der Kita, dem Freizeitbereich, der Schule und dem Studium. Die sehr konkret beschriebenen Interventionsformen (im Anhang sind die Lernprogramme detailliert wiedergegeben) werden dabei immer mit Fallbeispielen illustriert. Erfreulich ist, dass die Klienten der Fallbeispiele aus vielen verschiedenen Ausprägungen des Autismusspektrums stammen. Dies zeigt auf, wie die Hilfe auf Basis der Grundgesetze des Verhaltens sowohl bei schwerstbeeinträchtigendem frühkindlichen Autismus als auch bei sogenanntem hochfunktionalen Autismus aussehen kann.

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Das Thema des Buches ist – aus verhaltensanalytischer Sicht – die Generalisation von im therapeutischen Kontext begonnenen Verhaltensänderungen auf die natürliche Lebenswelt der Klientin. Gar zu oft wird vergessen, dass Verhaltenstherapien nicht wie Tabletten oder Operationen wirken: Sie leiten lediglich eine Verhaltensänderung ein. Versäumt man, die im ambulanten oder stationären Setting erreichten Verhaltensänderungen auch im Alltag zu fördern, ändert sich an der Lebensqualität des Klienten wenig. Diesen Grundgedanken der angewandten Verhaltensanalyse, dass Hilfe immer zu einer Verbesserung der Lebenssituation des Betroffenen, zu sozial bedeutsamen Fortschritten führen muss, illustriert das Buch in vorbildlicher Weise: strukturiert, praxisnah und alltagstauglich. Christoph Bördlein

Hanns Rüdiger Röttgers, Katrin Rentmeister: Alltagsorientiertes Lernen von Menschen mit Autismus, Reihe: Autismus Konkret – Verstehen, Lernen und Therapie. W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2019, 134 Seiten, kartoniert, 28,00 Euro

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