ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2020Schmerzmittel: Missbrauch auch im Breitensport

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Schmerzmittel: Missbrauch auch im Breitensport

Reichardt, Alina

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Um bessere Leistungen zu erzielen, nehmen offenbar auch viele Hobbysportler regelmäßig rezeptfreie Analgetika. Verlässliche Daten dazu gibt es bisher nicht, aber Experten gehen von einem gesellschaftlichen Problem aus. Sie fordern mehr Prävention auf allen Ebenen.

Foto: babaroga/stock.adobe.com
Foto: babaroga/stock.adobe.com

Wie Süßigkeiten verteilt mancher Fußballtrainer Schmerzmittel an verletzungsanfällige Spielerinnen und Spieler. Schon Jugendliche übertünchen Schmerzen mit Ibuprofen und Diclofenac, um lesitungsfähig zu bleiben. Hunderte Fälle von plötzlichem Herztod auf dem Sportplatz könnten mit dem Missbrauch rezeptfreier Analgetika zusammenhängen. Die kürzlich veröffentlichte Bilanz einer einjährigen Recherche im Fußballer-Milieu von ARD-Dopingredaktion und dem gemeinnützigen Recherchezentrum Correctiv liest sich erschreckend.

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Demnach ist Schmerzmittelmissbrauch nicht nur im hochbezahlten Profisport ein Problem. Auch Amateurfußballer sollen vielerorts schon vor dem Spiel Tabletten schlucken, meist ohne sich der Risiken bewusst zu sein. Ähnliche Missbrauchsberichte gibt es aus dem Laufsport. Mehr als jeder zweite Marathonläufer nehme vor dem Start Schmerzmittel, hieß es bereits in einer Studie einer Arbeitsgruppe der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg um Prof. Dr. med. Kay Brune aus dem Jahr 2009. Übermäßiger Schmerzmittelgebrauch ist auch im Radsport, bei Schwimmwettbewerben oder in Fitnessstudios nicht unbekannt, wie ein Blick in Online-Chatforen verrät. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Der Sportausschuss des Bundestages plant, angestoßen durch die Recherchen im Fußball, im Januar 2021 eine öffentliche Sitzung zu dem Thema. „Der zu sorglose Umgang mit Schmerzmitteln − nicht nur im Sport, sondern auch in der Gesellschaft − stellt ein nicht zu unterschätzendes Problem dar, das wir aus meiner Sicht aufgreifen sollten“, erklärte die Vorsitzende des Gremiums, Dagmar Freitag (SPD).

Tatsächlich gibt es Daten, die den Schmerzmittelkonsum der Deutschen unreflektiert erscheinen lassen. So schluckt jeder zweite Erwachsene mindestens einmal im Monat rezeptfreie Analgetika, in der Regel ohne ärztlichen Rat. Knapp 13 Prozent der Anwender nehmen Ibuprofen und Co. auch länger als vier Tage, ohne einen Mediziner zu konsultieren. Das berichtete das Robert Koch-Institut 2014, als es im Auftrag des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums prüfte, wie und in welcher Form auf der Verpackung von Schmerzmitteln vor übermäßigem Gebrauch gewarnt werden könne.

Warnhinweis reicht nicht

Schon damals sorgte sich die Politik um einen zu laschen Umgang der Deutschen mit den Schmerzstillern, der sich 2008 sogar in der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KIGGS) gespiegelt hatte. Etwa 13 Prozent der 14- bis 17-jährigen Mädchen und knapp sechs Prozent der gleichaltrigen Jungen hatten demnach in den letzten sieben Tagen vor der Befragung für die Studie ohne medizinischen Rat ein Schmerzmittel eingenommen.

Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich der Verbrauch der Mittel in Deutschland seither reduziert hat. In der Top 20 der absatzstärksten Arzneimittel belegen die vier Klassiker Ibuprofen, Paracetamol, Diclofenac und ASS in verschiedenen Ausführungen gleich sieben Plätze. „Pro Jahr gehen hierzulande 100 Millionen Packungen frei verkäuflicher Schmerzmittel über den Apothekentisch, das ist auch ein gesellschaftliches Problem“, bestätigt der Arzneimittelexperte Prof. Dr. rer. nat. Gerd Glaeske, der an der Universität Bremen forscht und lehrt.

Die Einnahme vor dem Sport sei offenbar keine Abweichung von der Norm, sondern würde toleriert. „Und das ist bereits Missbrauch“, meint Glaeske, „diese Schmerzmittel sind nicht für den prophylaktischen Gebrauch vorgesehen.“ Dass Ibuprofen und vergleichbare Schmerzstiller rezeptfrei sind, würde viele zu dem Glauben verleiten, sie hätten keine Nebenwirkungen. Glaeske sieht deshalb Apotheker in der Pflicht, bei jeder Abgabe von rezeptfreien Analgetika aufzuklären, „auch wenn es anstrengend und auf Dauer eintönig ist“.

Aber auch die Politik sei gefordert. „Ein Warnhinweis auf der Verpackung reicht nicht“, so Glaeske, „Werbung für rezeptfreie Schmerzmittel sollte verboten werden.“ In der Werbung würden Schmerzmittel oft als schnelle, unproblematische Lösung für Alltag und Sport angepriesen. „Das verführt zu einer freizügigen Einnahme und fördert Missbrauch“, ist Glaeske überzeugt.

Dass dieser Missbrauch im Breitensport so massiv sein könnte, wie die Recherche von ARD und Correctiv andeutet, habe er nicht vermutet. „Man kennt die Auswüchse im Profibereich, die Dopingfälle und vereinzelte Todesfälle“, so Glaeske, „aber die Berichte aus dem Amateurbereich haben mich erschüttert.“ Hier ist die Rede von über 1 100 Amateurspielern, von denen mehr als die Hälfte angab, mehrmals pro Saison Schmerzmittel zu nehmen – 40 Prozent davon präventiv. Repräsentativ sind diese Zahlen nicht. Und im Gegensatz zum Profisport gibt es bisher keinerlei gesicherte Erkenntnisse über den Schmerzmittelgebrauch von Amateur- und Hobbysportlern. „Das Wissen und die Studienlage zur Nutzung von Schmerzmitteln im Sport ist insgesamt noch sehr lückenhaft“, sagt Dr. Sportwiss. Thomas Rüther, der an der Deutschen Sporthochschule Köln in der von Prof. Dr. med. Dieter Leyk geleiteten Arbeitsgruppe Leistungsepidemiologie forscht.

Sportübergreifende Studie läuft

Vereinzelte Studien aus spezifischen Bereichen hätten bislang nur wenig Aussagekraft. Zu unterschiedlich seien die Grundvoraussetzungen. „Bei Kontaktsportarten ist das Verletzungsrisiko beispielsweise ein ganz anderes als bei einem Individualsport wie Laufen“, so Rüther. Es dürfe einen deutlichen Einfluss auf die Neigung zum Schmerzmittelmissbrauch haben, ob der Sport aus Leistungs- oder aus gesundheitlichen Gründen betrieben werde, welche Anreize innerhalb eines Wettbewerbs existierten und über welchen individuellen Bildungs- und Informationsstand die Sportler verfügten. „Globale Verallgemeinerungen sind nicht zulässig“, warnt Rüther.

Das zeigt auch eine Untersuchung, die Rüther selbst in den Jahren 2016 bis 2018 mit seiner Forschungsgruppe durchführte. Die Sportwissenschaftler befragten mehr als 15 000 Teilnehmer von Laufveranstaltungen unter anderem zu ihrem Schmerzmittelkonsum. Anders als bei der Studie von Brune und Kollegen knapp zehn Jahre zuvor gaben mit knapp 20 Prozent deutlich weniger der Läufer an, Analgetika in Verbindung mit Sport einzunehmen und dies weniger als ein Mal im Monat.

Nach eigenen Angaben nahmen die Sportler die Mittel zudem mehrheitlich nicht präventiv, sondern nur bei Schmerzen nach dem Wettkampf. Dabei zeigten sich leichte Trends: Befragte, die Nahrungsergänzungsmittel nahmen, griffen öfter zu Schmerzmitteln, Frauen öfter als Männer und Intensivsportler häufiger als Gelegenheitsläufer. Ob diese Faktoren auch in anderen Sportarten eine Rolle spielen oder in diesem Kontext mit Schmerzmittelmissbrauch korrelieren, ist jedoch völlig unklar. Mehr Erkenntnisse soll eine langfristige, sportübergreifende Studie bringen. „Daran arbeiten wir gerade“, so Rüther.

Hohe Intensität oder sogar Verbissenheit bei Hobbysportlern könnten Ärztinnen und Ärzte durchaus als Hinweis auf einen möglichen Schmerzmittelmissbrauch werten, meint Dr. med. Monika Vogelgesang. Die Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie sowie für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie lehrt seit über 20 Jahren am Sportwissenschaftlichen Institut der Universität des Saarlandes im Bereich Sporttherapie bei psychischen Erkrankungen und kennt zahlreiche Berichte von Schmerzmittelmissbrauch im Sport aus der Praxis. „Die Leistung steht oft im Vordergrund. Besonders problematisch ist es, wenn Trainer bereits an Jugendliche Schmerztabletten weitergeben, sodass hier schon früh die Weichen für einen unreflektierten Schmerzmittelkonsum im Erwachsenenalter gestellt werden“, berichtet Vogelgesang.

Ärzte sollten ihre Patienten befragen, wie viel und wie ehrgeizig sie Sport treiben und sie dabei aktiv auf die Einnahme von Schmerzmitteln ansprechen, rät Vogelgesang. „Von sich aus erzählen das nur wenige Patienten, weil viele rezeptfreie Schmerzmittel für harmlos halten.“ Allein über die oft diffusen Nebenwirkungen eines übermäßigen Gebrauchs wie Übelkeit, Kopfschmerzen, Durchfall, Schlaflosigkeit oder Magenschmerzen hätten Ärzte kaum eine Chance, diese spezifische Ursache zu ermitteln.

Dass sich der Missbrauch von rezeptfreien Schmerzmitteln so schlecht greifen lasse, liege auch daran, dass selbst eine dauerhafte und regelmäßige Einnahme nicht als Sucht, sondern lediglich als schädlicher Gebrauch behandelt werde. „In der aktuellen Klassifikation der WHO, der ICD10, sind bei den Diagnosekriterien für das Abhängigkeitssyndrom explizit nur psychoaktive Substanzen erwähnt“, sagt Vogelgesang, die auch Vorstandsvorsitzende des Fachverbandes Sucht ist. Auch bei nichtpsychotropen Analgetika gebe es zwar gewisse Suchtmechanismen, „eine Substanzabhängigkeit im eigentlichen Sinn kann jedoch nicht diagnostiziert werden“, so Vogelgesang.

An der Median Klinik Münchwies leitet die Medizinerin neben der Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen auch eine Sektion, in der psychosomatische Rehabilitationsmaßnahmen durchgeführt werden. „Hier bieten wir mit einem eigens dafür konzipierten Programm Patienten mit schädlichem Schmerzmittelgebrauch spezifische Hilfen an“, erklärt Vogelgesang. Die größte Gruppe seien Kopfschmerzpatienten, die so viele Analgetika geschluckt haben, dass sich ihre Kopfschmerzen als Nebenwirkung verschlimmert hätten.

Körper wird als Gerät betrachtet

Sportler seien weniger häufig vertreten, ihnen fehle oft das entsprechende Problembewusstsein. „Der Körper wird dann mitunter wie ein Gerät betrachtet, dessen Funktionseinbußen man mit Medikamenten in den Griff zu bekommen versucht“, so Vogelgesang. Wenn Sportler nur noch mit Schmerzmitteln Sport treiben könnten, um ihren Körper über das hinauszubringen, was er eigentlich leisten kann, müsse ihnen vermittelt werden, die Schmerzen wieder als Warnsignal wahrzunehmen, das nicht überdeckt werden dürfe. „Gerade im Breitensport geht es ja darum, lange aktiv sein zu können und nicht um Leistung um jeden Preis“, sagt Vogelgesang.

Denn die langfristigen Schäden beschränkten sich nicht nur auf das Muskelskelettsystem. Das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung steige merklich, die Betroffenen riskierten durch die dauerhafte Analgetika-Einnahme beim Sport einen Infarkt. Die Dehydrierung und gleichzeitig schwächere Durchblutung der Niere könne auch hier zu irreparablen Schäden führen.

Prominentester Fall ist wohl der ehemalige Fußballprofi Ivan Klasnić (siehe Kasten), der mittlerweile mit seiner dritten Spender-Niere lebt. Er verklagte seinen Ex-Verein Werder Bremen sowie die dort für ihn zuständigen Mediziner, die ihn weiter mit Diclofenac behandelten, obwohl sich bereits 2002 eine Nierenerkrankung abzeichnete. Das Landgericht Bremen gab Klasnić 2017 Recht, doch der Streit ging weiter. Nun wollen sich die Parteien vergleichen, wie das Oberlandesgericht Bremen mitteilt. Dort sollte der Fall im Juni dieses Jahres weiterverhandelt werden.

Extremfälle wie diese dürften im Breitensport selten sein, meint Prof. Dr. med. Julia Weinmann-Menke, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie und Leiterin des Schwerpunkts Nephrologie an der Universitätsmedizin Mainz. Dennoch fügten viele Freizeitsportler, die im Zusammenhang mit ihrem Hobby Schmerzmittel einnehmen, ihren Nieren immer wieder bleibende Schäden zu, die sich über die Zeit addierten und meist erst viel zu spät entdeckt würden.

„Wir beobachten das beispielsweise bei Patienten, die extremes Muskeltraining betreiben“, sagt Weinmann-Menke. Auch Marathonläufer hätten ein enormes Risiko, weil sie den nötigen Flüssigkeitsbedarf nicht ausreichend decken könnten. „Teils bemerken Patienten die Schädigung erst, wenn schon 50 Prozent ihre Nierenfunktion verloren gegangen sind und das auch nur, wenn ein Arzt rechtzeitig Veränderungen beim Kreatinin-Wert feststellt und die möglichen Folgen richtig kommuniziert“, so Weinmann-Menke.

Mehr auf Nierenwerte achten

Vor allem männliche Sportler hätten ein erhöhtes Risiko für solche unentdeckten Schäden. „Sie treiben oft exzessiver Sport und gehen seltener zu Check-ups“, erklärt Weinmann-Menke. Sie rät Kolleginnen und Kollegen ebenfalls, ehrgeizige Freizeitsportler in den Blick zu nehmen, besonders auf deren Nierenwerte zu achten und bei Auffälligkeiten häufiger in die Nephrologie zu überweisen.

Auch im größeren Rahmen sieht die Medizinerin mehr Raum für Prävention. „Wir haben in Deutschland 80 000 Dialyse-Patienten, aber die Schädigungsstufen davor werden bislang nicht ausreichend erfasst. Das könnte ein Ansatz sein“, sagt Weinmann-Menke. Die Politik sei ebenfalls in der Pflicht: „Es müsste breitenwirksam auch mit Werbeanzeigen in den Medien darüber aufgeklärt werden, wie gefährlich Schmerzmittelmissbrauch werden kann.“ Alina Reichardt

Plattform auch für Amateure

Der Fußballer Ivan Klasnić lebt mit einer Spenderniere. Foto: picture alliance/M.i.S.-Sportpressefoto
Der Fußballer Ivan Klasnić lebt mit einer Spenderniere. Foto: picture alliance/M.i.S.-Sportpressefoto

Ex-Profi-Fußballer Ivan Klasnić machte sein schmerzmittelbedingtes Nierenversagen publik, verklagte seinen ehemaligen Verein Werder Bremen und die Mannschaftsärzte. Im Freizeitsport ist das kaum vorstellbar. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) will nun auch Amateuren eine Plattform bieten und startete im Juni eine Video-Sprechstunde mit Prof. Dr. med. Toni Graf-Baumann. Der Facharzt für Anästhesie, Intensivmedizin sowie Schmerz- und Sportmedizin beantwortete Fragen und riet besonders Jugendtrainern, immer wieder mit den jungen Spielern zu kommunizieren. Man solle gemeinsam als Mannschaft beschließen, Schmerzmittel nicht präventiv einzunehmen. Über dieses Wir-Gefühl ließen sich junge Sportler gut erreichen. Wann und in welcher Form der DFB sein Angebot fortführen will, ist bislang noch nicht bekannt. alir

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