POLITIK: Das Interview

Das Interview

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War die Bewältigung der Coronapandemie in Deutschland so erfolgreich, weil Deutschland so viele Krankenhausbetten hat?

Prof. Dr. rer. pol. Boris Augurzky leitet den Kompetenzbereich „Gesundheit“ im RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen. Foto: Sven Lorenz RWI
Prof. Dr. rer. pol. Boris Augurzky leitet den Kompetenzbereich „Gesundheit“ im RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen. Foto: Sven Lorenz RWI

Prof. Dr. rer. pol. Boris Augurzky: Ein Faktor bei der Bewältigung der Pandemie war die große Zahl an Intensivbetten in Deutschland. Hinzu kam, dass die regionale Koordination meist gut funktioniert hat. Ein weiterer Faktor war, dass Deutschland nicht das erste europäische Land war, das getroffen wurde. Es blieb daher mehr Zeit, um das Virus in einem frühzeitigeren Stadium einzudämmen.

Prof. Dr. med. Reinhard Busse: Dass Deutschland die Situation vergleichsweise gut gemanagt hat, liegt primär nicht daran, dass die Krankenhäuser erfolgreich behandelt haben, sondern dass wir die Patienten, die nicht unbedingt stationär behandelt werden mussten, von den Krankenhäusern ferngehalten haben. Hier hatte das RKI gerade noch rechtzeitig geraten, positiv getestete Personen nicht stationär einzuweisen.

Prof. Dr. rer. oec. Jonas Schreyögg: Deutschland ist bisher so gut durch die Krise gekommen, weil wir sehr früh mit den Tests angefangen und die Testkapazitäten schnell hochgefahren haben. Ein weiterer wichtiger Grund ist, dass wir anders als viele andere Länder relativ früh die Testung und Behandlung in den ambulanten Bereich verlagert und nur Personen mit vergleichsweise schweren Verläufen stationär eingewiesen haben.

Univ.-Prof. Dr. med. Stephanie Stock: Vier wichtige Faktoren könnten zur erfolgreichen Bewältigung der Pandemie beigetragen haben: das sehr gut ausgebaute ambulante Versorgungsnetz, die große Zahl stationärer Intensivbetten, die Möglichkeit, sehr rasch auf eine große Zahl von planbaren Eingriffen zumindest kurzfristig verzichten zu können, und der Faktor, dass deutsche Krankenhäuser aus der Situation von Italien lernen konnten.

Welche Erkenntnisse haben Sie persönlich im Hinblick auf die Struktur der deutschen Krankenhauslandschaft aus der Coronapandemie gezogen?

Prof. Dr. rer. pol. Boris Augurzky: Wir haben in Deutschland eine dezentrale Versorgungsstruktur. In einer Pandemie ist das vorteilhaft. Das heißt aber nicht notwendigerweise, dass es vorteilhaft ist, wenn wir sehr viele Krankenhausstandorte haben. Eine stärkere Bündelung der Kapazitäten, verbunden mit einer größeren Spezialisierung, widerspricht nicht dem Gedanken, dezentral handeln zu können.

Prof. Dr. med. Reinhard Busse ist Professor für Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin. Foto: privat
Prof. Dr. med. Reinhard Busse ist Professor für Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin. Foto: privat

Prof. Dr. med. Reinhard Busse: Wie bei jeder anderen schweren Erkrankung sollten nur solche Krankenhäuser die Patienten behandeln, die über die entsprechende technische und personelle Ausstattung verfügen. Wegen der hohen Zahl an Patienten, die beatmungspflichtig werden, kommen nur Krankenhäuser mit genügend großen Intensivstationen infrage, da sich der Zustand der Patienten sehr schnell verschlechtern kann.

Prof. Dr. rer. oec. Jonas Schreyögg: Wir haben erneut gesehen, dass uns der Pflegepersonalmangel in vielen Krankenhäusern in gefährliche Situationen bringen kann. Der durch den Gesetzgeber begonnene Weg mit Pflegepersonaluntergrenzen sollte weiter beschritten werden. Dazu gehört auch eine Umstrukturierung von nichtbedarfsnotwendigen Krankenhäusern, um das Personal dort zu bündeln, wo es wirklich benötigt wird.

Univ.-Prof. Dr. med. Stephanie Stock: Es war sehr erfreulich zu sehen, mit welcher Geschwindigkeit und Lösungsorientierung über sämtliche System- und Sektorengrenzen hinweg gearbeitet werden konnte. Für die Perspektive der stationären Versorgung gilt dies insbesondere für die Zusammenarbeit mit den Kassenärztlichen Vereinigungen, dem öffentlichen Gesundheitsdienst und dem Rettungsdienst.

Wie sollte die Krankenhauslandschaft in den kommenden Jahren umgestaltet werden?

Prof. Dr. rer. pol. Boris Augurzky: Es gilt, zwischen einer qualitativ hochwertigen Versorgung in Normalzeiten und einer guten Versorgung in Krisenzeiten abzuwägen. Wichtig ist, dass das Gesundheitswesen flexibel aufgestellt ist. Wir sollten im Krisenfall Ressourcen möglichst schnell umwidmen können. Hierzu könnten wir am Computer verschiedene Katastrophenfälle für unterschiedliche Kran­ken­haus­struk­tu­ren durchspielen.

Prof. Dr. med. Reinhard Busse: Die Krankenhausversorgung muss künftig endlich von der Bevölkerung her, nicht vom einzelnen Krankenhaus, gedacht werden. Technische und personelle Vorgaben sowie Mindestmengen sind die wesentliche Voraussetzung für Qualität – sie sollten verpflichtend vorgegeben sein. Das würde zu einer Reduzierung der Krankenhauszahlen führen, aber gleichzeitig zu mehr Qualität.

Prof. Dr. rer. oec. Jonas Schreyögg ist Inhaber des Lehrstuhls für Management im Gesundheitswesen an der Universität Hamburg. Foto: Universität Hamburg/Valeska Achenbach
Prof. Dr. rer. oec. Jonas Schreyögg ist Inhaber des Lehrstuhls für Management im Gesundheitswesen an der Universität Hamburg. Foto: Universität Hamburg/Valeska Achenbach

Prof. Dr. rer. oec. Jonas Schreyögg: Die im Konjunkturpaket der Bundesregierung vorgesehene Ausweitung des Krankenhausstrukturfonds ist folgerichtig. Außerdem sollten die Maximalversorger und Unikliniken im Rahmen der Vergütung gestärkt werden, die im Krisenfall die Hauptakteure sind, die aber in den letzten Jahren durch die Vergütung sowie durch die fehlenden Investitionen unter die Räder geraten sind.

Univ.-Prof. Dr. med. Stephanie Stock: Das Verhältnis von ärztlichem und pflegerischem Personal im Krankenhaus zur Anzahl der zu betreuenden Patienten sollte verbessert werden. Gelingen kann dies nur in einer deutlich überregional angelegten Strukturplanung mit klaren Zielen, welches Versorgungsniveau Patientinnen und Patienten erwarten dürfen. Hierfür werden auch geeignete Kennzahlen und Qualitätsindikatoren benötigt.

In der Pandemie haben Krankenhäuser vielfach gut zusammengearbeitet. Wie kann eine solche Kooperation für die Zukunft angereizt werden?

Prof. Dr. rer. pol. Boris Augurzky: Ein Weg geht über eine strenge Krankenhausplanung, verbunden mit der Vergabe von Investitionsfördermitteln nur bei Erfüllung der Planungsvorgaben. Ein anderer Weg geht über die Stärkung der Patienten. Wenn sich die Gesundheitsversorgung stärker an deren Bedürfnissen ausrichtet, werden sich die Anbieter einer Region aus Eigeninteresse über alle Sektorengrenzen enger vernetzen.

Prof. Dr. med. Reinhard Busse: Es muss abgesprochen (oder vorgegeben) werden, welches Krankenhaus welche Patienten behandelt – und welche nicht. Für COVID-19 sollte es ausgewählte „Level-1“-Krankenhäuser mit besonderer Expertise und Ausstattung geben, „Level-2“-Häuser für die Behandlung weniger stark erkrankter COVID-19-Patienten und „Level-3“-Häuser für die Behandlung anderer intensivpflichtiger Patienten.

Prof. Dr. rer. oec. Jonas Schreyögg: Das Shared-Care-Making zwischen den Häusern hat schon immer in ausgewählten Bereichen gut funktioniert, zum Beispiel bei seltenen Erkrankungen. Auch im bestehenden Vergütungssystem haben Krankenhäuser Anreize für Kooperationen. Kooperationen können die Effizienz und finanzielle Performanz eines Hauses erhöhen, das haben wir in einer Untersuchung aus dem Jahr 2015 gezeigt.

Univ.-Prof. Dr. med. Stephanie Stock ist die kommissarische Leiterin des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie an der Uniklinik Köln. Foto: privat
Univ.-Prof. Dr. med. Stephanie Stock ist die kommissarische Leiterin des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie an der Uniklinik Köln. Foto: privat

Univ.-Prof. Dr. med. Stephanie Stock: Schon lange vor der Pandemie haben Kliniken über Trägergrenzen hinweg zusammengearbeitet. Generell gilt: Die Zusammenarbeit ist grundsätzlich anreizabhängig. Schafft ein System Anreize, gegeneinander zu arbeiten, werden die Träger im stationären Gesundheitswesen gegeneinander arbeiten. Gelingt es, ein Anreizsystem auf die Zusammenarbeit auszurichten, wird auch dies geschehen.

Welche Lehren kann man aus der Coronapandemie hinsichtlich der Krankenhausfinanzierung ziehen?

Prof. Dr. rer. pol. Boris Augurzky: Wir brauchen Vergütungsanreize zur Ambulantisierung der Medizin. Gleichzeitig müssen wir die ambulante Versorgung entlasten, indem wir stärker auf digitale Angebote setzen. Eine Idee sind regionale Gesundheitsbudgets vor allem in ländlichen Regionen: Wenn ein Krankenhaus weniger stationäre Fälle, dafür aber mehr ambulante Fälle erbringt, soll es keinen wirtschaftlichen Schaden davon haben.

Prof. Dr. med. Reinhard Busse: Wesentlich ist, dass kein Krankenhaus Geld erhalten sollte, das für die Behandlung eines Patienten nicht ausreichend qualifiziert ist – etwa ein Krankenhaus ohne Stroke Unit für einen Schlaganfall-patienten. Dann kann man auch über Zuschläge für besonders gute Qualität nachdenken, etwa wenn überdurchschnittlich viele Patienten nach einer Hüftoperation wieder schmerzlos laufen können.

Prof. Dr. rer. oec. Jonas Schreyögg: Die Krise hat uns noch mal veranschaulicht, dass die primär fallorientierte Vergütung zu kurz greift und der Ein-Haus-Ansatz der DRG-Vergütung die Versorgungsstufen verschwimmen lässt, die aber eher geschärft werden müssen. Sinnvoll wäre eine Integration von Vorhaltepauschalen für Leistungen in bedarfsnotwendigen Krankenhäusern, die unabhängig von der Fallzahl erbracht werden müssen.

Univ.-Prof. Dr. med. Stephanie Stock: Die Krankenhausfinanzierung ist auf den Bedarf und die Qualität der Leistungserbringung auszurichten. Dabei sollten Vorhalteleistungen für Bereiche wie die Geburtshilfe berücksichtigt werden. Auch eine stärkere Berücksichtigung der Ausbildung wäre sinnvoll. In der derzeitigen Finanzierung fehlt der Anreiz, Zeit und Ressourcen in die Ausbildung junger Ärzte zu investieren.

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