ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2020Infektiologie: Lungenkrebspatienten werden bei COVID-19 (zu) selten auf Intensiv behandelt

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Infektiologie: Lungenkrebspatienten werden bei COVID-19 (zu) selten auf Intensiv behandelt

Meyer, Rüdiger

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Foto: sudok1/stock.adobe.com
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Wenn Lungenkrebspatienten zusätzlich an COVID-19 erkranken, werden sie womöglich gegenüber anderen Patienten benachteiligt. Die Auswertung eines Patientenregisters zeigt, dass nur jeder 10., der die Kriterien für eine Intensivbehandlung erfüllte, auch auf einer Intensivstation behandelt wurde. Dabei haben auch Lungenkrebspatienten Chancen, die Erkrankung zu überleben – selbst wenn die Sterberate hoch ist.

Viele Ärzte stufen die Prognose von Lungenkrebspatienten, die mit einer COVID-19-Erkrankung stationär behandelt werden, so schlecht ein, dass sie eine Therapie auf einer Intensivstation nicht in Betracht ziehen. Die „Thoracic Cancers International COVID-19 Collaboration“ (TERAVOLT) hat in einem internationalen Patientenregister in 8 Ländern (42 Zentren) Daten zu 200 Patienten gesammelt, die Marina Garassino vom Istituto Nazionale dei Tumori in Mailand und ihre Mitarbeiter jetzt ausgewertet haben.

Die meisten (76 %) litten an einem nichtkleinzelligen (NSCLC), 15 % an einem kleinzelligen Bronchialkarzinom oder an seltenen Thoraxtumoren (Thymom, Karzinoid oder Mesotheliom). Die Mehrzahl der Patienten erhielt zum Zeitpunkt ihrer COVID-19-Erkrankung ihre Erstlinientherapie, die die Überlebenszeit deutlich verlängert.

Von den 152 Patienten, die stationär behandelt wurden, erfüllten nach Einschätzung von Garassino 134 (88 %) die Kriterien für eine Überweisung auf die Intensivstation. Dort wurden allerdings nur 13 Patienten (10 %) tatsächlich behandelt, von denen 9 mechanisch beatmet wurden. Begründet wurde dies häufig nicht, nur 6 Patienten hatten eine Intensivbehandlung abgelehnt.

Fazit: Garassino vermutet, dass die begrenzten Kapazitäten der Grund waren, die Lungenkrebspatienten in einer Triage von der Intensivbehandlung auszuschließen, weil ihre Überlebenschancen ohnehin als gering eingeschätzt wurden. Aber die Sterberate von 33 % (66 von 200 Patienten) lag nur leicht höher als bei anderen COVID-19-Patienten. Eine Infektion ist danach keineswegs zwingend ein Todesurteil, und für Garassino ist es durchaus denkbar, dass mehr Patienten überlebt hätten, wenn sie auf einer Intensivstation behandelt worden wären.

In einer Analyse waren ein Alter über 65 Jahre (Odds Ratio [OR] 1,88), Komorbiditäten (OR 2,65), Dyspnoe (OR 6,20), eine Chemotherapie (OR 2,54) und Rauchen (OR 4,24) die wichtigsten Risikofaktoren für einen tödlichen Ausgang. Rauchen blieb nach einer Multivariat-Analyse als einziger Risikofaktor erhalten (OR 3,18). Daher sollte es keinen Grund geben, diese Patienten von einer intensivmedizinischen Betreuung auszuschließen, es sei denn, sie selbst würden diese ablehnen. Rüdiger Meyer

Garassino MC, et al.: COVID-19 in patients with thoracic malignancies (TERAVOLT): first results of an international, registry-based, cohort study. The Lancet Oncology 12. Juni 2020; doi 10.1016/S1470–2045(20)30314–4.

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