ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2020Organspendepotenzial steigt trotz zunehmender Zahl dekompressiver Kraniektomien

MEDIZIN: Korrespondenz

Organspendepotenzial steigt trotz zunehmender Zahl dekompressiver Kraniektomien

Schulte, Kevin; Esser, Grit; Borzikowsky, Christoph; Kolbrink, Benedikt; Kunzendorf, Ulrich; Feldkamp, Thorsten

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Hintergrund

Die Zahl der Organspenden ist in Deutschland von 2010 bis 2019 um 28 % von 1 296 auf 932 zurückgegangen (1). Durch eine Analyse aller deutschen Krankenhausfälle konnten wir zeigen, dass ein Erkennungs- und Meldedefizit von möglichen Organspendern hierfür verantwortlich ist (2). Zudem legte unsere Studie nahe, dass das Organspendepotenzial in Deutschland in den letzten Jahren zugenommen hat. Jedoch haben mehrere Studien gezeigt, dass Patienten mit einem schweren Hirnschaden von einer dekompressiven Kraniektomie profitieren (zum Beispiel [3]). Deswegen ist denkbar, dass in den vergangenen Jahren bei Patienten mit einem schweren Hirnschaden vermehrt eine dekompressive Kraniektomie durchgeführt wurde. Hierdurch könnten weniger Patienten einen irreversiblen Hirnfunktionsausfall erlitten haben, da sie durch diese Maßnahme entweder gerettet wurden oder aber an einer anderen Komplikation verstarben. Diese Patienten kämen deswegen, anders als von uns behauptet (2), nicht als Organspender in Betracht. Folglich wäre auch das Erkennungs- und Meldedefizit überschätzt worden.

Methode

Um den Zusammenhang zwischen der Zahl der durchgeführten Kraniektomien und dem Organspendepotenzial zu untersuchen, haben wir deutschlandweit die Krankenhausabrechnungsdaten aller vollstationären Behandlungsfälle der Jahre 2010 bis 2016 untersucht (n = 131 236 558). Mögliche Organspender wurden in einem vierschrittigen Prozess unter Zuhilfenahme von 707 verschiedenen ICD-Codes detektiert: Zuerst wurden alle Todesfälle des jeweiligen Jahres identifiziert (1. Schritt), dann diejenigen selektioniert, deren Haupt- oder Nebendiagnosen auf eine primäre oder sekundäre Hirnschädigung hinweisen (2. Schritt). Dann wurden all diejenigen ausgeschlossen, bei denen eine Kontraindikation für eine Organspende vorlag (3. Schritt). Da ein irreversibler Hirnfunktionsausfall unter anderem durch den Ausfall der Spontanatmung definiert ist, wurden im 4. Schritt die Fälle ausgeschlossen, bei denen keine invasive Beatmung vor dem Tod erfolgte. Dieser Analysealgorithmus wurde von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) entwickelt und in mehreren Studien evaluiert (2). In einem weiteren, zusätzlichen 5. Schritt wurde dann mit Hilfe des OPS-Codes 5–01 (OPS, Operationen- und Prozedurenschlüssel) untersucht, bei welchem Anteil der möglichen Organspender eine dekompressive Kraniektomie durchgeführt wurde. Die Analyse der Krankenhausleistungsdaten wurde vom Data-Warehouse des Statistischen Bundesamtes durchgeführt. Zum Einreichungszeitpunkt dieser Studie lagen dort die Krankenhausabrechnungsdaten bis zum Jahr 2016 vor. Der verwendete Analysealgorithmus ist in Grafik 1 dargestellt.

Ergebnisse

Die Zahl der möglichen Organspender nahm in Deutschland von 2010 bis 2016 um 17,3 % von 23 937 auf 28 087 zu (Grafik 2). Zum einen kann diese Zunahme durch einen Anstieg der Todesfälle mit einer primären oder sekundären Hirnschädigung erklärt werden. Deren Zahl stieg von 65 080 Fällen im Jahr 2010 um 5,2 % auf 68 445 Fälle im Jahr 2016 an. Zum anderen wurde ein größerer Anteil der Patienten invasiv beatmet, bei denen eine Hirnschädigung, aber keine Kontraindikation für eine Spende vorlag. Dieser Anteil nahm von 40,8 % auf 46,3 % zu (relative Zunahme 13,5 %). Die Zahl der dekompressiven Kraniektomien, die in dem Betrachtungszeitraum bei den detektierten möglichen Organspendern durchgeführt wurden, erhöhte sich um 17,4 % von 2 060 auf 2 419 (Grafik 2). Entsprechend blieb der Anteil der möglichen Organspender, bei denen eine Kraniektomie durchgeführt wurde, über den Betrachtungszeitraum konstant und betrug 2010 wie 2016 8,6 % (Grafik 2).

Diskussion

Die hier erhobenen Daten legen nahe, dass das Organspendepotenzial in Deutschland nicht durch eine Zunahme der durchgeführten Kraniektomien abgenommen hat. Zwar ist die Zahl der Kraniektomien in dem Zeitraum tatsächlich gestiegen, jedoch parallel zur Zahl der möglichen Organspender. Entsprechend kann diese Entwicklung nicht als Resultat eines veränderten neurochirurgischen Vorgehens gewertet werden, sondern ist auf eine Zunahme der Fallzahlen zurückzuführen. Somit spricht die Analyse dafür, dass das Organspendepotenzial in dem Betrachtungszeitraum trotz einer vermehrten Durchführung von dekompressiven Kraniektomien gestiegen ist.

Dieser Befund verdeutlicht nochmals, wo das Kernproblem des deutschen Organspendewesens liegt: Trotz einer hohen Zahl möglicher Organspender sowie einer seit Jahren konstant hohen Akzeptanz von Organspenden in der Bevölkerung (4) ist die Organspenderate in Deutschland aufgrund eines Erkennungs- und Meldedefizites von möglichen Organspendern sehr niedrig. Um dieses Defizit zu verbessern, ist am 1. April 2019 das Gesetz zur Stärkung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende (GZSO) in Kraft getreten. Seitdem wird unter anderem die Meldung und Durchführung von Organspenden deutlich besser vergütet, zudem müssen Transplantationsbeauftragte für ihre Aufgaben freigestellt werden. Dennoch ist bislang die Organspenderate nicht nennenswert gestiegen. Ein zentrales Element des GZSO ist allerdings noch nicht wirksam: Laut Gesetz muss jedes zugelassene Entnahmekrankenhaus nun jährlich sein Organspendepotenzial melden und darüber Rechenschaft ablegen, warum mögliche Organspender nicht gemeldet wurden. Diese Daten werden der DSO erstmalig am 30. 6. 2020 vorliegen, die sie dann veröffentlichen soll (5). Da für alle Entnahmekrankenhäuser die gleichen Rahmenbedingungen gelten, müssen in Kliniken, die das Organspendepotenzial nicht realisieren, die klinikinternen Prozesse überprüft werden. Es ist zu hoffen, dass dadurch die Organspendezahlen in Deutschland zukünftig wieder steigen und internationales Niveau erreichen.

Institut für Medizinische Informatik und Statistik, Christian-Albrechts-Universität, Kiel (Borzikowsky)

Interessenkonflikt
Prof. Feldkamp erhielt Honorare für Beratertätigkeit von Bristol-Myers-Squibb (BMS), Roche, Novartis, Fresenius, Chiesi, Teva, Neovii und Sanofi. Ein Autorenhonorar bekam er von Novartis. Erstattung von Kongressgebühren und Reisekosten sowie Vortragshonorare erhielt er von Sanofi, BMS, Astellas, Chiesi und Novartis. Biotest erstattete ihm Kongressgebühren und Reisekosten. Reisekostenerstattung und Vortragshonorare bekam er von Fresenius, Roche und Hexal. Für die Durchführung von Auftragsstudien verantwortete er Drittmittel von Chiesi, BMS, Astellas, Novartis, Hexal und Teva.

Die übrigen Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 20. 3. 2020, revidierte Fassung angenommen: 7. 5. 2020

Zitierweise
Schulte K, Esser G, Borzikowsky C, Kolbrink B, Kunzendorf U, Feldkamp T:
Organ donor potential increases despite rising numbers of decompressive craniectomies. Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 542–3. DOI: 10.3238/arztebl.2020.0542

1.
Deutsche Stiftung Organtransplantation: Organspende und Transplantation in Deutschland. Jahresbericht 2019. Frankfurt/Main: Deutsche Stiftung Organtransplantation 2020.
2.
Schulte K, Borzikowsky C, Rahmel A, et al.: Decline in organ donation in Germany—a nationwide secondary analysis of all inpatient cases. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 463–8 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.
Vahedi K, Vicaut E, Mateo J, et al.: Sequential-design, multicenter, randomized, controlled trial of early decompressive craniectomy in malignant middle cerebral artery infarction (DECIMAL trial). Stroke 2007; 38: 2506–17 CrossRef MEDLINE
4.
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): BZgA Repräsentativbefragung. www.organspende-info.de/infothek/studien (last accessed on 18 March 2020).
5.
Deutsche Stiftung Organtransplantation: Vereinbarung zur Tätigkeit und Finanzierung von Transplantationsbeauftragten. www.dso.de/SiteCollectionDocuments/KH_Vereinbarung_Finanzierung_Transplantationsbeauftragte_11.11.2019.pdf (last accessed on 18 March 2020).
1.Deutsche Stiftung Organtransplantation: Organspende und Transplantation in Deutschland. Jahresbericht 2019. Frankfurt/Main: Deutsche Stiftung Organtransplantation 2020.
2.Schulte K, Borzikowsky C, Rahmel A, et al.: Decline in organ donation in Germany—a nationwide secondary analysis of all inpatient cases. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 463–8 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.Vahedi K, Vicaut E, Mateo J, et al.: Sequential-design, multicenter, randomized, controlled trial of early decompressive craniectomy in malignant middle cerebral artery infarction (DECIMAL trial). Stroke 2007; 38: 2506–17 CrossRef MEDLINE
4.Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): BZgA Repräsentativbefragung. www.organspende-info.de/infothek/studien (last accessed on 18 March 2020).
5.Deutsche Stiftung Organtransplantation: Vereinbarung zur Tätigkeit und Finanzierung von Transplantationsbeauftragten. www.dso.de/SiteCollectionDocuments/KH_Vereinbarung_Finanzierung_Transplantationsbeauftragte_11.11.2019.pdf (last accessed on 18 March 2020).

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