ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2020Gesundheitspersonal und COVID-19: Infektionszahlen nehmen zu

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Gesundheitspersonal und COVID-19: Infektionszahlen nehmen zu

Fischer-Fels, Jonathan

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Ärzte und Pflegekräfte wissen, wie sie sich vor Viren schützen können. Dennoch infizieren sich weltweit immer mehr Gesundheitsfachkräfte mit SARS-CoV-2. Die Dunkelziffer ist dabei wahrscheinlich hoch, denn aus vielen Ländern gibt es keine offiziellen Zahlen.

Jeden Tag infizieren sich aktuell rund 20 Ärzte, Pflegekräfte und anderes Gesundheitspersonal in Deutschland mit SARS-CoV-2. Wochenlang waren es weniger gewesen. Mehr als 14 200 infizierte Beschäftigte in Krankenhäusern, Praxen und anderen patientennahen Bereichen meldete das Robert Koch-Institut (RKI) am 27. Juli. Das waren rund sieben Prozent aller Infizierten in Deutschland. Seit Beginn der Pandemie verstarben 22 von ihnen. Pflegeheime sind hier nicht eingerechnet.

Im internationalen Vergleich scheinen das sehr niedrige Zahlen zu sein. Doch verlässliche Daten über den „Blutzoll der Beschäftigten im Gesundheitswesen“ seien oft sehr schwer zu bekommen, erklärte der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebunds (World Medical Association, WMA), Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. „In vielen Ländern fehlen die statistischen Grundlagen“, sagte er dem Deutschen Ärzteblatt. Weder die WHO noch nationale Institute könnten objektive Zahlen liefern. Auch das RKI bezeichnet seine Zahlen als Mindestangaben.

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Mehr als 1,3 Millionen Infizierte

Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) hatte Mitte Juli von mehr als 1,3 Millionen infizierten Ärzten und Pflegenden weltweit gesprochen. Das seien etwa zehn Prozent aller globalen COVID-19-Fälle, sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Der Internationale Rat der Krankenpfleger (International Council of Nurses, ICN) hatte in einer Analyse Anfang Juni weltweit mehr als 230 000 infizierte Pflegekräfte erfasst. Demnach würden im Schnitt sieben Prozent aller national gemeldeten Fälle bei Angehörigen der Gesundheitsberufe auftreten. Mehr als 600 Pflegende seien bislang gestorben. Der ICN kritisiert ebenfalls das Fehlen einer standardisierten systematischen Erfassung der Infektionen bei Gesundheitsmitarbeitern. „Pflege scheint momentan einer der gefährlichsten Berufe der Welt zu sein“, sagte der ICN-Hauptgeschäftsführer Howard Catton.

In Europa liegt Großbritannien mit offiziell 272 verstorbenen Gesundheitsfachkräften weit vorn (Stand 25. Mai). Spanien meldete zum selben Zeitpunkt 63 offizielle Tode. Transparente Meldewege und eine zentrale, öffentliche Erfassung, wie die des RKI für Deutschland, sind international eine Seltenheit. In Italien zum Beispiel sammelt ein Verband der Chirurgen und Zahnärzte die Namen verstorbener Ärztinnen und Ärzte. Ihre Aufzählung, die an die Kolleginnen und Kollegen erinnern soll, enthielt Anfang Juli 188 Menschen.

Spitzenreiter der Länder, aus denen es staatlich erhobene Zahlen gibt, sind die USA: Das Center for Disease Control (CDC) meldete Anfang Juli 507 Todesfälle unter medizinischem Personal. Das Potenzial einer Untererfassung zeigt ein Vergleich: Das russische Ge­sund­heits­mi­nis­terium sprach Ende Mai von 101 verstorbenen Gesundheitsmitarbeitern. Inoffiziellen Namenslisten zufolge, denen die Menschenrechtsorganisation Amnesty International nachgegangen ist, sollen es jedoch bereits mehr als 540 Tote sein. Amnesty hatte weltweit unterschiedlichste Quellen aus 79 Staaten zusammengeführt und zählt auf ihrer Liste inzwischen mehr als 3 000 verstorbene Gesundheitsfachkräfte. Besonders aus Afrika und Asien gebe es oft entweder inoffizielle oder gar keine Daten über Todesfälle. Das WHO-Regionalbüro für Afrika sprach am 23. Juli von mehr als 10 000 infizierten Gesundheitsmitarbeitern. „Jede Infektion bei Gesundheitspersonal ist eine zu viel“, sagte die WHO-Regionaldirektorin Dr. Matshidiso Moeti.

Globaler Ruf nach mehr Schutz

Eine einfache Erklärung für die internationalen Unterschiede gibt es nicht. Amnesty wies darauf hin, die Daten mit Vorsicht zu interpretieren. Zum einen würden „Gesundheitsmitarbeiter“ oft unterschiedlich definiert: Manche Länder zählten zum Beispiel Feuerwehr- oder Pflegeheimpersonal dazu. Zum anderen sei ein einfacher Zugang zu Tests für medizinisches Personal nicht überall gegeben. Angesichts des großen berufsbedingten Infektionsrisikos fordern nun immer mehr Mitarbeiter der Gesundheitssysteme weltweit mehr Schutzausrüstung sowie eine dem Risiko angemessene Bezahlung. Berichte, die Amnesty zugetragen wurden, beschreiben zusätzlich auch Repressalien gegen jene Gesundheitsmitarbeiter, die auf Missstände hinwiesen – beispielsweise in Indien oder Südamerika. Die Organisation dokumentierte mehrere Fälle, bei denen Mitarbeitern mit Kündigungen gedroht, Streikende festgenommen oder Opfer von öffentlicher Gewalt wurden. „Das alles darf sich nicht wiederholen“, sagte WMA-Vorstand Montgomery.

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michelvoss
am Dienstag, 11. August 2020, 23:29

Ärzte, die WÄHREND der Covid-19-Epidemie gestorben.

In Italien sammelt ein Verband die Namen ALLER verstorbener Ärztinnen und Ärzte, also auch derjenigen die NICHT infiziert waren: http://web.archive.org/web/20200810163545/https://portale.fnomceo.it/elenco-dei-medici-caduti-nel-corso-dellepidemia-di-covid-19/

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