ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2020Berühmte Entdecker von Krankheiten: Jens Einar Meulengracht, ein Pionier der Ernährungsmedizin

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Berühmte Entdecker von Krankheiten: Jens Einar Meulengracht, ein Pionier der Ernährungsmedizin

Schuchart, Sabine

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In die Medizingeschichte schrieb der dänische Internist und Facharzt für Magen-/Darm- und Blutkrankheiten seinen Namen mit mehreren Eponymen ein. Für die Therapie blutender Magengeschwüre entwickelte er eine innovative Diät und war damit seiner Zeit weit voraus.

Bereits in jungen Jahren machte er sich als Mediziner einen Namen. Mit 31 Jahren veröffentlichte Jens Einar Meulengracht eine Studie zum hereditären hämolytischen Ikterus, später bekannt als Meulengracht-Syndrom. Doch mehr noch als mit der Stoffwechselstörung wurde er mit zwei weiteren wegweisenden Beiträgen zur Medizin auch international bekannt: Zum einen mit seiner Forschung zur perniziösen Anämie, deren Ursache, die Unfähigkeit zur Vitamin-B12-Aufnahme, damals noch nicht bekannt war und die oft innerhalb weniger Jahre zum Tode führte. Zum anderen mit seiner innovativen Behandlung von Magenulzera mit Bluterbrechen mit einer von ihm entwickelten Diät.

Bis dahin galt dafür als Therapiestandard eine sehr restriktive Kost mit kleinen Mengen von Milch und Eiswürfeln sowie absoluter Bettruhe über viele Wochen hinweg. Stattdessen postulierte Meulengracht, dass es umso wichtiger sei, Nahrung und Flüssigkeit aufzunehmen, je stärker eine Magenblutung war, und stellte seine Patienten von 1931 an auf eine reichhaltigere Ernährung um: Pürees aus Haferflocken, dazu Weißbrot, Butter, Käse, dünne Scheiben Fleisch, Milch und Tee, mehrmals am Tag. Dazu verabreichte er Antazida und große Dosen Eisen. Schon nach zwei Wochen durften die Patienten herumgehen und konnten nach vier bis fünf Wochen als geheilt entlassen werden, mussten aber noch längere Zeit die Diät beibehalten. Von einer Operation riet er ab.

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Meulengracht lebte und wirkte fast sein ganzes Leben in Kopenhagen. Er war dort in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die medizinische Autorität, am Bispebjerg-Hospital amtierte er 33 Jahre als Chefarzt. Daneben führte er eine Fachpraxis mit vielen Patienten, darunter weniger wohlhabende und einige Künstler, aber auch die Prominenz des Landes wie König Frederik IX., der ihm auch ein persönlicher Freund war. Trotz seines beruflichen Erfolgs lebte Meulengracht nicht nur für die Medizin, er war eine markante Persönlichkeit. Von kleiner Statur, machte er sich zur Jagdsaison noch einen Kopf kleiner, wie es augenzwinkernd in einer Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum der Klinik heißt: Wenn er in dieser Zeit zur Morgenvisite erschien, war er unter dem weißen Kittel meist schon für die Jagd gekleidet. Damit dies nicht auffiel, ging er leicht in die Knie gebeugt, damit die Jagduniform nicht unter dem Kittel hervorlugte.

Meulengracht wurde am 7. April 1887 als Sohn eines Fabrikingenieurs geboren. 1905 beginnt er sein Medizinstudium, 1912 legt er das Examen an der Universität Kopenhagen ab. Danach folgt seine einzige medizinische Arbeit im Ausland: Während des Balkankrieges 1912/13 wirkt er als Arzt in einem serbischen Kriegskrankenhaus in Valjevo. Zurück in Kopenhagen setzt er seine Ausbildung in verschiedenen Krankenhäusern fort. Er promoviert 1918, macht seinen Facharzt für Magen-, Darm- und Blutkrankheiten sowie Innere Medizin und wird schon 1924 zum Chefarzt befördert. 1935 wird er zum Professor für klinische Medizin an der Universität Kopenhagen berufen. Meulengracht ist mit seinem Charme und Charisma bei den Studenten sehr beliebt, was bei seinen Mitprofessoren nicht immer auf Begeisterung stößt. Im Umgang mit Kranken zeigt er großes Mitgefühl. Er hat ein hervorragendes Gedächtnis und kann sich an alle seine Patienten und ihre Krankheiten erinnern. Er stirbt 1976 im Alter von 89 Jahren. Begraben ist er auf dem Garnisonsfriedhof in Kopenhagen zusammen mit seiner Ehefrau Olga, die er 1920 geheiratet und mit der er zwei Kinder hatte.

Morbus Meulengracht/Gilbert-Meulengracht-Syndrom

1918 beschrieb Einar Meulengracht (1887–1976) eine häufige Stoffwechselstörung (fünf Prozent der Bevölkerung), bei der der Gallenfarbstoff Bilirubin aufgrund eines vererbten Enzymdefekts unzureichend ausgeschieden wird. Meist ist eine Gelbfärbung der Skleren das einzige Symptom der als eher harmlos geltenden Anomalie. Die Betroffenen bauen aber Toxine wie Alkohol, Nikotin oder Schmerzmittel schlechter ab. Nach Meulengrachts umfassender Erforschung wurde die Hyperbilirubinämie nach ihm benannt. Ein weiterer Namensgeber ist der französische Arzt Augustin Nicolas Gilbert, der um 1900, zusammen mit Pierre Lereboullet, die Krankheit erkannt hatte. Der Meulengracht-Ikterus-Index zur Quantifizierung des Bilirubinspiegels im Blut, die Meulengracht-Diät bei gastrointestinalen Blutungen und die als Holst-Meulengracht-Krankheit bezeichnete Polymyalgia rheumatica sind weitere Eponyme zu Ehren des dänischen Arztes.

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