ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinReisemagazin 1/2000Kanalinsel Jersey: Englischer Tee und französische Weine

Supplement: Reisemagazin

Kanalinsel Jersey: Englischer Tee und französische Weine

Dtsch Arztebl 2000; 97(10): [6]

Sturmhoebel, Elke

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LNSLNS Wie eine dicke Glucke, die ihre Küken unter die Fittiche nimmt, hockt
die mächtige mittelalterliche Burg auf der bunten Häuserzeile am Hafen von Gorey. Die Fischerboote liegen im Schlick. Das Meer hat sich weit zurückgezogen und einen riesigen Sandstrand bloßgelegt. Am Horizont im Dunst, nur zwanzig Kilometer entfernt, flirrt das Ufer der Normandie.
Osten und Westen
Der Wirt, bei dem ich mir ein "Pint of Prawns" geneh-mige, ein großes Glas mit fri-schen Krabben, fragt, ob der Osten Jerseys nicht viel schö-ner sei als der Westen. Gorey ist eindrucksvoll. Aber St. Aubin im Südwesten mit dem Jachthafen und den stattlichen Häusern kann sich ebenso sehen lassen. Himmelsrichtungen auf einer Insel, nicht viel größer als Sylt, spielen doch eigentlich keine Rolle. Bevor ich ein Loblied über das ganze 116 Quadratkilometer große Eiland anstimmen kann, fügt er hinzu: "Im Westen würde ich nicht wohnen wollen, viel zu dicht an Guernsey dran." Eine Erklärung dieser Art hätte man sich denken können. Mit wem man auch spricht, bald kommt die Rede auf die Guerns, die "Donkeys", die spießig und stur wie Esel seien. Die Leute von Guernsey revanchieren sich mit "Crapauds", Kröten. Das Wort steht für Arroganz und Zügellosigkeit. Diese gegenseitigen Vorurteile werden "in aller Freundschaft" zum Besten gegeben. Doch ein Körnchen Wahrheit steckt darin. Der Beginn dieser Rivalität lässt sich bis ins 17. Jahrhundert zurückdatieren, in die Zeit des englischen Bürgerkrieges, als Jersey aufseiten des Königs stand und Guernsey aufseiten von Oliver Cromwell.
Die kleine Insel im englischen Kanal regiert sich selbst, hat eine eigene Rechtsprechung, eigene Banknoten und Briefmarken. Die innere Autonomie war der Kaufpreis, den die Engländer zahlen mussten, als sich im Jahr 1204 die Inselbewohner von der nahen Normandie verabschiedeten und dem englischen König die Treue schworen. Weil Jersey im britischen Parlament nicht vertreten ist, braucht sie sich wegen ihrer Steuergesetzgebung keine Vorschriften machen zu lassen. Alle fünf bis sechs Stun-den ändert die Küste Jerseys ihr Gesicht. Die Gezeiten mit einem Tidenhub bis zu zwölf Metern prägen das Bild des Inselsaums. Bei Ebbe kommen Klippen und Strände zum Vorschein, werden Forts und Burgen begehbar, die sonst vom Wasser umspült sind. Dann kann man trokkenen Fußes dem Elizabeth Castle vor der Hauptstadt St. Helier einen Besuch abstat-ten. Auch der Leuchtturm
La Corbière steht dann auf dem Trockenen. Küstenpfa-de hoch über dem Meer er-schließen den Blick auf die schönsten Strände und Buch-ten. Im sanfthügeligen Insel-inneren kommt man den Ex-portschlagern Jersey Belles und Jersey Royals auf die Spur. Die Belles sind braune Kühe, die gute fette Milch liefern. Die Royals sind kleine wohlschmeckende Kartof-feln, die im späten Frühjahr geerntet werden.
Die Landkarte Jerseys ist gespickt mit französischen Namen, die konsequent eng-lisch ausgesprochen werden. Ein Savoir-vivre lässt sich jedoch nicht verleugnen. Vielleicht spielt die Nähe Frankreichs dabei eine Rolle. Vielleicht liegt es am milden Klima, das der Golfstrom erzeugt und subtropische Pflanzen zum Blühen bringt. Gemütliche Pubs gibt es ebenso wie stimmungsvolle Bistros. Auf gute Küche und erstklassige Weine wird genauso viel Wert gelegt wie auf den Five o’clock tea - mit Jersey-Sahne, versteht sich. Steinerne Zeitzeugen
Manor Houses, feudale Residenzen, sind steinerne Zeitzeugen, als Lehnsherren die Geschicke der Insel bestimmten. Samarès Manor vermittelt die freundliche Atmosphäre eines englischen Landsitzes. Ouen’s Manor hingegen wirkt trutzig und wehrhaft. Viele Kirchen stammen noch aus der Blütezeit der normannischen Kultur, dem 11. Jahrhundert. Die Kirche von Grouville wurde vor wenigen Jahren restauriert. Ein Millionär, der seine Tochter dort standesgemäß verheira-ten wollte, stellte Mängel an der Kirche fest. Er griff in seine Portokasse und zahlte die Reparatur. Elke Sturmhoebel^


Reise-tipps
Anreise: Lufthansa, British Airways, Sabena und Eurowings fliegen nach Jersey. - Ab St. Malo verkehren Schnellfähren der Reederei Condor Ferries (Buchungen und Infos unter Tel 00 33/2 99 20 03 00 oder Fax 00 33/2 99 56 39 27) und Autofähren der Emeraude Lines (Buchungen bei DER Traffic Reisebüros oder Tel 00 33/2 99 40 48 40). Angebote: Airtours, DER Tour und Wolters Reisen zum Beispiel haben Jersey im Programm. Bei Wolters kostet eine Woche mit Charterflug ab und bis Hannover, Ü/F ab 1 159 DM, mit Lufthansa-Flug ab und bis Düsseldorf ab 1 235 DM, mit der Fähre ab und bis St. Malo ab 641 DM. - Infos: Jersey Prospekt-Versand, Postfach 30 02 60, 63089 Rodgau, Tel 0 61 06/7 17 18, Fax 87 04 14. N

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