ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2000Positivliste - Vorsicht: Schnellschuss

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Positivliste - Vorsicht: Schnellschuss

Dtsch Arztebl 2000; 97(10): A-565 / B-497 / C-457

Müller-Oerlinghausen, Bruno; Lasek, Rainer

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LNSLNS Die Ärzteschaft lehnt - anders als in der Vergangenheit - eine Positivliste für Arzneimittel in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung nicht mehr rundweg ab. Mitentscheidend für die letztendliche Bewertung einer solchen Liste ist aber die Frage, wie wissenschaftlich solide sie erarbeitet worden ist. Und hier sind Zweifel angebracht.
Am 20. Januar 2000 versandte das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) eine Aufforderung an alle wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften, die "am besten belegten und therapeutisch aussichtsreichsten Arzneimittel" zur Aufnahme in die Positivliste zu benennen. Dies müssten Arzneimittel für "erhebliche Gesundheitsstörungen" sein, denn "geringfügige Gesundheitsstörungen" werden der Selbstmedikation des Patienten anheim gestellt. Für eine kurze Begründung "insbesondere unter Berücksichtigung der therapeutischen Evidenz" wäre man besonders dankbar. Schlusstermin: Ende März 2000!
Wenn man einmal davon absieht, dass es keine verbindlichen Definitionen dafür gibt, was "erhebliche Gesundheitsstörungen" sind, oder an welcher Linie man die "therapeutisch aussichtsreichsten Arzneimittel" von den anderen abtrennen kann, scheint man sich im BMG keine Vorstellung davon zu machen, welchen wissenschaftlichen Arbeitsaufwand es bedeutet, "Evidenz" für den Beleg der Wirksamkeit eines Arzneimittels zu recherchieren und zu bewerten. Wer selbst eine Gesundheitsreform im Hauruck-Verfahren und nach dem Prinzip "Trial and Error" vorantreibt, kommt vermutlich nicht mehr auf den Gedanken, dass eine wissenschaftliche Gesellschaft einer fachgerechten und seriösen Herangehensweise verpflichtet ist. Oder sollten gar durch eine knappe Terminierung zu viele kritische Einwände bereits im Keim erstickt werden?
Bruno Müller-Oerlinghausen Rainer Lasek
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