ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2000Schwindel: Psychogene Natur wird unterschätzt

SPEKTRUM: Akut

Schwindel: Psychogene Natur wird unterschätzt

Dtsch Arztebl 2000; 97(10): A-568 / B-476 / C-452

Vetter, Christine

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LNSLNS Schwindel ist eines der häufigsten Symptome, derentwegen Patienten ihren Hausarzt aufsuchen. Als erste Anlaufstelle muss er entscheiden, welcher Ursache die Störung zuzuordnen ist. Dies ist wegen der Vielfalt der möglichen Grunderkrankungen nicht einfach, wie beim 24. Interdisziplinären Forum der Bundes­ärzte­kammer in Köln dargelegt wurde. Vor diesem Hintergrund habe vor allem die Anamnese zentrale Bedeutung, erläuterte Prof. Heinz-Harald Abholz (Düsseldorf). Nach seinen Empfehlungen ist genauestens zu hinterfragen, wie der Schwindel erlebt wird; ob es sich eher um einen Dreh-, Schwank-, Lagerungs- oder Liftschwindel handelt, ob eine Art Unsicherheit im Raum besteht oder das Gefühl, "auf Watte zu gehen".

Auch die Dauer des Schwindels ist von Bedeutung, denn sie gibt wichtige Hinweise auf die Ursache. So dauert die Schwindelattacke bei Herzrhythmusstörungen nur Sekunden bis Minuten, während die Symptome beim Morbus Menière Minuten bis Stunden bestehen; medikamentös oder okulär induzierter Schwindel hält meist über längere Zeit an. Noch deutlich unterschätzt wird nach Dr. Annegret Eckhardt-Henn (Mainz) der psychogene Schwindel. Am häufigsten besteht eine Assoziation mit einer Angsterkrankung, doch können auch Depressionen und andere psychische Störungen die Ursache sein. Von den Patienten wird oft Ursache und Wirkung verwechselt. So glauben viele Angstpatienten, zuerst sei der Schwindel da gewesen, der ihnen dann Angst gemacht oder sie direkt in Panik versetzt habe.


Tatsächlich ist es oft umgekehrt, aber die Patienten nehmen den Schwindel quasi als Ersatz für das Symptom Angst", so Eckhardt-Henn. Den Anteil des psychogen verursachten Schwindels bezifferte sie auf 30 bis 50 Prozent. Dennoch werden psychiatrische oder psychosomatische Ursachen oft erst sehr spät in die differenzialdiagnostischen Überlegungen einbezogen. Das ist nicht unproblematisch, denn durch die somatische Therapie kann Schwindel sogar verstärkt werden. Dies geschieht besonders leicht, wenn Schwindel nach einem traumatischen Ereignis auftritt, was zum Teil erst nach Wochen oder Monaten der Fall sein kann. Wird die psychogene Ursache verkannt, können die wiederholten Untersuchungen und Therapieversuche dazu führen, dass sich die Patienten auf den Schwindel fixieren. "Bei anhaltenden Beschwerden ohne klare Ursache sollte deshalb frühzeitig ein Psychosomatiker hinzugezogen werden", forderte die Ärztin. Christine Vetter

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