ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2020Interview mit Bundes­ärzte­kammerpräsident Dr. med. (I) Klaus Reinhardt und dem Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. med. Andreas Gassen: Die Politik muss mit der Ärzteschaft in Dialog treten

POLITIK: Das Interview

Interview mit Bundes­ärzte­kammerpräsident Dr. med. (I) Klaus Reinhardt und dem Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. med. Andreas Gassen: Die Politik muss mit der Ärzteschaft in Dialog treten

Beerheide, Rebecca; Maibach-Nagel, Egbert; Schmedt, Michael

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Wie sehen Bundes­ärzte­kammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung die Lage der Ärzteschaft in der Coronapandemie? Präsident Dr. med. (I) Klaus Reinhardt und Vorstandsvorsitzender Dr. med. Andreas Gassen über Teststrategien, Digitalisierung und Reformen im Krankenhaus.

Andreas Gassen (links) ist seit 2014 Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Klaus Reinhardt (rechts) ist seit 2019 Präsident der Bundesärztekammer. Fotos: Svea Pietschmann
Andreas Gassen (links) ist seit 2014 Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Klaus Reinhardt (rechts) ist seit 2019 Präsident der Bundes­ärzte­kammer. Fotos: Svea Pietschmann

Die Ärzteschaft hat einen großen Anteil an der Bewältigung der Coronapandemie. Gilt das auch für die Politik?

Gassen: Die Ärzteschaft, aber auch die Pflegekräfte und die Medizinischen Fachangestellten hatten einen wesentlichen Anteil, dass wir so erfolgreich durch die Pandemie gekommen sind. Dieses System von niedergelassenen Praxen und Krankenhäusern vor Ort ist auch der Unterschied unserer Pandemielage zu der vieler anderer Länder. Politik hat mitunter geholfen, manchmal nicht gestört und war regional unterschiedlich übergriffig. Inzwischen wissen wir alle etwas mehr. Wir würden jetzt erwarten, dass die Politik uns die Rahmenbedingungen schafft, die ein ärztlich gesteuertes Handeln möglich machen. Gerade wenn eine sogenannte zweite Welle – von der noch keiner weiß, ob sie kommt – auftritt, brauchen wir die Unterstützung der Politik. Und in dem Fall sollte man auch öfter einmal auf Ärzte hören.

Reinhardt: Bis wirksame Impfstoffe entwickelt sind, müssen wir uns auf eine komplizierte Koexistenz mit dem Virus einstellen. Wir müssen die Pandemie eindämmen und dafür sind unsere Strukturen und Strategien an vielen Stellen nachzubessern. Kürzere Meldewege, effizientere Teststrategien und eine zielgenauere Kapazitätenplanung sind dafür nur einige Beispiele. Die BÄK hat gerade erst die relevantesten Punkte herausgearbeitet und der Politik entsprechende Reformvorschläge unterbreitet. Besonders wichtig ist der Ausbau und die Stärkung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD). Der ÖGD sollte mit den Haus- und Fachärzten bis hin zu den stationären Einrichtungen vernünftig synchronisiert und vernetzt werden. Wir brauchen sehr viel mehr Integration der handelnden Ebenen. Es ist Aufgabe der Politik, die Voraussetzungen für bessere Strukturen, für mehr Personal und für den schnellen digitalen Ausbau in den Gesundheitsämtern zu schaffen. Leider müssen wir feststellen, dass es in den Gesundheitsämtern in der Kommunikation, im Umgang mit Verdachtsfällen und auch strategisch regional sehr unterschiedliche Vorgehensweisen gibt. Es kann nicht sein, dass sogar innerhalb eines Bundeslandes unter gleichen Rahmenbedingungen von Kommune zu Kommune unterschiedliche Kriterien zum Beispiel bei den Quarantäneregelungen gelten. Dadurch ensteht in der Bevölkerung Verunsicherung und die Akzeptanz der notwendigen Maßnahmen wird gefährdet. Das darf so nicht bleiben. Es muss für die Bevölkerung klar sein, welche Regeln überall in Deutschland gelten.

Bis Ende August soll für den ÖGD ein Maßnahmenplan stehen. Ist die Ärzteschaft in die Beratungen einbezogen?

Reinhardt: Bis jetzt nicht, aber wir fordern das ein. Ich habe Jens Spahn unsere Mitarbeit angeboten. Der Minister hat das persönlich positiv zur Kenntnis genommen, konnte mir aber keine Zusage machen, da das im Wesentlichen von den Kommunen abhängt. Offenbar ist das dort anders entschieden worden. Wir haben in der Bundes­ärzte­kammer eine Arbeitsgruppe, die sich mit dem Thema befasst. Wir haben auch ganz konkrete inhaltliche Vorschläge gemacht und den Entscheidungsträgern übergeben. Wir hoffen, dass dies nun auch Resonanz findet.

Gilt das generell? Lässt sich die Politik intensiv genug ärztlich beraten?

„Wir als Ärzteschaft können sagen, was wir können und was organisa - torisch nicht geht.“ Andreas Gassen
„Wir als Ärzteschaft können sagen, was wir können und was organisa - torisch nicht geht.“ Andreas Gassen

Gassen: Es gibt ja viele Experten, einige wenige eher selbsternannt. In einer Viruspandemie sind natürlich die wissenschaftlich tätigen Virologen gefragt. Diese können Sachverhalte wissenschaftlich aufarbeiten, sie können daraus aber nicht politische Entscheidungen ableiten. Einem Großteil der Politiker fehlt aber schlicht die Sachkenntnis, aus wissenschaftlichen Aussagen auch eine Bewertung zu finden. Es ist daher wichtig, in den Dialog mit der Ärzteschaft zu treten. Obwohl noch keiner das absolute Wissen bei Corona hat, können wir zumindest sagen, was wir können und was nicht. Daher ist es aus meiner Sicht jetzt klug, sich mit der Ärzteschaft abzustimmen. Wir haben gezeigt: Ärzteschaft ist trotz Föderalismus in der Lage, sehr abgestimmt zu agieren. Das haben vor allem die KVen gezeigt. Das schafft Politik nicht. Dort haben sich einige eher am Krisenmanager-Schaulaufen beteiligt. Daher sollte man auch die Machbarkeiten bei den Ärzten abfragen, um dann eine Priorisierung abzustimmen.

Reinhardt: Zu Beginn der Pandemie gab es einen sehr kleinen Beraterkreis, auf den sich die politischen Entscheidungsträger bezogen haben. Ich habe mich früh beim Minister persönlich dafür eingesetzt, diesen Kreis zu erweitern. Daraufhin wurden bei einigen Beratungen im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium auch die ärztlichen Organisationen einbezogen. Daraus hat sich aber nie eine Plattform verstetigt. Daher fordern wir, dass nun eine Art Nationaler Pandemierat gebildet wird, bei dem Wissenschaftler, Praktiker und Entscheidungsträger aus ganz unterschiedlichen Bereichen zusammenkommen. Die Bewertungen einer solchen Pandemie müssen differenziert sein und zahlreiche Aspekte berücksichtigen, so neben vielen anderen zum Beispiel auch die Situation in Schulen, Kindertagesstätten und Familien. Im Rückblick muss man kritisieren, dass die Befassung thematisch schon sehr eingegrenzt war.

Generell benötigen wir eine Debatte in der Gesellschaft wie auch in einem solchen Nationalen Pandemierat, wie groß die Bereitschaft ist, gewisse Risiken in Kauf zu nehmen, um auch manche Kollateralschäden der Pandemieprävention zu vermeiden. Wir brauchen eine Debatte darüber, wie wir vulnerable Gruppen schützen und gleichzeitig das öffentliche Leben sowie Schulen und Kitas offen halten können.

Ein Beispiel der fehlenden ärztlichen Beratung ist ja derzeit das Ausdehnen der Tests ...

Reinhardt: Ich habe wenig Verständnis für Politiker, die Panik verbreiten und jeden Anstieg der Infektionszahlen zum Anlass nehmen, sich in Szene zu setzen. Wir können heute mit den ganzen Maßnahmen, wie das Freihalten von Klinikbetten oder der Absage von elektiven Leistungen viel flexibler umgehen als noch im März. Bei der Teststrategie sollten wir von den PCR-Tests als Standardmethode wegkommen. Nach dem Abstrich dauert es im Idealfall vier bis sechs Stunden, bis es zu einem Ergebnis kommt. Dann muss das Ergebnis aber noch mitgeteilt werden, das dauert oft Tage. Daher wäre es wünschenswert, je nach Situation mehr Schnelltests einzusetzen. Es ist zumutbar für einen Menschen, 60 Minuten auf das Ergebnis in der Praxis oder an Teststationen zu warten. Dann kann ich ihn sofort beraten, wenn er vor mir sitzt und ich kann die entsprechende Quarantäne oder anderes vorbereiten. Ich würde auch in Kauf nehmen, dass die Sensitivität dieser Tests geringer ist, wenn wir dafür die Infektionsketten schneller durchbrechen können. Wir brauchen genau diese Form von Pragmatismus, um die Krise zu meistern.

Es wird ja wahrscheinlich dazu kommen, dass ab Herbst jeder, der mit Halsschmerzen oder Schnupfen aufwacht, darüber nachdenkt, ob man sich sofort beim Arzt testen lassen will. Wie soll dann die Patientensteuerung vorgenommen werden?

„Wir fordern eine Art Nationalen Pandemierat, bei dem ganz unterschiedliche Bereiche zusammen kommen.“ Klaus Reinhardt
„Wir fordern eine Art Nationalen Pandemierat, bei dem ganz unterschiedliche Bereiche zusammen kommen.“ Klaus Reinhardt

Reinhardt: Ich habe mich dafür ausgesprochen, das Testen aus der Regelversorgung rauszuhalten. Als tätiger Hausarzt kann ich nur sagen, wenn jeder Patient mit einem normalen durchschnittlichen Infekt der oberen Atemwege, der jedes Jahr zwischen November und März auftritt, in der Arztpraxis getestet werden soll, dann lässt sich das nur mit sehr erheblichem Organisationsaufwand und auch nur mit großer Disziplin seitens der Patienten organisieren. Man kann sich vorstellen, dass die KVen Testzentren einrichten. Das muss mit den Krankenkassen verhandelt werden, damit das zu vernünftigen wirtschaftlichen Bedingungen gemacht werden kann. Man kann das auch in Organisationseinheit mit dem ÖGD machen. Aber es sollte einheitlich sein und gut erreichbar für die Betroffenen.

Gassen: Wenn wir weiter proaktiv testen wollen, dann ist es sicherlich sinnvoll, dort Testzentren zu bündeln, wo das geht. Das ist in Großstädten kein Thema, in ländlichen Gegenden ist das nicht immer möglich. Viele KVen arbeiten mit Testzentren, wenn die finanziellen Voraussetzungen stimmen. Zusätzlich brauchen wir aber dezentrale Anlaufstellen bei Praxen, die darauf eingerichtet sind. Das kann man je nach Region sehr unterschiedlich organisieren. Hier wird es eine neue Funktionalität der 116117- App geben, die die Testoptionen in einer Region bündelt.

Ist dazu eine bessere Kommunikationsstrategie notwendig? Seitens der Regierung oder KVen, um deutlich zu machen, was der einzelne Mensch tun muss?

Gassen: Wir haben ja erlebt, dass die 116117 als Bereitschaftdienstnummer zu einer COVID-19-Nummer zweckentfremdet wurde. Da wurde dann aufgerüstet. Ich habe auch den Eindruck, dass in der Bundesregierung die Notwendigkeit einer Kommunikationsstrategie erkannt wird. Bisher lief es ja noch fast immer reaktiv. Zur Kommunikation gab es auch einen Austausch mit dem Kanzleramt sowie regelmäßig mit dem BMG. Im Grundsatz stimmt jetzt die Abstimmung. Es ist aber auch eine riesige Aufgabe. Aber dafür, dass wir vor sechs Monaten ins kalte Wasser geworfen wurden, läuft es eigentlich gar nicht so schlecht.

In der Pandemiezeit ist Begrenzung der Anzahl der Videosprechstunden aufgehoben worden. Sollte dies wieder zurückgenommen werden?

Gassen: Wir haben das Angebot der Videosprechstunde erweitert, um verzichtbare Arztbesuche im Sinne des Containments zu stoppen. Das hat funktioniert. Diese Maßnahmen sind natürlich zunächst mal befristet. Uns ist wichtig: Wir wollen nicht, dass die Telefon- oder Videosprechstunde dauerhaft ein Ersatz für die normale ärztliche Behandlung oder Konsultation wird. Das kann immer nur ergänzend oder als Substitution in besonderen Zeiten sein. Wir sind strikt dagegen und halten das auch für hochgefährlich und riskant, dass es reine Call-Center-Medizin gibt. Aber wir sehen auch, es gibt durchaus Potenzial bei der Videosprechstunde. Wir werden nach Corona auch anders mit einigen Dingen umgehen. Digitalisierung, das ist sicherlich allerdings auch ein Thema, wo der ÖGD massiv Nachholbedarf hat. Dagegen ist die Digitalisierung in Arztpraxen schon da, Ärzte sind nicht digitalisierungsfeindlich. Nur muss ein Nutzen für die Ärzte erkennbar sein, die Finanzierung gesichert sein. Und das war bislang nur sehr verhalten der Fall.

Reinhardt: Allmählich rückt der medizinische Nutzen der Telematik etwas stärker in den Fokus und das ist auch gut so. Die elektronische Patientenakte oder auch das Notfalldatenmanagement können einen echten Mehrwert für Patienten und Ärzte schaffen. Oder denken Sie an Apps auf Rezept. Das wird am Anfang keine große Dynamik haben, perspektivisch sicherlich aber schon. Ich glaube im Übrigen nicht, dass Digitalisierung Ärzte ersetzen oder überflüssig machen wird, im Gegenteil. Künftig muss man sich in Zusammenhang mit der Digitalisierung als Berufsstand vor allem auch mit dem Thema künstliche Intelligenz beschäftigen. Da wird es Hilfssysteme geben, die ärztliches Handeln erheblich und sinnvoll unterstützen können. Digitalisierung lebt aber von der Akzeptanz durch Ärzte und Patienten. Aktuell sehen wir wieder Probleme bei der Einführung der elektronischen Patientenakte: Die vom Gesetzgeber vorgesehene Möglichkeit, dass Krankenkassen Daten von Versicherten ohne Nachfrage für Forschungszwecke verwenden können, halte ich für bedenklich. Diese Bedenken werden von den Datenschutzbeauftragten geteilt. Klüger wäre es, die Patienten zu überzeugen, ihre Daten freiwillig für sinnvolle, definierte Verwendungszwecke wie zum Beispiel die medizinische Forschung zu spenden. Ich bin gespannt, ob der Bundesrat sich noch gegen diese gesetzgeberische Initiative aus der Bundespolitik wehren wird. Automatischer Datenabgriff, auch wenn anonymisiert, schafft kein Vertrauen, nicht bei den Patienten, aber auch nicht bei den Ärzten.

In der gematik hält das BMG seit fast zwei Jahren 51 Prozent der Anteile. Welche Rolle sehen Sie für sich als Gesellschafter im Moment dort?

Gassen: Wir sind Gesellschafter qua Gesetz. Wir sind weder aktiv in die gematik eingetreten noch könnten wir jetzt einfach so austreten. Das BMG hat mit 51 Prozent die Mehrheit und ist damit verantwortlich. Aber dem BMG und auch der gematik muss klar sein: Wenn die Digitalisierung nicht überzeugend bei den Ärzten ankommt, dann wird das auch nicht funktionieren. Wenn ein Patient seinen Arzt fragt, ob er die ePa nutzen soll, und der Arzt sagt, lassen Sie das, dann wird das nicht genutzt werden. Da helfen auch keine entsprechenden Gesetze. Deshalb muss man die Ärzte mitnehmen. Der gematik-Chef Markus Leyck-Diecken hat ja sinngemäß gesagt, dass die Versorgung an fehlenden Daten krankt. Nein, die Versorgung krankt primär an fehlenden Ärzten, Pflegekräften und einer unzureichenden Vergütung. Fehlende Daten sind nicht unser primäres Problem. Datensicherheit dagegen wird immer ein Thema sein.

Reinhardt: Die 51 Prozent bringen zum Ausdruck, dass der Verordnungsgeber und der Gesetzgeber im Grundsatz für die Dinge verantwortlich sind. Und das ist auch gut so. Hört man nun auf unsere Expertise? Manchmal ja, oft auch eher nicht. Das hängt davon ab, ob die ärztliche Expertise in den großen politischen Plan passt. Wenn sie da nicht hineinpasst, wird sie nicht so gerne gehört. Wir müssen als Organisationen der Leistungserbringer noch einmal darüber sprechen, wie sehr wir uns dann in solchen Situationen noch einbringen müssen oder auch wollen.

Ich möchte aber noch auf einen ganz anderen Aspekt der Digitalisierung zu sprechen kommen: Es geht um Kooperationen, die in der digitalen Welt inzwischen möglich, die in der analogen Welt per Strafgesetzbuch aber verboten sind: Ein Anbieter von Videosprechstunden kann von einer Versandapothekenkette aufgekauft werden. Wenn ich als niedergelassener Arzt eine Berufsausübungsgemeinschaft mit meinem örtlichen Apotheker eingehen möchte, dann ist ist mir das aus guten Gründen verboten. Es entwickeln sich auf dem großen Markt der smarten digitalen Versorgung Modelle, bei denen ärztliche Unabhängigkeit in erheblichem Maße infrage gestellt wird. Es braucht umgehend eine rechtliche und auch gesundheitspolitische Bewertung solcher Entwicklungen.

Gassen: Corona ist in diesem Zusammenhang auch ein Anlass, zu dem man noch mal hinterfragen kann, welche Versorgungsstrukur die Gesellschaft haben möchte. Schnell am Rechner ein Medikament bestellen oder doch einen Arzt vor Ort haben? Als Corona kam, wurde deutlich, dass eine Haus- oder Facharztpraxis in der Nähe oder auch eine Apotheke ein hohes Gut ist. Das ist ja ein gesundheitliches Netz, das wir über die Republik gespannt haben, zu dem alle Therapieberufe gehören. Das funktioniert auch nur, weil es kleine, private Einheiten sind, die eine enge Bindung zu ihren Patienten haben.

Reinhardt: Und da ist der Blick eines 40-jährigen gesunden Menschen auf die Dinge ein anderer als der eines 70- bis 80-jährigen chronisch Erkrankten. Beide Welten können natürlich koexistieren. Aber es kann nicht sein, dass die digitale Welt, die für alle Gesunden eine komfortable Einrichtung ist, zum Standard wird und die anderen, für die Kranken wichtigen Strukturen kannibalisiert.

Wenn wir Richtung Herbst schauen, dann steht auch wieder eine Krankenhausgesetzgebung an. Wie wollen BÄK und KBV sicherstellen, dass bei der Reform auf ärztliche und medizinische Belange geschaut wird?

Reinhardt: Die Kran­ken­haus­struk­tu­ren sind historisch gewachsen und vor allem landeshoheitlich organisiert. Nun wird durch das Krankenhauszukunftsgesetz versucht, bundesweit zentrale Anreize für bestimmte Entwicklungen zum Beispiel für den digitalen Ausbau zu setzen. Das kann sicher helfen. Es ist aber ein Zeichen von ausgesprochenem Politikversagen, dass wir in der Landeskrankenhausplanung noch nicht weiter sind. Das Versagen besteht darin, dass eben die Kommunen gar nicht in der Lage sind, die Krankenhauslandschaft vernünftig und subsidiär abgestimmt auch stufenweise zu organisieren. Alle beharren auf dem, was sie haben. Der Kommunalpolitiker, der sich für eine Strukturreform vor Ort einsetzt und gegebenenfalls sein Haus zugunsten einer Fusion mit einem Haus im Nachbarkreis „preisgibt“, muss damit rechnen, dafür im nächsten Kommunalwahlkampf abgewählt zu werden. Vernunft spielt dabei überhaupt keine Rolle. Dabei kann eine solche Strukturreform unter vollständigem Erhalt des Personals durchaus Sinn machen. Es würde den wirtschaftlichen Druck auf die Häuser mildern und käme so den Ärztinnen und Ärzten und einer guten Patientenversorgung entgegen. Darüber müssen Gesellschaft, Medien und Kommunalpolitik reflektieren. Wir müssen auch darüber nachdenken, was passiert, wenn die Länder weiterhin nur unzureichend ihren Investitionsverpflichtungen nachkommen. Es kann nicht dem Verdrängungswettbewerb unterschiedlicher in einer Region bestehender Krankenhäuser verschiedener Träger überlassen bleiben, wie sich die Krankenhauslandschaft einer Region am Ende entwickelt. Insofern ist das gesamte System der Krankenhausfinanzierung inklusive des DRG-Systems vielleicht nicht grundsätzlich, aber doch in wesentlichen Elementen zu hinterfragen.

Im aktuellen Gesetz fehlt vor diesem Hintergrund die Förderung von Kooperationen unter Krankenhäusern mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Wenn Synergieeffekte genutzt werden sollen, und dafür unter Umständen zunächst Investitionen vorgenommen werden müssen, sollten die entsprechenden Kliniken durch gezielte und zweckgebundene Fördermittel dabei unterstützt werden.

Gassen: Wir haben glücklicherweise viele leistungsfähige Krankenhäuser, aber wir haben leider auch Häuser, die keiner mehr braucht. Das kommt inzwischen ja auch als Bestandsaufnahme aus der Krankenhauslandschaft. Insgesamt muss man die Frage stellen: Muss ein Krankenhaus immer Gewinne machen? Wie soll eine Universitätsklinik, die Forschung, Lehre und Versorgung unter einen Hut bringt, Gewinne erwirtschaften, wenn wir von der gleichen Klinik erwarten, dass sie zwei Ebola-Fälle aus dem Kongo unter Maximal-Bedingungen versorgt, was sie übrigens auch schaffen? Aber das kann nicht auf Dauer funktionieren. Natürlich kann man erwarten, dass bei einem guten Management auch eine schwarze Null dabei rauskommt. Gewinnmaximierung führt dann in einigen Fachbereichen aber zu Mono-Strukturen. Da werden zwar hochqualifiziert tolle Leistungen gebracht, aber eben nur einige wenige lukrative Leistungen. Wir brauchen eine Konzentration der Krankenhausstandorte mit einer auskömmlichen Finanzierung sowie einer auskömmlichen Personaldecke. Und wir brauchen eine klare Aufgabenverteilung. Bei Corona hat es sich sehr bewährt: Wir haben eine ambulante Versorgung, die von den niedergelassenen Ärzten organisiert wird, und wir haben eine stationäre Versorgung durch die Kolleginnen und Kollegen in den Kliniken. Da haben beide Gruppen ihre Kompetenzen.

Vor Corona wurde auch eine Reform der Notfallversorgung diskutiert. Noch liegt kein Gesetzentwurf dazu vor. Wie geht es Ihrer Ansicht nach dabei weiter?

Gassen: Ein Gesetz lag ja in Rohform vor, daran müssen wir nun nicht viel in der Grundaussage ändern. Wir sehen die Krankenhäuser wirklich für schwere Fälle in der Versorgung, wie für die Schlaganfälle, die Herzinfarkte oder die Unfälle. Dafür müssen die Notaufnahmen in den Krankenhäusern ausgerüstet und vorbereitet sein. Bei Corona hat man das sehr gut gesehen, dass die Krankenhäuser die Versorgung Schwerkranker gut hinbekommen. Aber die Fälle, die man auch ambulant versorgen kann, die müssen auch in der KV-Welt versorgt werden. Das man das als Kooperation sehen muss, ist völlig klar. Es gibt ja schon viele gute Kooperationen, die zwischen KVen und Krankenhäusern sehr gut funktionieren. Bei der ganzen Gesetzgebung gibt es immer wieder Aufreger im Hintergrund, besonders, wenn es um die Organisation geht. Aber eigentlich haben wir hier vieles ausdiskutiert und ein gemeinsames Verständnis entwickelt. Organisation von ambulanten Fällen ist das eine – medizinische Leitung einer stationären Notfallaufnahme etwas völlig anderes. Das Notfallgesetz wird, wenn sich alles beruhigt hat, eine klare Aufgabenteilung zeigen und dann wird man das unaufgeregt mit der notwendigen Gründlichkeit regeln können.

Reinhardt: Die Coronapandemie hat noch etwas anderes gezeigt: Auf der einen Seite mussten die Notaufnahmen einen Rückgang von Patienten mit kardialen Beschwerden um rund 30 Prozent feststellen, während die Komplikationen nach einem Herzinfarkt deutlich zugenommen haben. Dies legt die Vermutung nahe, dass die Patienten aus Angst vor einer Coronainfektion mit milderen Symptomen die Notaufnahmen gemieden und damit entsprechend frühzeitige und notwendige Interventionen versäumt haben. Solche Entwicklungen müssen wir zukünftig natürlich dringend vermeiden.

Auf der anderen Seite muss man aber auch die massiv zurückgegangenen Bagatellfälle in den Notfall-ambulanzen betrachten. Ich hoffe sehr, dass in diesem Zusammenhang bei den Patienten die Einsicht wächst, bei einfachen Erkrankungen zunächst zu ihrem Hausarzt zu gehen, statt die Rettungsstellen zu überlasten. Patienten und Politik sollten sich vergegenwärtigen, was Ärztinnen und Ärzte und auch pflegerisches Personal in den Rettungsstellen leisten und dass es richtig und vernünftig ist, mit diesen Ressourcen umsichtig umzugehen.

Das Interview führten Rebecca Beerheide, Egbert Maibach-Nagel und Michael Schmedt.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote

    Interviews