ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2020SARS-CoV-2-Tests im Krankenhaus: Ruf nach einheitlicher Strategie

THEMEN DER ZEIT

SARS-CoV-2-Tests im Krankenhaus: Ruf nach einheitlicher Strategie

Osterloh, Falk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Auch durch viele frühzeitige Coronatests ist Deutschland bislang gut durch die Pandemie gekommen. Doch während die Zahl der Neuinfektionen wieder steigt, wächst auch die Kritik an fehlenden Vorgaben für Tests im Krankenhaus. Zudem fordern die Krankenhäuser schnelle Testverfahren.

Foto: picture alliance/dpa/Sebastian Kahnert
Foto: picture alliance/dpa/Sebastian Kahnert

Die frühe Testung von COVID-19-Verdachtsfällen habe maßgeblich dazu beigetragen, dass die erste Infektionswelle in Deutschland gut eingedämmt werden konnte. Mit diesen Worten lobt die Bundes­ärzte­kammer in ihrem Zehn-Punkte-Plan für ein effektives Krisenmanagement die Strategie der Bundesregierung, frühzeitig SARS-CoV-2-Tests auszuweiten. Zugleich kritisiert die Bundes­ärzte­kammer, dass es bis heute nicht gelungen sei, ein tragfähiges einheitliches Konzept für umfängliche und gezielte Testungen zu implementieren.

Anzeige

Mit dem Zweiten Bevölkerungsschutzgesetz wurden Mitte Mai die Weichen für Tests auch an asymptomatischen Patienten gestellt. Seither erhalten die Krankenhäuser ein Zusatzentgelt für die Testung von Patienten. Wer Mitarbeiter auf Kosten der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung testen will, braucht dafür eine Genehmigung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (siehe Kasten). Wie die Teststrategie aussieht, bleibt allerdings dem einzelnen Krankenhaus überlassen. Auch das Robert Koch-Institut (RKI) macht keine klaren Vorgaben. Im stationären Bereich könne es sinnvoll sein, asymptomatische Patienten und Mitarbeiter zu testen, schreibt das Institut auf seiner Webseite. Bei der Entscheidung zu einem solchen Vorgehen solle die jeweils aktuelle epidemiologische Situation berücksichtigt werden (siehe dazu auch den folgenden Text).

Unterschiedliche Strategien

Die Folge fehlender Vorgaben ist: „Die Teststrategien in den einzelnen Krankenhäusern sind uneinheitlich“, kritisiert Andreas Hammerschmidt, 2. Vorsitzender des Landesvorstands Marburger Bund Niedersachsen gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ). Sogar innerhalb einer Stadt gebe es unterschiedliche Strategien.

„Während manche Krankenhäuser alle stationär aufgenommenen Patienten konsequent testen, werden anderenorts nur Notfallpatienten getestet, die stationär aufgenommen werden“, so Hammerschmidt. An weiteren Krankenhäusern würden nur Elektivpatienten getestet oder Patienten, bei denen bestimmte Risikofaktoren vorliegen. „Ähnlich verwirrend ist die Situation bei den Mitarbeitern: Während in manchen Krankenhäusern mehr und in seltenen Fällen sogar regelmäßig getestet wird, wissen wir von anderen Krankenhäusern, in denen es schlichtweg keine routinemäßigen Tests beim Personal gibt“, berichtet Hammerschmidt. Das gelte teilweise selbst für Intensivstationen, Notaufnahmen und für Sonderstationen, auf denen COVID-19-Erkrankte liegen. „Das ist absolut nicht nachvollziehbar“, kritisiert der Orthopäde.

Das Klinikum Magdeburg, ein Schwerpunktversorger mit etwa 1 800 Mitarbeitern, hat sich dazu entschlossen, alle Patientinnen und Patienten auf SARS-CoV-2 zu testen, die stationär aufgenommen werden. „Der Test darf dabei nicht älter als einen Tag sein“, sagt der Ärztliche Direktor des Klinikums, Priv.-Doz. Dr. med. habil. Fred Draijer, dem . „Bei ambulanten Eingriffen müssen die Patienten dafür am Vortag einen Coronaabstrich bei uns im Haus machen.“ Die Tests werden in einem Magdeburger Labor ausgewertet, mit dem das Klinikum schon lange zusammenarbeitet.

Patienten haben Angst

Seit April bietet das Klinikum Magdeburg seinen Mitarbeitern an, sich freiwillig auf SARS-CoV-2 testen zu lassen. Dafür wurde eigens eine Fieberambulanz eingerichtet. Im Juli gab es dann eine behördliche Anweisung, alle Mitarbeiter zu testen, nachdem sich zwei Patienten, bei denen es keinen Kontakt nach außen gab, infiziert hatten. „23 unserer Mitarbeiter wurden zunächst positiv getestet“, erklärt Draijer. „Sie waren symptomfrei, aber offensichtlich SARS-CoV-2-Träger.“ Ein zweiter Test fiel dann allerdings negativ aus. „Wie gehen wir damit um?“, fragt Draijer. „Die für unsere Mitarbeiter zuständigen Gesundheitsämter waren sich uneinig.“ Schließlich entschied das Klinikum, dass alle positiv getesteten Mitarbeiter für zwei Wochen nicht zur Arbeit kommen. „Am Ende geht es doch um den Schutz der uns anvertrauten Patienten und unserer Mitarbeiter“, meint Draijer.

Derzeit lässt das Klinikum sämtliche Mitarbeiter alle 14 Tage testen, die in bestimmten Risikobereichen arbeiten, zum Beispiel in der Notaufnahme, in der Neonatologie oder der Onkologie. Dennoch glaubt Draijer, dass viele Patienten noch Angst davor haben, sich im Krankenhaus mit SARS-CoV-2 zu infizieren. „Man kann schon sagen, dass das Ziel, den Patienten ein Gefühl der Sicherheit zu geben, nicht erreicht wurde“, meint er. In diesem Zusammenhang können viele Tests auch kontraproduktiv sein. „Die Menschen draußen haben die Meldungen, dass jemand in unserem Haus positiv getestet wurde, eher beunruhigt“, sagt Draijer. „Wer viel testet, findet eben auch etwas. Wer jedoch nicht testet, ist nur pseudo-sicher. Deshalb meinen wir auch, dass wir es richtig gemacht haben.“

Der Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD) geht davon aus, dass „pauschale Testungen von Asymptomatischen ohne Anlass bei geringer Inzidenz nicht zielführend“ seien. Das gelte sowohl für Krankenhäuser wie für alle, die beruflich viele soziale Kontakte haben, wie Lehrer oder Kassierer. „Der Test ist immer nur eine Momentaufnahme“, betont der Vorstand des BVÖGD gegenüber dem . „Bei einer Inkubationszeit von acht bis zehn Tagen und einer Ansteckungsfähigkeit von zwei Tagen vor Symptombeginn müsste man alle zwei Tage testen, um sichergehen zu können, dass keine Infektion vorliegt.“ Wenn allerdings die Inzidenz steige oder Infektionen in einem Krankenhaus aufgetreten seien, man also nicht ausschließen könne, dass es zu einem unwissentlichen Kontakt gekommen ist, müsse man das Risiko bewerten und Tests durchführen.

„Viel sinnvoller ist es, von vornherein Hygienemaßnahmen zu treffen“, betont der BVÖGD. „Wenn in der Aufnahme eines Krankenhauses alle Mitarbeiter einen Atemschutz tragen, bei direktem Patientenkontakt FFP2-Masken, wenn alle Schutzkittel überziehen, Handschuhe tragen und Händedesinfektion beachten, kann auch ein Kontakt mit einem Infizierten als Kategorie 3 bewertet werden.“ Die Person werde in der Folge abgestrichen und führe ein Symptomtagebuch, könne aber weiter arbeiten. „Die Förderung des persönlichen Schutzes und die Bereitstellung von Schutzmaterialien für die Mitarbeiter im Krankenhaus ist zielführender als die regelmäßige Testung asymptomatischer Mitarbeiter“, erklärt der BVÖGD.

Hammerschmidt vom MB Niedersachsen fordert sowohl vom RKI als auch von den Bundesländern einheitliche Vorgaben. Zumindest müsse es Mindeststandards im Krankenhaus geben, meint er. Dazu zähle, dass alle stationär aufgenommenen Patienten sowie alle Beschäftigten in Risikobereichen wie den Intensivstationen und den Notaufnahmen getestet werden. „Wir sprechen uns zudem für einen zweiten Test nach circa fünf bis sieben Tagen bei entsprechender Aufenthaltsdauer aus“, so Hammerschmidt. Zudem dürften die Krankenhäuser nicht auf den anfallenden Kosten sitzenbleiben.

Schnellere Testverfahren

Draijer vom Klinikum Magdeburg spricht ein anderes Problem an, das ihm Kopfzerbrechen bereitet. „Zurzeit haben wir eine Isolationsstation mit acht Betten eingerichtet“, sagt er. „Hier werden die bestätigten COVID-19-Patienten sowie die Verdachtsfälle versorgt, bis das Ergebnis ihres Abstrichs vorliegt.“ Asymptomatische Patienten warten auf der Normalstation auf das Ergebnis. „Leider haben wir nicht genügend Kapazitäten, um alle Patienten zu isolieren, deren Ergebnis noch nicht vorliegt“, sagt Draijer. Zum Beginn der Grippesaison könnten noch zwei Normalstationen kurzfristig in weitere Isolationsstationen umgebaut werden. Helfen würden bei diesem Problem schnellere Testverfahren. „Es dauert zu lange, bis bei den derzeitigen Tests ein Ergebnis vorliegt“, kritisiert Draijer. „Wir brauchen Corona-Schnelltests, bei denen das Ergebnis innerhalb von zwei Stunden vorliegt.“ Falk Osterloh

Gesetzliche Grundlagen

Eine Ausweitung der SARS-CoV-2-Tests steht im Mittelpunkt der Strategie, mit der die Bundesregierung die Coronapandemie im Griff behalten möchte. Im Zweiten Bevölkerungsschutzgesetz vom 19. Mai wurde die Testung asymptomatischer Patienten daher als Kassenleistung eingeführt. Auch für eine Ausweitung der Testungen im Krankenhaus wurden Anreize gesetzt. So wurden die Deutsche Krankenhausgesellschaft, der GKV-Spitzenverband und der Verband der Privaten Kran­ken­ver­siche­rung dazu verpflichtet, ein Zusatzentgelt zu vereinbaren, das die Krankenhäuser für SARS-CoV-2-Tests erhalten. Da sich die Vertragspartner nicht einigen konnten, entschied die Schiedsstelle: Für die Zeit vom 14. Mai bis zum 15. Juni erhielten die Krankenhäuser ein Zusatzentgelt von 63 Euro, für die Zeit danach ein Entgelt von 52,50 Euro. Wen die Krankenhäuser testen, bleibt ihnen allerdings selbst überlassen.

Am 9. Juni trat zudem die Corona-Test-Verordnung in Kraft, mit der unter anderem die Testung der Klinikmitarbeiter geregelt wurde. Demnach können die Krankenhäuser SARS-CoV-2-Tests nur dann abrechnen, wenn der Öffentliche Gesundheitsdienst entsprechende Tests veranlasst hat. Die Tests können alle zwei Wochen wiederholt werden. Für einen PCR-Test wurde dabei eine Pauschale von 50,50 Euro veranschlagt.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote