ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2020Restart-19: Ein Corona-Experiment zum Mitmachen

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Restart-19: Ein Corona-Experiment zum Mitmachen

Reichardt, Alina

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In Leipzig haben Wissenschaftler die bisher größte Studie zu Hallenveranstaltungen während einer Pandemie durchgeführt. 1 400 Freiwillige schauten sich dafür unter strengen Hygienevorgaben ein Konzert des Musikers Tim Bendzko an. An den Daten soll sich die Politik künftig orientieren.

Trotz Maske und Sicherheitsabstand kommt Konzertstimmung auf. Ob das Konzept für Großveranstaltungen trägt, werden die Ergebnisse in vier bis sechs Wochen zeigen. Foto: UKH Halle/Zentrale Fotostelle/Arvid Rostek
Trotz Maske und Sicherheitsabstand kommt Konzertstimmung auf. Ob das Konzept für Großveranstaltungen trägt, werden die Ergebnisse in vier bis sechs Wochen zeigen. Foto: UKH Halle/Zentrale Fotostelle/Arvid Rostek

Warm und feucht – bei perfektem Wetter für Krankheitserreger findet am 22. August die bisher weltweit größte Studie zu Großveranstaltungen in Coronazeiten statt. Das Experiment Restart-19 soll zeigen, unter welchen Bedingungen Konzerte, Hallensport und andere Massenevents wieder möglich sein können.

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Dicht gedrängt und in strömendem Regen warten am Samstagmorgen mehr als Tausend Probanden darauf, in die Arena Leipzig eingelassen zu werden. Für Sicherheitsabstände sorgen nur ein paar Regenschirme. Im Namen der Wissenschaft wollen sich die Wartenden ein Gratis-Konzert des Musikers Tim Bendzko anschauen und die Handballer des SC DHfK Leipzig treffen.

Vereinsgeschäftsführer Karsten Günther hatte das Projekt gemeinsam mit Dr. med. Stefan Moritz, dem Leiter der Klinischen Infektiologie der Universitätsmedizin Halle, und dem Geschäftsführer der Arena Leipzig, Matthias Kölmel, auf die Beine gestellt.

Hallenbetreiber und nicht durch TV-Rechte finanzierte Sportarten hat die Pandemie finanziell hart getroffen. Zum Gelingen der Studie steuerten Günthers und Kölmels Arbeitgeber auch aus Eigeninteresse einiges unentgeltlich bei. Die verbleibenden 900 000 Euro übernahmen die Länder Sachsen und Sachsen-Anhalt.

Eine Stunde Verspätung zum Start

Doch schon bevor das Experiment begonnen hat, hinkt das Programm um eine Stunde hinterher. Die massenhafte Ausgabe von FFP2-Masken, fluoreszierendem Desinfektionsgel und Positionstrackern an jeden einzelnen Probanden, nimmt offenbar mehr Zeit in Anspruch als geplant. Jeder wird nach Symptomen und Risikokontakten befragt, jeder muss seine Stirn für eine Fiebermessung hinhalten.

Es habe Probleme mit den Trackern gegeben, heißt es. Sie sind eines der zentralen Forschungsinstrumente. Ein Koffer voll ist am Studienmorgen abhandengekommen. Doch schließlich tragen alle Probanden und das Personal in der Halle eines der kleinen, quadratischen Geräte an einem Band um den Hals. Die Forscher wollen mit ihrer Hilfe Bewegungsprotokolle erstellen. Wo und wie oft begegnen sich die Probanden, wie nah kommen sie sich in den Essensschlangen und vor den Toiletten.

Die Tracker senden nur ein Signal, wenn die Besucher über einen längeren Zeitraum weniger als 1,50 Meter zwischen sich haben. Das dürfte auf Konzerten öfter vorkommen. „Wir rechnen mit vier
Terabyte Daten“, sagt Moritz. Damit wollen er und seine Kolleginnen und Kollegen ein mathematisches Modell entwickeln, wie Besucherströme auf Großveranstaltungen gelenkt werden könnten, um möglichst wenige COVID-19-Infektionen zu riskieren.

Als der Projektleiter schließlich mit deutlicher Verspätung auf der erleuchteten Bühne steht, wirkt die Menge der zum Versuch Angetretenen winzig. Nur die ersten Reihen der für rund 8 000 Personen ausgelegten Halle sind belegt.

Bis zum letzten Tag vor der Veranstaltung hatten die Initiatoren um mehr freiwillige Studienteilnehmer geworben. Von den erhofften 4 000 Probanden tauchen am Samstag nach ersten Schätzungen nur knapp 1 400 auf. Rund 2 200 hatten sich für die Teilnahme angemeldet. „Dadurch mussten wir Abstriche machen, aber das können wir verkraften“, so Moritz.

Einige hätten wohl Angst vor Ansteckung gehabt. Hinzu kamen Ferienzeit und Semesterferien im Veranstaltungsland Sachsen. Viele seien aber auch von vornherein ausgeschlossen worden, erklärt Moritz. Nur Teilnehmer zwischen 18 und 50 Jahren durften sich anmelden. „Das hat viele irritiert.“ Aber man habe kein Risiko eingehen wollen, da schwere COVID-19-Verläufe bei über 50-Jährigen häufiger vorkommen.

Nur ein positives Ergebnis bei den Selbsttests

Von den verbliebenen Teilnehmern zupfen einige an den engen FFP2-Masken, die das Atmen erschweren und den Schweiß in der warmen Halle noch schneller rinnen lassen. Sogenannte Hygienestewards in orangenen T-Shirts huschen durch die Reihen und ermahnen Probanden, die sich die Maske unter die Nase gezogen haben. Viele sind es nicht. „Ich bin sehr zufrieden mit der Disziplin der Teilnehmer“, wird Moritz im Laufe des Tages immer wieder loben.

„Sie da aus der letzten Reihe, winken sie mal alle“, ruft er beim ersten der insgesamt drei Testszenarien an diesem Tag ins Mikrofon. Die Probanden spielen mit. Wer in den hinteren Reihen sitzt, wird nach vorne geholt. „Alle sollen dicht an dicht sitzen, wir wollen hier echte Bedingungen simulieren“, erklärt Moritz. Jedes Szenario soll ein anderes Sicherheitskonzept erproben. Das erste soll die Bedingungen vor Corona nachstellen – keine Abstände zwischen den Sitzen, mehrere Eingänge, 17 Kontakte im Umkreis von 1,50 Meter.

Dass sich auch dabei niemand infiziert, sollen die von langer Hand geplanten und mit den Behörden abgestimmten Maßnahmen sicherstellen. Sogar wie die mit bloßem Auge nicht erkennbaren Aerosole sich verhalten, erfassen weitere im Raum verteilte Sender. Eine aufwendige Computersimulation wird anschließend ihre Gesamtverteilung in der Halle errechnen. Mithilfe von unter UV-Licht leuchtendem Handdesinfektionsgel wird nach jedem Szenario geprüft, wie viele Handabdrücke die Probanden wo hinterlassen haben. Auch diese Daten werden in das Modell fließen.

Im Vorfeld hatten die Initiatoren Selbsttestkits an alle Teilnehmer verschickt. In den 48 Stunden vor dem Experiment musste jeder Angemeldete sich anhand der mitgesendeten Anleitung ein Stäbchen tief in den eigenen Rachen stecken und die Probe anschließend versiegelt abliefern. Bis in die Nacht vor dem Experiment verschickten die Veranstalter E-Mails mit den Testergebnissen. „Es gab nur ein positives Ergebnis von einer Reiserückkehrerin“, so Moritz. Alle Negativ-Kandidaten durften teilnehmen.

Ob wirklich alle Probanden den unangenehmen Selbsttest richtig durchgeführt haben, könne man nicht prüfen und dieser sei auch nur eine Sicherheitssäule von vielen, erklären die Veranstalter. „Ohnehin können wir mit dieser einen Untersuchung nicht alle Fragen beantworten, sondern nur erste Daten liefern“, so Moritz. Damit sei in vier bis sechs Wochen zu rechnen. Ein großes Ziel sei aber bereits erreicht: „Es findet mehr Wissenschaft zu Großveranstaltungen statt.“ In Australien, Belgien und Dänemark seien ähnliche Studien geplant.

Zweifel an dem Konzept gab es im Vorfeld aber offenbar auch. Es habe E-Mails mit Anfeindungen gegeben, berichtet Prof. Dr. med. Michael Gekle, Dekan der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. „Dort hieß es, wir sollen das besser nicht machen“, so Gekle. „Wir sind nicht dieser Meinung! Wir sind von der Veranstaltung überzeugt.“

Fünf Kontakte im Umkreis von 1,50 Meter

Es gehe bei dem Projekt nicht um eine Weltanschauung, sondern darum, evidenzbasierte Daten zu erhalten, an denen sich Veranstalter und Politik künftig orientieren könnten. Es gelte zu klären, welche Risiken man bereit sei, in Kauf zu nehmen, damit es wieder ein kulturelles Leben geben könne.

„Und das muss künftig hoffentlich nicht mehr in Autokinos stattfinden, wo man vom Publikum nur die Scheinwerfer sieht“, sagt Tim Bendzko. Bei jedem der drei Szenarien hält der Sänger das Publikum bei Laune. Trotz langer Einlassprozesse und wortreicher Erklärungen der Veranstalter gelingt es dem 35-Jährigen immer wieder, echte Konzertstimmung bei den Zuschauern zu wecken.

Während die Probanden beim dicht gedrängten ersten Durchlauf noch zurückhaltend agieren, werfen sie beim zweiten Szenario bereits die Arme im Takt hin und her – denn nun muss zwischen allen Probanden ein Platz frei gelassen werden. Hier messen die Tracker nur noch fünf Kontakte in der Distanz unter 1,50 Meter.

Es springen sogar einige auf, um mitzutanzen. Wer mitsingt, ist unter den straffen, dicken Masken nur schwer zu sehen und kaum zu hören. Dennoch lobt Bendzko das Leipziger Publikum als „erstaunlich textsicher“. Vor dem Gong zur letzten Pause verhallt die gemeinsam gesungene Refrainzeile aus Bendzkos Hit „Für immer“: „Es wär̕ okay, wenn̕s nur für jetzt wärʼ“. Alina Reichardt

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