ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2020Sowohl „retrospektiv“ als auch „retrolektiv“
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Weiler et al. berichteten über eine sekundäre Analyse von Daten zum akuten Leberversagen (1). Ausgewertet wurden Daten aus Abrechnung und Mitgliederverwaltung der Allgemeinen Ortskrankenkassen. Die Autoren beschrieben ihr Design als populationsbasierte Studie unter Verwendung prospektiv erhobener Daten. Tatsächlich handelte es sich um eine „wissenschaftliche Studie mit Daten, deren primärer Verwendungszweck nicht wissenschaftlicher Natur ist“ (2). Weder wurde die Fragestellung vor der Gewinnung der Daten formuliert, noch wurden Daten für die Fragestellung erhoben (zum Beispiel durch Untersuchung) oder aus Informationen zur Versorgung für die Fragestellung erfasst (zum Beispiel über einen Erhebungsbogen). Die Zusammensetzung der Daten war daher für die Fragestellung zufällig. Schon Lorenz hatte auf Schwierigkeiten bei der Einteilung von Beobachtungsstudien in prospektiv und retrospektiv hingewiesen (3). Nach Lorenz wäre die Analyse von Weiler et al. „retrospektiv“, weil sie zurückliegende Ereignisse betrachtet, sowie „retrolektiv“, da sie keine neuen Informationen über die interessierenden Ereignisse erhebt. Der Unterschied zwischen einer prospektiven, populationsbasierten Studie zum akuten Leberversagen und der vorgestellten Sekundärdatenanalyse ist auch ökonomisch relevant. Kann man bei der Sekundärdatenanalyse von Durchführungskosten von vielleicht 100 000 Euro ausgehen, wären es bei einer prospektiven, populationsbasierten Studie und 4 652 Fällen mehrere Millionen Euro gewesen. Eine eindeutige und einheitliche Terminologie zu Studientypen ist angesichts eines sich vergrößernden Methodenspektrums – zum Beispiel durch Big Data oder Methoden der Künstlichen Intelligenz – für das Verständnis von empirisch gewonnen Ergebnissen essenziell. Eine solche Terminologie würde den Rezipienten von Veröffentlichungen über die Kenntnis von Vor- und Nachteilen der verschiedenen Studientypen unterstützen. Diese Terminologie steht aktuell aus.

DOI: 10.3238/arztebl.2020.0610b

Prof. Dr. med. Jürgen Stausberg

Arzt für Medizinische Informatik und Ärztliches Qualitätsmanagement

Essen

stausberg@ekmed.de

Interessenkonflikt

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Weiler N, Schlotmann A, Schnitzbauer AA, Zeuzem S, Welker MW: The epidemiology of acute liver failure—results of a population-based study including 25 million state-insured individuals. Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 43–50 VOLLTEXT
2.
Swart E, Schmitt J: Standardized reporting of secondary data analyses (STROSA)—a recommendation. Z Evid Fortbild Qual Gesundhwes 2014; 108: 511–6 CrossRef MEDLINE
3.
Lorenz W: Retrospektive Studien in der Chirurgie. Einführung in die Terminologie und Problematik. Langenbecks Arch Chir 1981; 355: 387–91 CrossRef MEDLINE
1.Weiler N, Schlotmann A, Schnitzbauer AA, Zeuzem S, Welker MW: The epidemiology of acute liver failure—results of a population-based study including 25 million state-insured individuals. Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 43–50 VOLLTEXT
2.Swart E, Schmitt J: Standardized reporting of secondary data analyses (STROSA)—a recommendation. Z Evid Fortbild Qual Gesundhwes 2014; 108: 511–6 CrossRef MEDLINE
3.Lorenz W: Retrospektive Studien in der Chirurgie. Einführung in die Terminologie und Problematik. Langenbecks Arch Chir 1981; 355: 387–91 CrossRef MEDLINE

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Stellenangebote